Die Ambivalenz der Rede von den Werten

Gottesname Jahwe: Schöpfer, gerechter Bündnispartner, Befreier, Bewahrer, Richter und Erlöser der ganzen Welt

Der Begriff „Wert“ wird in der öffentlichen Debatte gerne und oft bemüht sowie auch beschworen, nicht zuletzt in Bezug auf die „Wertegemeinschaft” der „Europäischen Union“, die oft mit Europa gleichgesetzt wird. Die unter Nepotismusverdacht stehende Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen meinte etwa, dass Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán nicht die „Werte der EU“ vertrete oder dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenski „für unsere Werte“ kämpfe. Viktor Orbán meinte dahingegen, dass die EU aktuell drei Werte habe: Migration, LGTB+ und Krieg. Wer hat Recht? Welcher Wert ist es wert, „Wert“ genannt zu werden? Was wäre denn überhaupt der Maßstab für einen Wert?

Es war der Rechtsphilosoph Carl Schmitt (1888-1985), der auf eine Schwierigkeit im Verständnis des Begriffes Wert hinwies und behauptete, dass einem Wert statt eines Seins und somit einer Wirklichkeit nur eine Geltung innewohnt. Somit entsteht die Gefahr der sogenannten „Tyrannei der Werte“, um einen Buchtitel von Schmitt zu zitieren. Diese Tyrannei nennen wir heute auch Political correctness. Schmitt schrieb:

„Wer Wert sagt, will sie geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus, Normen wendet man an, Befehle werden vollzogen, aber Werte werden gesetzt und durchgesetzt. Wer ihre Geltung behauptet, muss sie geltend machen.“ (Der Begriff des Politischen)

Sogenannte „Werte“ und damit die Berufung auf eine beanspruchte höhere Moral dienen in unserer Zeit häufig dazu, bestimmte Inhalte durchzusetzen – und dabei werden nicht selten rechtsstaatliche Prinzipien und ein ihnen zugrundeliegendes Ethos ausgehebelt. Als Konsequenz dessen dürfte eine gewisse Korrumpierung nicht verwundern – und diese geht auf eine seelische Korrumpierung zurück. Mit dem Christentum wollen viele Politiker nichts mehr zu tun haben, bekanntlich auch die EU offiziell nicht mehr, wie aus der gescheiterten EU-Verfassung ersichtlich wurde, die keinen Gottesbezug enthalten durfte. Trotzdem beruft die EU sich auf Werte – welche aber? Der Vertrag von Lissabon hält fest:

„Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören.“

Hehre Werte, wer wäre nicht dafür? Doch es gibt eine Problematik moderner und auch oft postulierter humanistischer Werte, nämlich ihr fehlender Wurzelgrund, den es für eine gelebte Wirklichkeit bedarf. Diese Problematik brachte der berühmte französische christlich-existentialistische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) wie folgt zum Ausdruck:

„Ich entdeckte, dass die Worte, die ich gebrauchte, nicht das Wesentliche trafen. So predigte ich Demokratie, ohne zu ahnen, dass ich damit über die Eigenschaften und das Schicksal des Menschen nicht mehr eine Gesamtheit von Regeln, sondern eine Gesamtheit von Wünschen aussprach. Ich wünschte den Menschen brüderlich, frei und glücklich. Ganz gewiss. Wer ist nicht dafür? Ich wusste auseinanderzusetzen, wie der Mensch sein soll – und nicht wer er sein soll.“ (Flug nach Arras)

Welche Werte? „Aufklärung“ versus Tradition

Wer soll der Mensch sein? Welche sind seine lebenswerten Werte? Welche wären unsere europäischen oder abendländischen Werte? Welchen Wert haben bestimmte Institutionen überhaupt noch? Welche Werte propagieren die meisten Medien? Ist es der Wert der sogenannten „Diversität“ oder „Toleranz“, die besagen, dass wir alle gleich, aber verschieden sind und dass alles gleich gültig ist, sowohl das Wahre und das Verdrehte? Ist es eventuell der „Wert“ der völligen Charakterlosigkeit und völligen Ideologisierung im Namen einer höheren Pseudomoral? Die Rede von den Werten ist verwirrend und scheint geradezu zum Zweck der Verschleierung bestimmter Begriffe zu dienen, wie eben des Begriffes „Wert“ selbst. Alternativ könnte die Rede von Idealen, Zielen und Prinzipien adäquater sein.

