Geographisch liegt Europa an mehreren Meeren und drei großen Flüssen, nämlich dem Rhein, der Donau und der Wolga. Europas geistige Tradition steht insbesondere auf drei Hügel, so eine prominente Aussage, die unter anderem Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der BRD, prägte als er sagte:

„Golgatha stehe für Frieden, die Akropolis für Demokratie und das Kapitol für eine Rechtsordnung.“

Aus diesen drei Hügeln ist das Abendland geistig gewirkt. Sie geben Europa Gestalt und Sinn – sie sind wesentlich Teil seiner Identität, seines Selbstverständnisses. Dieses Erbe ist mit den verschiedenen Völkern Europas eine einmalige Symbiose eingegangen, die es historisch in christlichen Reichen zu einer Machtentfaltung brachten. Die einzelnen Reiche, das Römische, das Oströmische: Byzanz, später das Römische Reich deutscher Nationen, das Spanische, Französische, das Russische oder Britische Reich, und ab dem 19. Jahrhundert auch Nationalstaaten, u.a. wie Deutschland mit seinem germanischen Freiheitswillen, bilden allesamt Mosaiksteine der Vielfalt des Abendlandes.

Die Akropolis steht für die griechische Philosophie mit Sokrates, Platon und Aristoteles; über der Akropolis wiederum gab es den griechischen Götterhimmel und bestimmte Mythen. Golgotha steht für die Offenbarungsreligion des Christentums mit seinen jüdischen Wurzeln. Für das Imperium und eine Rechtsordnung steht symbolisch für das Kapitol in Rom. Wir kennen die Metapher der drei Hügel, auf denen unsere Kultur steht, besser gesagt: stehen sollte oder stand. Und doch sind wir ständig an sie erinnert, etwa in den Kirchen oder der Architektur, insbesondere in den neoklassizistischen Bauten mit ihren griechischen Säulen. In ihnen lassen sich die Spuren jenes Erbes herauslesen.

Die drei Hügel stehen in einer bestimmten Spannung zueinander, die jedoch möglicherweise eine Ergänzung zu einer einmaligen Symbiose ist. Der französische Schriftsteller Victor Hugo sprach von den drei rhythmischen Städten und von einem Ideal, das Strahlen freisetzt, die zusammen das Licht ergeben und in denen der Mensch eine einmalige Entfaltung vollziehen konnte. Bei aller Verklärung sei daran erinnert: das Leben in der Antike war brutal und voller Ungerechtigkeiten. Und doch gibt es in diesem Erbe den Anspruch, dass es eben Gerechtigkeit herrschen soll – Gerechtigkeit als politische Tugend ist eines der zentralen Themen in Platons Politeia oder auch der Heiligen Schrift.

Wir reden von hehren Werten und den Fundamenten unserer Kultur, des „Westens“, besser und genauer: eben des Abendlandes. Zu diesen Erbe bekennen wir uns, wenn wir noch einen Funkel des Respektes, der Ehrfurcht vor unsere Ahnen und unser Tradition haben, mithin eine Sehnsucht hegen. Der authentische Konservative weiß um dieses Erbe, das er bewahren will – weil es wahr ist und bestimmte lebenserhaltende Normen für das individuelle Leben und unsere Gesellschaft vorgibt. Dieses Erbe gibt uns Orientierung: Das, was war, war wahr und ist wahr – es möge wieder erkannt werden und permanente Quelle der Anregung sein.

Die Bedeutung des Christentums

Die Inhalte des kirchlichen Glaubens bewegten Menschen und Amtsträger zu einem Handeln, das  zunächst das Reich Gottes und das eigene Heil suchte. Die Schaffung von materiellen Werten und Strukturen war nicht direkt intendiert. Aber auf dem Weg der Umwegrentabilität wurden gewaltige geistige und materielle Werte geschaffen, von denen wir heute noch zehren. Sie trugen nicht nur etwas zu unserer Kultur und Zivilisation bei, sondern schufen diese. Unsere schiere Existenz wurde durch sie begründet. Das Christentum und die Kirche ermöglichten auch die Herausbildung und Bewahrung der europäischen Völker.

Die Kirche leistete nicht nur einen „Beitrag“, sondern legte das Fundament. Dabei geht es nicht um ein zentral geplantes Unternehmen, etwa der Päpste, sondern um unzählige Einzelinitiativen aus biblischer und volksreligiöser Motivation. Diese wurden besonders von Mönchen getragen, aber auch von Kirchenführern, weltlichen Herrschern und einfachen Leuten etwa in den verschiedenen Bruderschaften für Wohlfahrtspflege und Bildung. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Herausbildung der Akademien, somit der Wissenschaften und Universitäten. Lesen Sie den Grundlagentext „Die Bedeutung des Christentums für den Bestand Europas und seiner Völker“.

Jakob kämpft mit dem Engel Gottes am Ufer des Jabbok, Gustave Doré, 1855