Der Konservativismus – eine grundsätzliche Standortbestimmung

Das Wesen des Konservativismus zu erkunden, dazu lud Europa Aeterna zu einer Konferenz nach Wien ein: Was ist der wahre Konservativismus, der sich von einem Pseudo-Konservativismus unterscheidet? Eine interessante Frage im Lichte der anstehenden Bundestagswahl in der BRD. 20 Referenten beleuchteten unterschiedliche Aspekte und Perspektiven der Thematik; es kam zu angeregten und spannenden Diskussionen.

Was will der Konservative heute noch bewahren? Welche wären die „gesunden Lehren“ (hl. Paulus)? Dem Konservativen geht es insbesondere um eine Ordnungslehre und die Grundlagen von Gesellschaft und Politik, weshalb er grundsätzlich in Opposition zu den fortschrittlichen und zersetzenden Ideen steht.

Eine unklare Standortbestimmung

Prof. Lothar Höbelt stellte in seiner Standortbestimmung fest, daß sich die Definition von Konservatismus im Lauf der Zeit wandelt und stets abhängig vom gesellschaftlichen Kontext ist. Während im 19. Jahrhundert der klassische Liberalismus als „rechts“ galt, ist dieser Begriff seit den 1970er Jahren zunehmend negativ konnotiert. Höbelt betonte, dass der Konservatismus ursprünglich die Verteidigung bestehender Strukturen verfolgte, während reaktionäres Denken die Offenheit der Geschichte betonte. Die aktuelle politische Landschaft sei jedoch stark fragmentiert: Die politische („demokratische“) Mitte agiere ohne klare Inhalte und Prioritäten, während sich ordnungspolitisch verschiedene Ebenen überlagerten. Beispiele wie die FDP, die alte rechte und neue linke Elemente verbindet, zeigten die begriffliche Verwirrung. Heutige Kulturkämpfe zwischen politischer Korrektheit (grün) und Identitätsfragen (blau) prägten die Debatte zusätzlich.

Konservativ – rechts – reaktionär?

Dr. Caroline Sommerfeld erläuterte die Begriffe „konservativ“, „rechts“ und „reaktionär“ und hob hervor, daß Konservative sich selbst so bezeichnen, während „rechts“ im derzeitigen linken Diskurs pejorativ und als provokatives „Trotzwort“ verwendet wird. Reaktionär zu sein heißt, sich aus dem laufenden politischen Gerede in die katholische Tradition hinauszubegeben. Diese drei politischen Begriffe spiegeln das Lebenswerk Gerd-Klaus Kaltenbrunners (1939-2011) wider: Zuerst wird er zum konservativen Vordenker, der in den 1970er-Jahren der marxistischen Theoriebildung eine genuin konservative entgegenstellt. In den 80er-Jahren profiliert sich sein Denken stärker politisch-inhaltlich und stellt die Orientierung an den Errungenschaften der westlichen Demokratie und bürgerlichen Freiheit als konservatives Minimum heraus. Sein spätes Werkschaffen gilt europäischen Dichtern und Denkern, die sich der „réaction“ zuordnen lassen, bevor er die christliche Mystik entdeckt. 

Der hinter den stehenden Politikbegriffe lassen sich mit Dolf Sternbergers Unterscheidung dreier „Wurzeln der Politik“ zuordnen: der Konservative denkt „anthropologisch“, insofern er den Menschen als ein staats- und ordnungsbedürftiges Wesen bestimmt, der Rechte (und der konservative Revolutionär) denkt „eschatologisch“: Politik arbeitet auf zukünftige „große Veränderung“ hin. Der Reaktionär denkt „machiavellistisch-dämonologisch“, insofern er den Menschen für sündig und Politik für Machttheater hält. Sommerfelds Schlußworte verdeutlichen die Ansicht, daß am ehesten der Reaktionär auf die aktuellen Zeitbedingungen angemessen antwortet, während der Konservative sich tendenziell diesen anbequemen muß, um das von ihm darin Wertgeschätzte zu erhalten und der Rechte als bloßer Gegenspieler des Linken eingespannt zu werden droht.

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Ein authentische Konservativismus

Prof. Felix Dirsch definierte den „authentischen Konservativismus“ als eine Haltung, die über bloße historische Fixpunkte hinausgeht und das Bewahren von Identität, religiösen Werten und Gemeinschaften (Familie, Volk, Nation) ins Zentrum rückt. Im Gegensatz zur Linken, die „soziale Gleichheit“ anstrebt, oder Liberalen, die die individuelle Freiheit betonen, ist der Konservatismus selektiv und wägt ab, was erhaltenswert ist. Dies basiert auf einem Bewusstsein für Verluste, die der Fortschritt mit sich bringt (vgl. Hermann Lübbe). Er sieht in der Vergangenheit einen unentbehrlichen Orientierungsanker und bezieht sich dabei stark auf die Zeitlichkeit – im Sinne von Martin Heidegger: Zukünftiges Sein ist immer auch gelebte Vergangenheit.

Ein „Modernitätskonservatismus“ sucht Dauerhaftes in zeitlichen Umbrüchen und erkennt an, daß Fortschritte unvermeidlich sind, jedoch gezielt gelenkt werden müssen. Dirsch verweist auf literarische Traditionen (Proust, Musil, Nabokov) und kulturelle Praktiken wie Denkmalschutz oder regionale Identitätssuche als Ausdruck dieser Haltung. Auch eine technokratische Modernisierung (z.B. Great Reset) sieht er kritisch, da sie ohne Bezug zur Geschichte orientierungslos sei. Konservatismus versteht sich somit als die unverzichtbare Folie, die Fortschritt kontrolliert und bewahrt, was der Mensch in der Zeit nicht verlieren sollte. Entscheidende Bezugspunkte für den Konservativen sind Ewigkeitswerte und so kann ergänzt werden: das Leben selbst.

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Konservativismus als Geisteshaltung

Dr. Christian Moser-Sollmann beschrieb in einem weiteren Vortrag den Konservatismus als umfassende Geisteshaltung, die Mindeststandards an Kritikfähigkeit und Reflexion fordert. Es gäbe einen inneren Widerspruch des Liberalismus, der seine eigene Zerstörung zuläßt (vgl. Carl Schmitt, Jakob Taubes); es gibt daher einen Neokonservatismus als Gegenreaktion auf die 68er-Bewegung und ihren Marsch durch die Institutionen. Der heutige Konservatismus sei mehr als bloße Kulturkritik, da er sich auch mit der technologischen Basis der „Moderne“ auseinandersetzen müsse – darunter Transhumanismus, der digitale Wandel und die Gefahr, daß der Mensch selbst abgeschafft werde. Der Konservatismus wurzelt nach Karlheinz Weißmann in einer dreifachen Ordnung: Volk, Hierarchie und Tradition, die jedoch zeitgebunden seien und daher ständiger Abwägung bedürfen. Essentiell sei die Abwehr einer auf Konsum und Sinnlosigkeit fixierten Kultur, die keine dauerhaften Werte kennt.

Literaturhinweise:

  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Vom Geiste Europas, neuveröffentlicht im Ares-Verlag.
  • Christian Moser-Sollmann: Noble Lügen.