Die heute im Westen dominierenden Werte der (modernen) „Aufklärung“ gehen insbesondere auf die sehr irrealen und abstrakten Ideale der Französischen Revolution zurück: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die alle von religiösen und metaphysischen Werten abstrahiert werden. Diese Dynamik radikalisiert sich heute durch Sozialrevolutionäre, neuerdings in Bezug auf unsere Identität. Das vierte „Ideal“ der Revolution war und ist übrigens – für all jene, die nicht mitmachen beim Spektakel des Fortschrittes im Namen einer angeblichen Vernunft und dem Versuch der Schaffung eines „neuen Menschen“ – die Guillotine. Diese entspricht heute der bürgerliche Existenzen vernichtenden politischen Korrektheit mit ihren medialen, politischen und massenpsychologischen Sanktionsmöglichkeiten.

Zum Wert der Freiheit: Echte Freiheit ist nicht bloß negative, emanzipatorische Freiheit, sondern die Verwirklichung des Guten. Der Katechismus der Katholischen Kirche besagt: „Je mehr man das Gute tut, desto freier wird man. Wahre Freiheit gibt es nur im Dienst am Guten und der Gerechtigkeit. Die Entscheidung zum Ungehorsam und zum Bösen ist ein Missbrauch der Freiheit und macht zum Sklaven der Sünde“ (KKK 1733). Doch darf heute keiner die unmoralische Enthemmung des Egos in Abrede stellen, kein Gottesmann, kein besonnener Mahner und Prophet oder auch kein Politiker. Diejenigen Politiker oder Staatsmänner, die den Wert und die Verpflichtung gegenüber Gemeinschaften wie Ehe, Familie, Heimatland und Volk betonen, geraten ins Visier linker Propagandisten.

Den Wert der „Gleichheit“ gibt es nur vor Gott und dem Gesetz, unter den Menschen gibt es sie nicht und das ist auch gut so: „Alles Leben webt sich in Hierarchien“ (Thomas von Aquin). Jeder sozialistische Gleichheitswahn dient der Beförderung des Neids und somit der Sozialrevolution. Die Brüderlichkeit der Menschheit bleibt immer abstrakt und utopisch. Jeder Mensch hat die gleiche wurzelhafte Menschenwürde, aus der sich die Menschenrechte als Abwehrrechte ableiten. Kann es jedoch eine Menschenwürde ohne Glauben (an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen) wirklich geben? Die heutige Hypertrophie der Menschenrechte, die ein Menschenrecht auf Abtreibung reklamiert, lässt eine große Schieflage erkennen. Aus der Wesensnatur des Menschen ergeben sich auch Pflichten.

Moralischer Narzissmus und die klassischen Tugenden

Es gibt einen Verlust des Wissens in unserer Gesellschaft über Gut und Böse, somit von echten Werten und von echter, also vollständiger Moral und somit echter Tugendhaftigkeit. Nun ist es nicht so, dass der moderne Mensch sich von der Moral verabschieden will – er will gut sein, insbesondere auch, weil er im deutschsprachigen Raum manche (bewusst eingepflanzte) Neurosen bekämpfen will. Dies findet seinen Ausdruck oft in einem unerträglichen Hypermoralismus bar jeden ernstzunehmenden Wirklichkeitsbezugs. Wir können von einem „moralischen Narzissmus“ (Raphael Bonelli) reden. Aber dieses „Gutmenschentum“ ist eine Karikatur von echter, realer und vollständiger Moral. Mit „vollständig“ ist die echte Moral gemeint, die alle Gebiete des menschlichen Handelns umfasst.

Nun gibt es auch Menschen, die meinen, sich von den Bürden der Moral verabschieden zu müssen und sozusagen „auswählen“, was sie für verbindlich halten und was nicht. Sie verweigern, den schmalen, schwierigen Pfad zum Leben zu gehen, wie es in der Bergpredigt heißt, bzw. den Weg der Läuterung, Befreiung und Wandlung, wie es das Höhlengleichnis Platons fordert. Sie weigern sich, die gesamte Moral umzusetzen und tun das im Namen von Werten wie Freiheit, Selbstbestimmung und Toleranz, also im Namen einer „Wertegemeinschaft“. „Ihr habt doch das Recht zu tun und lassen, was ihr wollt“, so das Credo der „Diktatur des Relativismus“ (Papst Benedikt XVI.). Aber diese Haltung ist weder liberal noch tolerant, sondern gleichgültig und zunehmend totalitär.

