Der unbedingt transzendente Gott und die vielen Völkerengel

Abbaye du Mont-Saint-Michel

Prof. Dr. Michael Wladika (Wien) erörtert in seinem Vortrag den Gegensatz zwischen einer Ausrichtung auf den einen unbedingt transzendenten Gott, der – im Zentrum des Streben der Menschen befindlich – jegliche Unterschiede schwinden lässt und einem Einheitsbezug auf weltlicher Ebene. Während auf der höchsten Ebene Unterschiede, wie die Nation obsolet werden, so haben sie auf anderen Ebenen ihre Berechtigung. Als der Höchste die Völker teilte und die Söhne Adams zerstreute, setzte er den Nationen Grenzen in entsprechender Zahl der Völkerengel. Somit mutet die Verabsolutierung des Irdischen, also der Versuch, die Einheit im Hier und Jetzt zu erreichen regelrecht diabolisch an. Es entspricht einem Einheitsstreben von unten. Das Resultat: Chaos, ein Turmbau zu Babel.

Hören Sie den vollständigen Vortrag von Prof. Michael Wladika.

Die Einleitung des Vortrags:

Um das fundamentale Verhältnis zwischen Religion und Nation richtig zu denken, braucht man mehrere Dinge. Zunächst den einen, den transzendenten Gott, der gar nicht von dieser Welt ist. Damit erst ist ein Standpunkt da, von dem aus stabile Wertungen möglich sind, von dem aus der Rest gefasst werden kann, das Viele, die Dinge, die von dieser Welt sind. Daraus ergibt sich die absolute Priorität der Religion vor Ethik und Politik. Das entspricht der absoluten Prioriät Gottes vor den Menschen und Gemeinschaften. Daraus wieder folgt eine zunächst radikale Vergleichgültigung des kompletten politischen Bereichs.

In dem und durch den Bezug auf den transzendenten und einen Gott sind alle weltlichen, menschlichen, politischen, nationalen Unterschiede zunächst weg. Alle Völker pilgern zum Berge Zion, zu ihrer Hauptstadt Jerusalem (vergleiche Jesaja 2,1-5, „Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn“). Ganz entscheidend ist: Nur in diesem und durch diesen Bezug sind die nationalen, geschichtlichen, sprachlichen Unterschiede aufgehoben. Nicht unabhängig davon oder in anderen Punkten für sich genommen. Also: Mit Blick auf Gott sind wir eins. Denn es gibt nur einen Gott. Nicht mit Blick aufeinander. Denn wir sind viele.

Wie so oft, so kann man auch hier das Resultat nehmen und die Voraussetzung wegstreichen; dann wird alles falsch. Die Menschen sollen eins sein, et si Deus non daretur. Dann müssen alle Unterschiede weggestrichen werden, die Menschen auf der menschlichen Ebene eins werden. Nun gibt es aber einen Gott, dagegen viele Menschen. Als Menschen sind wir viele, nicht eins, haben sehr unterschiedliches Wissen, Wollen, Interessen, auch, uns als Gemeinschaftswesen aktualisierend, viele unterschiedliche Gemeinschaften. Soll das alles weg, so muss offenbar der Einheitsmensch und -staat produziert werden. Der Unterschied zwischen den Menschen und Nationen, er ist vergleichgültigt.

Doch es gibt einen Einheitspunkt, der übermenschlich und transzendent bleiben muss. Gott kann nicht zur Welt gegeben werden. Bleibt Er transzendent und unser Bezug auf Ihn das absolut Entscheidende, dann stellt sich die Frage: Was ist mit den anderen Wirklichkeiten, den Nationen, den unterschiedlichen Gemeinschaften, denen gegenüber wir auch beinahe unbedingt loyal sein wollen? Dies: Wenn die Nationen der Civitas Dei untergeordnet und auf diese ausgerichtet sind, dann gibt es mit der Loyalität einer Nation gegenüber grundsätzlich keine Probleme mehr. Da wird das Denken der Völkerengel wichtig werden.