Um das ursprüngliche, überlieferte und eigentliche Verhältnis des Christen und der Kirche zu Volk und Vaterland zu verstehen, ist es notwendig, die diesbezüglichen Aussagen in Schrift, Tradition und kirchlichem Lehramt zu betrachten – jenen Quellen also, welche im Kontext des überlieferten Christentums als Autoritäten gelten. Die Heilige Schrift spricht klar und oft von Völkern, insbesondere der Volkswerdung Israels. Im christlichen Verständnis wird das Vierte Gebot, Vater und Mutter zu ehren, auf das Vaterland erweitert. Jesus Christus selbst war seinem Volk und seiner Herkunftskultur eng verbunden. Die Kirche selbst wird als ein „Volk unter Völkern“ (Apg 15,14) bezeichnet.
Die Liebe zum Vaterland wird im 1992 herausgegebenen Katechismus der Katholischen Kirche betont, in dem es heißt: „Die Heimatliebe und der Einsatz für das Vaterland sind Dankespflichten und entsprechen der Ordnung der Liebe.“ In diesem Sinne äußerten sich viele Päpste positiv über die Heimat- und Vaterlandsliebe. Dementsprechend beruft sich der heilige Papst Pius X. auf das Vorbild Christi als er meinte:
„Wäre der Katholizismus vaterlandsfeindlich, so wäre er keine göttliche Religion mehr. Vaterland ist ein heiliger Name, der unsere teuersten Erinnerungen wachruft und unser Herz höher schlagen lässt. Da sind wir ja geboren und daran binden uns Bande des Blutes und edle Gesinnung und Überlieferung. Darum verdient es nicht nur unsere Liebe, sondern unsere Vorliebe.“
Grundsätzlich ist festzustellen: Für einen Christen gilt, dass der Wille Gottes geschehen möge (vgl. Vaterunser) und insbesondere auch: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen, (…)“ (Mt 6,33). Die allseitige Verwirklichung der Gerechtigkeit ist das Gemeinwohl, das durch die göttliche Offenbarung und auch naturrechlichte Vernunfteinsicht erkennbar ist. Die Tugend, die ein Gemeinwohl begründet, ist die Gottes- und Nächstenliebe. Es ist diese christliche Liebe die entscheidend zur Volkswerdung vieler christlicher Völker, zuerst etwa des armenischen sowie auch des deutschen Volkes beitrug. Entsprechend einer subsidiären „Ordnung der Liebe“ (Augustinus), verwirklicht sich das Gemeinwohl in Familie und Nation.