Für jedes gute Leben braucht es Kardinaltugenden wie die Klugheit als das „Wirklichkeitsgemäße“ (Josef Pieper) oder das rechte Maß. Denn für einen Sozialverband wie die Heimat, die für das menschliche Wohlbefinden unersetzbar ist, ist eine Grenze unverzichtbar. Die Forderung ein Maß einzuhalten, ist gleichzeitig die Forderung, Frieden auf Grundlage einer echten Gerechtigkeit, die jedem das Seine zuerkennt, zu schaffen. Das fordert heute nicht mit der veröffentlichten Meinung, die gespenstisch uniform geworden ist, mitzugehen, sondern sich immer wieder die Frage nach dem guten Leben zu stellen. Dieser Widerstand ist eine Befreiung, die an die Entfesselung von den Scheinbanden im Höhlengleichnis erinnert – sie erfordert eine weitere Kardinaltugend, nämlich Tapferkeit.

Pseudomoral und ihre „Werte“

Es gibt einen Unterschied zwischen der althergebrachten, traditionellen, christlichen Moral und der neuen Moral, die bestenfalls verdient, eine Pseudomoral genannt zu werden. Die „alte“ Moral wird ein Leben gemäß der Tugend oder der göttlichen Gebote einfordern und das Leben so „gelingen lassen“, damit wir die Glückseligkeit bzw. Heiligkeit erlangen. Diese Moral richtet sich immer auf das Gemeinwohl aus, für das man auch bereit ist, Opfer zu bringen. Einer Gesellschaft geht es gut, wenn sich die einzelnen Menschen in ihr gut verhalten. Im Unterschied dazu will die neue, heute dominierende Pseudomoral die Menschen mit falschen Werten moralisieren, ohne in der Realität diejenigen Verhaltensnormen einzufordern, die auf Gemeinschaft und Altruismus abzielen.

Die alte und echte Moral beinhaltete Regeln, wie der Mensch leben sollte, nämlich eben tugendhaft, auf Grundlage eines tragfähigen Bild vom Menschen, das echte natürliche und übernatürliche Ziele für den Menschen kannte und kennt. Sie wusste, was wir wollen und daher auch sollen. Die vermeintlichen Werten der heutige Pseudonmoral gehen auf diverse Ismen und ihren Ersatz- sowie Zivilreligionen zurück, wie den (verantwortungslosen) Liberalismus, Hedonismus, Egalitarismus, Materialismus, Humanitarismus, Genderismus, Globalismus, Ökologismus, Utilitarismus oder Sexualismus. Deren zentrale utopische, moderne Illusion ist die für scheinbar tot geglaubte Fortschrittsgläubigkeit, die auch eine „immanente Gläubigkeit“ ist. Hierzu analysierte Eric Voegelin (1907-1985):

„Je intensiver alle menschlichen Energien in das große Unternehmen der Erlösung durch weltimmanentes Handeln geworfen werden, desto mehr entfernen sich diejenigen, die an diesem Unternehmen beteiligt sind, vom Leben des Geistes. Und da das Leben des Geistes die Quelle der Ordnung im Menschen und in der Gesellschaft ist, liegt gerade im Erfolg einer solchen Zivilisation die Ursache ihres Verfalls.“ (Disput über den Totalitarismus)

Das höchste Prinzip: Gott

Wir christliche Abendländer halten an der Existenz eines obersten Wertes – besser: Prinzips – nämlich Gott fest. Wir wissen, dass unsere ganze Kultur und Zivilisation, ja unsere schiere Existenz auf dem Glauben beruht. Auch Friedrich Nietzsche (1844-1900) wusste, dass „Gott die Wahrheit und die Wahrheit göttlich ist“ – was der Christen-Glaube und auch der Glaube Platons ist. Mit Gott als dem Unbedingten und letzten Unverfügbaren gibt es eine höchste und keine relative Wahrheit, und somit eine richtige Wertehierarchie, die auch eine geistig-seelische Dimension mitumfasst. Ohne Gottesglauben gibt es nur Realitätsverlust und allerlei Ersatzreligionen. Doch Gott kann heute nur derjenige denken, der sich von den modernen Denkirrungen und Denkverboten emanzipiert.

Die Offenbarung Gottes eröffnet einen neuen Horizont für das gute Leben und für die ewige Seligkeit, das Ziel des irdischen Lebens ist und es ordnet. Die Offenbarung gibt den Dingen Wirklichkeit und ermöglicht es, „die Geister zu unterscheiden“ (vgl. 1 Kor 12,10 oder Ignatius von Loyola). Sie lehrt die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Sie weiß um die Neigung des Menschen zum Bösen und gibt uns die Weisung dessen, was gut ist. Daher bedarf es eines Bekenntnisses zum Christentum, seiner Heilslehre und insbesondere seinen Aussagen über das Zusammenleben, wie wir sie aus der Bibel oder von der Katholischen Soziallehre kennen. Eric Voegelin stellte richtig fest: „Wenn man den Menschen das Christentum austreibt, bekommt man keine aufgeklärten Liberalen, man bekommt Ideologen“.