Prof. Ryszard Legutko, ein polnischer politischer Philosoph und Abgeordneter zum Parlament der Europäischen Union, äußert in seinen Werken eine Fundamentalkritik an utopischen Ideologien, die das kulturelle Fundament zerstören auf dem westliche Gesellschaften und Demokratien beruhen. Dieses falsche Ethos wird in seinem Buch „Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften“ mit dem Phänomen des Kommunismus verglichen. Bei allen Unterscheidungen zwischen der liberalen Demokratie und dem Kommunismus sieht Legutko überraschende Übereinstimmungen:
– Beide Systeme werden „von der Idee der Modernisierung getrieben“, d. h. sie setzen sich klar von der Vergangenheit ab, identifizieren sich mit der Idee des Fortschritts – einem natürlichen Sprössling des Glaubens an der Macht der τέχνη (téchne), der Idee der Machbarkeit.
– Dabei wollen sie in einem naiven Optimismus die bestehende Realität zugunsten einer von ihr imaginierten besseren Welt verändern und rekonstruieren, wodurch ein klarer Bruch mit den überlieferten sozialen, kulturellen und moralischen Regeln sowie der Erinnerung an den Verpflichtungen und Bindungen der Vergangenheit vollzogen wird.
– Beide Ideologien haben einen großen Mechanismus zur Vereinheitlichung inne, der die Unterschiede zwischen den Menschen eingeebnet und den ihren Anhängern vorschreibe, wie sie zu denken haben, was sie tun sollen und welche Sprache sie benutzen sollen.
– Natürliche Gemeinschaften wie die Ehe und die Familie werden systematisch zerstört. Alle (vermeintliche) Feinde des „Fortschritts“, der „Emanzipation“, des „Pluralismus“ oder angeblicher Opfergruppen werden wie einst der „Klassenfeind“ oder „Reaktionär“ im Kommunismus bekämpft.
– Beide Systeme verfolgen die Realisierung eines Programms, das zur Mittelmäßigkeit führt und das getrieben wird von Wünschen und Träumen. Diese sind keine Phantasterei, sondern Utopie und ein wagemutiges Projekt, das vom menschenverachtenden Sozialingenieur planmäßig realisiert wird.
– Mit ihrem Internationalismus bzw. Multinationalismus berauben beide den Nationalstaaten ihr Recht, sich selbst zu organisieren und ihre eigene Zukunft selbständig zu gestalten.
– Beide Ideologien empfinden eine tiefe Abneigung gegen das Christentum.
Das richtige Verständnis von Freiheit
Eine Grundproblematik moderner, utopischer Aporien und Ideologien ist am Begriff der Freiheit festzumachen. In seinem Buch „The Cunning of Freedom. Saving the Self in an Age of False Idols“ setzt sich Legutko daher mit dem Begriff Freiheit in seinen Dimensionen als positive, negative und innere auseinander. Die negative Freiheit wird als Abwesenheit von Zwang definiert, die positive Freiheit als die Fähigkeit, über sich selbst und andere zu bestimmen, und die innere Freiheit als die Fähigkeit, selbst zu sein und seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Die größten Schwierigkeiten in westlichen Gesellschaften besteht laut Legutko darin, sich selbst mit einem richtigen Verständnis des Selbstsein in Verbindung zu setzen. Und diese Schwierigkeit sei verursacht durch einen Liberalismus, der eine reduktionistische sowie abstrakte Auffassung von Freiheit hat, die letztlich dem Menschen keine wirkliche Freiheit geben kann.
Die von Legutko beschriebenen Fehlentwicklungen sind bedingt durch eine minimalistische Konzeption der menschlichen Natur in ihrer politischen, moralischen und metaphysischen Dimension. Eine Herabsenkung der menschlichen Bestrebungen, die jede Form von moralischer oder geistiger Vollkommenheit ausschloß, die zu einem Überhandnehmen des Konsumismus, der Lustbefriedigung und dem Verlust von Kontemplation führten. Zum anderen kam es insbesondere zu einem Bedeutungswandel des Begriffes der Würde durch eine Menschenrechtsrhetorik, die nicht mehr von einer „starken Theorie“ der klassischen Metaphysik abgeleitet wird. Eine neue Sprache der Menschenrechte erklärt nämlich nicht, auf welcher Grundlage und unter welchen Bedingungen der Mensch seiner Würde teilhaftig wird. Die Würde, so wie sie von der ‚Deklaration der Menschenrechte‘ interpretiert wird, hat nichts mehr mit Verpflichtungen zu tun, sondern mit Ansprüchen und Berechtigungen:
„Die neue Würde verpflichtet die Menschen nicht dazu, nach moralischen Leistungen und Verdiensten zu streben, sie erlaubt ihnen vielmehr zu wünschen, was sie wollen und diese Wünsche zu legitimieren.“
Wider der Nivellierung
Die liberale Demokratie, so Legutko, hat wie der Kommunismus in seiner Theorie Vorstellungen des Wahren, Schönen und Guten und somit des guten Lebens und des menschlichen Glücks verdrängt. Dies führt zu einem graduellen Herabsinken der moralischen Standards und zur Einführung neuer Kriterien für privates und politisches Handeln, nämlich Leichtigkeit, Praktikabilität, Nützlichkeit, Vergnügen, Bequemlichkeit und sofortige Belohnung. Die Konsequenz dessen ist das Zerbröseln alter Sitten mit ihren Regeln des Anstands, der Höflichkeit, des Gefühls für Redlichkeit und des Respekts gegenüber Rangordnungen. Während der Kommunismus barbarisch war, ist die liberale Demokratie postkulturell.
Das Christentum ist die letzte verbleibende Großmacht, die eine echte Alternative zu der durch eine mangelhafte Anthropologie verursachten Öde bietet. Mit dem Christentum in Verbindung stehend sieht Legutko die klassische Philosophie, das Erbe der Antike sowie verschiedene Traditionen des Republikanismus und unter anderem den Konservativismus als letzte Bewahrer abendländischer Kultur. Der liberale Mensch hat einen harten Weg vor sich, seinen Aberglauben, seine Vorurteile und seine Dogmen abzulegen. Es wird für eine Wiederentdeckung der verunglimpfen christlichen Offenbarung und Tradition neue Anregungen und einen neuen Aufschwung an spiritueller Energie bedürfen.