Das Ende der Universität – ein Warnruf zur Rettung einer Institution

Duke University in Oxford, England

„Das Ende der Universität“ – ein provokanter Titel, der die düsteren Aussichten aufzeigt, die viele Autoren dieses Sammelbands für eine der ältesten und bedeutendsten Institutionen Europas prophezeien. Herausgegeben von Harald Schulze-Eisentraut und Alexander Ulfig, ist dieses Werk mehr als eine Bestandsaufnahme. Es ist eine scharfe Kritik an den aktuellen Entwicklungen, die die Universität zunehmend von ihrem ursprünglichen Zweck der freien Lehre und Forschung ablenken.

Seit über tausend Jahren ist die Universität das Zentrum der Wahrheitssuche und des freien Gedankenaustauschs. Sie war eine Institution, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern die kulturelle und gesellschaftliche Landschaft Europas entscheidend geprägt hat. Doch diese Blütezeit scheint, so die Autoren, unwiderruflich zu Ende zu gehen. Politische Agenden, ideologische Verirrungen und ein überbordendes Maß an Bürokratie haben das Fundament der Universität untergraben. Besonders scharf kritisieren die Autoren den Einfluss der 68er-Bewegung und den Bologna-Prozess, die beide zu einer schleichenden Aushöhlung der akademischen Freiheit und der Qualität geführt hätten.

Ökonomisierung, Politisierung und Digitalisierung

Ein besonders aufschlussreicher Beitrag ist der von Peter J. Brenner, der die Entwicklung der deutschen Universität seit dem 19. Jahrhundert nachzeichnet. Brenner argumentiert, dass die Humboldt’sche Idee einer Bildung durch Wissenschaft und die Einheit von Forschung und Lehre heute nur noch als leere Rhetorik existiert. Stattdessen herrscht eine verschulte, auf Effizienz getrimmte Lernkultur vor, die der intellektuellen Freiheit keinen Raum lässt. Besonders dramatisch beschreibt er die Folgen des Bologna-Prozesses, der die Universität zu einer „Bildungsfabrik“ gemacht habe, in der nur noch modulare Einheiten abgearbeitet werden. Forschung und Lehre haben sich längst dem Diktat der Ökonomie untergeordnet.

Josef Kraus ergänzt diese Kritik mit einer Analyse der Politisierung der Wissenschaft. Er schildert, wie ideologische Konzepte wie Gender Mainstreaming und Diversity die einstige Neutralität der Wissenschaft ausgehöhlt haben. Die Wissenschaft diene nicht mehr der Wahrheitssuche, sondern zunehmend der Durchsetzung politischer Programme. Besonders alarmierend ist seine Beschreibung der sogenannten Cancel Culture, die an vielen Universitäten zur neuen Normalität geworden sei. Abweichende Meinungen, insbesondere konservative oder nonkonforme Ansichten, würden diffamiert und aus dem akademischen Diskurs ausgeschlossen.

Auch Adorján Kovács‘ Beitrag über die „Schließungsmechanismen bei der Besetzung von Lehrstühlen“ offenbart eine tiefgehende Krise. Die meritokratischen Prinzipien, die einst die Grundlage der akademischen Berufungen bildeten, seien längst durch Netzwerke und ideologische Kungeleien ersetzt worden. Besonders besorgniserregend ist seine Darstellung des wachsenden Einflusses von Drittmitteln auf die Forschung. Die Einwerbung von Drittmitteln sei zum Hauptkriterium für den akademischen Erfolg geworden, während inhaltliche Exzellenz immer weiter in den Hintergrund trete.

Eine besondere Rolle in der Diskussion um das Ende der Universität spielt auch die Digitalisierung. Uwe Jochum beschreibt in seinem Beitrag, wie der durch die Pandemie beschleunigte Trend zum Online-Unterricht die universitäre Gemeinschaft gefährdet. Wenn Professoren und Studenten sich nur noch virtuell begegnen, gehe nicht nur die soziale Komponente der Universität verloren, sondern auch der Raum für kritische Diskussionen und echte geistige Auseinandersetzung.

Chancen auf Erneuerung

So düster das Bild auch ist, einige Autoren sehen dennoch Chancen für eine Erneuerung der Universität. Besonders bemerkenswert ist David Engels‘ Vorschlag einer „neuen Klosteruniversität“ nach dem Vorbild des mittelalterlichen Cluny. In Zeiten der Massenuniversität müsse es wieder elitäre, klar fokussierte Bildungsinstitutionen geben, die sich der intellektuellen Exzellenz verschreiben. Ein solcher Ansatz würde der Universität ihre ursprüngliche Aufgabe zurückgeben: die Ausbildung geistiger Eliten, die fähig sind, die komplexen Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen.

Auch Michael Esfeld sieht in der Rückbesinnung auf die klassische Bildung eine Möglichkeit zur Rettung der Universität. Seiner Meinung nach müsse die Universität wieder zu einem Ort werden, an dem nicht nur technisches Wissen, sondern vor allem Urteilskraft und ethisches Bewusstsein gelehrt wird. Der derzeitige Trend, die Universität immer weiter zu ökonomisieren und zu verschulen, führe zwangsläufig zur Entleerung ihrer geistigen Substanz.

Das Ende der Universität ist ein kraftvoller Weckruf, der zum Nachdenken anregt. Die Beiträge sind in ihrer Analyse scharfsinnig und oft polemisch, was dem Werk jedoch gut tut. Die Autoren lassen keinen Zweifel daran, dass die Universität als Institution in einer tiefen Krise steckt. Doch sie bieten auch Auswege an, wenngleich diese radikaler Natur sind und eine Rückkehr zu den Wurzeln der Bildung erfordern. Die Universität, so der Grundtenor des Buches, kann nur dann überleben, wenn sie sich von den Fesseln der Ideologie und Ökonomie befreit und wieder zu einem Ort der freien geistigen Auseinandersetzung wird.

Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich ernsthaft mit der Zukunft der Bildung auseinandersetzen wollen. Es ist nicht nur eine scharfe Kritik am Status quo, sondern auch eine Einladung, über neue – oder besser: alte – Wege nachzudenken, um die Universität zu retten.

Alexander Ulfig/Harald Schulze-Eisentraut: Das Ende der Universität: Niedergang und mögliche Erneuerung einer europäischen Institution, Deutscher Wissenschaftsverlag, 2024.