Kaum ein Begriff ist in den aktuellen öffentlichen Debatten in Europa so umstritten wie der der Nation. In der christlichen Soziallehre bzw. Sozialethik, auf die sich der Konservatismus stützt, gibt es sehr unterschiedliche Positionen zur Bedeutung und Ausgestaltung der Nation: Ist die Nation eine Solidargemeinschaft, die auf natürlichen historischen Bindungen beruht, oder ist sie ein modernes Konstrukt, das das Subsidiaritätsprinzip konterkariert, Zentralismus fördert und Homogenität auf Kosten vorstaatlicher Gemeinschaften und lokaler Besonderheiten erzwingt? Beruht die Nation, die christlich als Erweiterung der Familie gedacht ist, notwendigerweise auf der gemeinsamen Abstammung ihrer Mitglieder, oder beruht sie auf einer gemeinsamen Sprache und Kultur?

Ferner stellen sich die Fragen: Ist der Nationalstaat die höchste Form und der Endpunkt der historischen Entwicklung des Gemeinwesens oder sind es supranationale Strukturen wie die Imperien, die Teile der europäischen Geschichte geprägt haben? Wie sollte das Verhältnis zwischen religiös begründeter Kultur und nationaler Identität gestaltet werden? Aus einer christlich-konservativen Perspektive stellt sich auch die Frage wie religiöse Impulse zur Bewältigung der Herausforderungen der Gegenwart beitragen können. Wie können solche Impulse extremen Phänomenen wie dem Streben nach Auflösung aller Bindungen auf der einen Seite und einem Nationalismus, der die Nation als höchsten Wert betrachtet, auf der anderen Seite entgegenwirken:

1. Teil: Religion und Nation in der Geschichte sowie die Ordnung des Christentums

2. Teil: Volk und Nation aus biblisch-theologischer Sicht

3. Teil: Religion und Nation im Judentum und im orthodoxen Christentum

4. Teil: Papst Johannes Paul II. zum katholischen Verständnis der Nation

5. Teil: Der unbedingt transzendente Gott und die vielen Völkerengel

6. Teil: Religion und Nation als Gabe und Aufgabe

7. Teil: Der katholische Konfessionsstaat

„Nach christlichem Verständnis gründet die Liebe zum Vaterland in der Verbundenheit und Verehrung jenen gegenüber, denen wir unseren Ursprung verdanken: Gott, unseren Eltern und dem Land unserer Väter; dem Land, dem wir zugehören durch gemeinsame Abstammung, Geschichte, Kultur und Sprache. Die christliche Vaterlandsliebe ist nicht nur ein Gefühl, erst recht kein Vergeltungsdrang, auch keine rührselige Volkstümelei, sondern eine sittliche Pflicht, die uns zur lebendigen Anteilnahme am Wohl und Wehe des Volkes antreibt.“ (Kardinal Höffner)