Platon gegen den Zeitgeist revisited: Warum der alte Grieche gefährlicher denn je ist – eine Konferenzbesprechung zu Europa Aeternas „Platon und Europa“:
Während westliche Universitäten Statuen stürzen, Lehrpläne „dekolonisieren“ und Professoren wegen unliebsamer Aussagen canceln, versammelte sich Ende Februar in Wien eine Gruppe von Denkern der Gegenströmung – und besann sich auf einen, der all das schon einmal erlebt hat: Platon.
Die Jahrestagung von Europa Aeterna in Wien stand unter dem Leitmotiv „Platon und Europa“. Die zentrale Botschaft war so simpel wie provokant: Eine Rückkehr zu den Quellen – keine nostalgische Rückwärtsgewandtheit, sondern ein Neuanfang von dort aus.
Platon, so die Referenten, sei kein Museumsstück, sondern ein lebendiger Gesprächspartner in Zeiten kultureller Erosion. Veranstalter Dr. Christian Machek betonte mit Leo Strauss: moralische Ersatzdogmen und säkulare Glaubensbekenntnisse werden heute schneller verteilt als Argumente.
Das Politische kann sich nicht selbst begründen
Prof. Thomas Stark legte den Finger in die Wunde: Wer heute vom Politischen spricht, spricht meist von Mehrheiten, Machtoptionen und Meinungsumfragen – und diese Verkürzung sei selbst bereits ein Symptom des Verfalls.
Für Platon gilt: Gerechtigkeit ist nicht das, was gerade per Abstimmung durchgesetzt wurde. Die Frage nach dem Gerechten ist keine politische, sondern eine philosophische Frage. Das Politische kann sich nicht selbst begründen – es lebt von metaphysischen Voraussetzungen.
Das klingt abstrakt? Mitnichten. Wer heute beobachtet, wie in Großbritannien Comedians vor Gericht gezerrt werden, weil ein Witz als „Hassrede“ gilt; wer sieht, wie US-Universitäten ganze Fachbereiche nach den Launen aktivistischer Studenten umbauen; oder wie in Deutschland Lehramtskandidaten an ideologischen Bekenntnissen gemessen werden – der erkennt: Platons Skepsis gegenüber „entarteter Demokratie“ klingt überraschend vertraut.
Das Abendland ohne Platon: geistig heimatlos
Historiker David Engels spannte auf der Wiener Tagung den großen Bogen: Wer das Abendland verstehen will, kommt an Platon nicht vorbei. Von Augustinus bis zur mittelalterlichen Scholastik, von der Renaissance bis zur politischen Philosophie der Neuzeit: Europa sei in weiten Teilen platonisch grundiert. Die Christianisierung des Kontinents, so Engels, sei zugleich eine Art „Platonisierung“ gewesen. Dementsprechend sieht Engels sogar eine Parallele zwischen den platonischen Mythen und den Gleichnissen Jesu. Beide versuchen tatsächlich, eine Wahrheit zu ergründen und auch zu vermitteln, die sich nicht vollständig in begrifflicher Sprache ausdrücken lässt.
Und jetzt? Wenn das Abendland heute eine geistige Krise durchlebt, dann liegt dies nicht zuletzt daran, dass seine metaphysischen Grundlagen in Vergessenheit geraten sind. Wenn Wahrheit zur bloßen Meinung degradiert wird, wenn Schönheit als „eurozentrisch“ gilt und das Gute zur Verhandlungssache zwischen Interessengruppen schrumpft – dann ist die Diagnose platonisch: Das ist Demokratie im Stadium des Verfalls.
Der Kulturkampf als antikes Déjà-vu
Die Philosophie entsteht nicht im Frieden, sondern in einer kulturellen Erschütterung. Handel, Krieg und kulturelle Durchmischung konfrontierten die alten Griechen mit konkurrierenden Weltdeutungen – quasi ein antiker Globalisierungsschock. Die alten Mythen verloren ihre legitimierende Kraft. Was damals die Sophisten waren – Meister der schönen Argumentation ohne Wahrheitsanspruch –, sind heute die Vertreter einer Ideologie, die die doxa (bloße Meinung) zur einzigen erlaubten Währung erklärt.
Die Parallelen sind schlagend
USA: Trumps Exekutivorder gegen „woke“ Bundesbehörden, Floridas „Stop W.O.K.E. Act“ und die massenhafte Abwicklung von Diversity-Programmen: der Gegenwind ist spürbar. Doch junge Menschen priorisieren, so lässt sich guten Gewissens annehmen, deutlich stärker vorgeblich soziale Gerechtigkeit über Redefreiheit als ältere Generationen. So oder so: Der Kulturkampf ist nicht vorbei. Er hat gerade erst begonnen.
Großbritannien: Der neue Gleichstellungsrahmen der Regierung Starmer stößt auf heftigen Widerstand konservativer Juristen und Philosophinnen wie Kathleen Stock, die wegen ihrer Positionen zur Geschlechteridentität von ihrer Universität Sussex regelrecht hinausgemobbt wurde – ein Musterbeispiel platonischer Warnung: Wenn die (vermeintliche) Mehrheitsmeinung wichtiger ist als die Wahrheit, leidet der Gerechte.
Deutschland: Universitäten führen Gendersprache als Pflicht ein, Verlage schreiben Kinderbücher um, Stadttheater canceln Inszenierungen wegen aktivistischen Protests. Die Diagnose der Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter liegt auf der Linie Platons: Eine Ideologie, die sich der rationalen Prüfung entzieht, ist keine Philosophie – sie ist Dogma.
Fazit: Die Rückkehr zur Vernunft ist kein Rückschritt
Die berühmten drei Hügel Europas – Golgatha, Akropolis, Kapitol – Jerusalem, Athen und Rom bilden keinen musealen Dreiklang, sondern eine bleibende Herausforderung. Wer Europa retten will, muss wissen, woraus es gemacht ist.
Althistoriker Engels spannte seinen Bogen in die Gegenwart. Wenn das Abendland heute eine geistige Krise durchlebe, dann liege dies in der Hauptsache daran, dass seine metaphysischen Grundlagen in Vergessenheit geraten seien.
Denn schließlich: Platon lehrte: Wandel ohne Maßstab ist nicht Freiheit – es ist Auflösung. Platon ist nicht nur ein Autor der Antike, sondern ein Denker, der auch im 21. Jahrhundert noch gefährlich aktuell ist – und immer noch aktualisiert wird, den Proponenten der Jahrestagung von Europa Aeterna sei Dank!
Rudolf Preyer (Wien, www.kurs-ost-west.com)
Siehe eine weitere Zusammenfassung sowie ein Video zur Konferenz mit Professor Engels.
Sehen Sie hier einen Vortrag von Prof. Andreas Kinneging zum Thema Platon und Demokratie.
