Im Sommer 2022 wurde in Deutschland das „Werbeverbot“ für Abtreibungen (§219a StGB) aufgehoben, was einen weiteren Schritt zum Verfall der Sitten in Deutschland kennzeichnete. Während linke Kräfte die Entscheidung als einen Sieg der Selbstbestimmung feierten, meldeten sich die katholische Kirche und andere religiöse Organisationen lautstark zu Wort. Sie betonten, dass das Recht auf Leben unantastbar sei und die Streichung des Paragraphen moralische Grundwerte verletze. Der Konflikt zwischen staatlichen Entscheidungen und den ethischen Prinzipien der Kirche ist hier unübersehbar. Doch er wirft tiefere Fragen auf: Wie viel Raum darf religiöse Ethik in staatlichen Angelegenheiten einnehmen? Und welche Rolle spielt die Kirche noch in einer Gesellschaft, die sich immer weiter von ihren christlichen Wurzeln entfernt?
Diese aktuellen Spannungen spiegeln genau die Themen wider, die letztlich auf das Verhältnis von Kirche und Staat zurückgehen. Mehr noch: diese Trennung – die vor allem vom Liberalismus praktiziert wird fördert weder das Gemeinwohl des Individuums noch das Wohl im Staat. Eine interessante Liberalismuskritik in diesem Sinne bietet David Schindler, der in mehreren Werken zur Rückkehr zu einer tieferen Ordnung der Dinge plädiert. Diese Ordnung soll sowohl das sacerdotium (die geistliche Autorität der Kirche) als auch das regnum (die weltliche Macht des Staates) in ihrer jeweiligen Bedeutung erfassen. Schindlers Ansatz bietet somit nicht nur eine Alternative zum (indifferenten) Liberalismus, indem er das Spannungsfeld zwischen Sakralem und Säkularen neu denkt, sondern lädt auch zu einer Umdeutung der Beziehung von „Kirche“ und „Staat“ ein.
Ist der Liberalismus weltanschaulich neutral?
Im Zentrum von Schindlers Kritik steht die Beobachtung, dass die angebliche „Neutralität“ des Liberalismus gegenüber religiösen Fragen nicht zu einer gesunden Trennung von Kirche und Staat führt. Vielmehr wird die Religion im liberalen System privatisiert, was ihre Rolle in der Gesellschaft herabsetzt und die Kirche ihrer öffentlichen und prägenden Funktion beraubt. Diese Privatisierung der Religion führt zu einer Umkehrung der Macht: Der Liberalismus behauptet, individuelle Freiheit zu fördern, formt jedoch in Wahrheit das Verständnis von Autorität um und errichtet einen geschlossenen, quasi-totalitären Horizont. Dieser verhindert, dass die Kirche die volle Breite des menschlichen Lebens und der Gesellschaft beeinflussen kann. Der Liberalismus hat nicht nur Gott in den privaten Bereich verbannt, sondern die Machtverhältnisse so umgekehrt, dass die Beziehung von sakraler und weltlicher Autorität völlig verzerrt wird.
Die Religionsfreiheit ist in diesem Rahmen kein wirkliches Argument für die liberale Kirche-Staat-Trennung, da sie letztlich die Kirche aus dem Staat und der politischen Sphäre verdrängt. Diese Rückzugsbewegung verkleinert tatsächlich die Fähigkeit der Kirche, an der moralischen und spirituellen Formung der Gesellschaft teilzunehmen – eine Aufgabe, die wesentlich zur kirchlichen Mission gehört. Das liberale Modell trennt Politik und Religion so radikal, dass beide Bereiche ihrer wahren Bestimmung beraubt werden: Politik wird zu einer rein formalen Angelegenheit, ohne tiefere moralische oder metaphysische Fundierung, während Religion als eine rein private Angelegenheit gilt, ohne Einfluss auf das öffentliche Leben.
Um dieser Fehlentwicklung entgegenzuwirken, schlägt Schindler vor, dass Kirche und Staat nicht als voneinander getrennte Sphären verstanden werden sollten, sondern als komplementäre Teile einer umfassenderen kosmischen Ordnung, die in der katholischen Philosophie traditionell als societas perfecta bezeichnet wird. Nach diesem Konzept haben sowohl die Kirche als auch der Staat eine spezifische, jedoch unterschiedliche Rolle in der Förderung des höchsten Guts des Menschen: Die Kirche ist für das geistliche Wohl verantwortlich, der Staat für das zeitliche Wohl. Beide Sphären, so Schindler, sollten gemeinsam auf das Gemeinwohl hinarbeiten, jedoch jede auf der Grundlage ihrer jeweiligen Prinzipien und Aufgabenbereiche. Im Gegensatz zum liberalen Ansatz, der die Kirche auf eine private Institution reduziert, wäre die Rolle der Kirche als Trägerin einer öffentlichen Wahrheit gewährleistet, die das gesamte menschliche Leben umfasst, einschließlich des politischen. Die Kirche kann daher nicht einfach aus der Öffentlichkeit verbannt oder marginalisiert werden, da dies ihrer Rolle als moralische und geistliche Autorität widersprechen würde.
Die Trennung sollte also nicht zwischen Kirche und Staat, sondern zwischen sacerdotium (der geistlichen Autorität der Kirche) und dem regnum (der weltlichen Autorität des Staates) geschehen. Diese Unterscheidung, die tief in der katholischen Tradition verwurzelt ist, spielt eine zentrale Rolle für eine gesunde Beziehung zwischen Kirche und Staat.
Unterscheidung, nicht Trennung von geistlicher und weltlicher Ebene
Grund dieser besseren Unterscheidung ist, dass sowohl die geistliche als auch die weltliche Ordnung das gesamte menschliche Wohl betreffen, jedoch auf irreduzibel unterschiedliche Weisen und Prinzipien basieren. Das sacerdotium kümmert sich um das Heil der Seelen und die Beziehung des Menschen zu Gott, während das regnum für die zeitliche Ordnung und das materielle Wohl der Gesellschaft verantwortlich ist. Dennoch dürfen diese beiden Sphären nicht als völlig getrennt oder unabhängig voneinander betrachtet werden. Schindler bezieht sich auf die mittelalterliche Vorstellung der societas perfecta, die darauf hinweist, dass die Kirche und der Staat zwar jeweils auf verschiedene Aspekte des Gemeinwohls abzielen, jedoch letztlich zu einem einheitlichen Ziel beitragen: dem vollumfänglichen Wohl des Menschen, sowohl in zeitlicher als auch in ewiger Hinsicht.
Diese Beziehung von sacerdotium und regnum kann am besten durch zwei Analogien verdeutlicht werden: Zunächst ähnelt sie der mittelalterlichen Krönungszeremonie, bei der der Papst den König oder Kaiser krönte, was jedoch nicht bedeutete, dass der Papst direkt über den König herrschte. Vielmehr bezeugte der Papst eine Realität, die durch diesen Akt vorausgesetzt und gleichzeitig vollzogen wurde. Diese Handlung unterstrich die wechselseitige Abhängigkeit von geistlicher und weltlicher Macht, ohne dass eine der beiden die andere völlig dominieren würde.
Ein weiteres Beispiel für die Unterscheidung zwischen Sakralem und dem Weltlichem ist die sakramentale Ehe. Die Ehe ist nicht bloß als einen natürlichen Vertrag, sondern ein Sakrament, das von Natur aus religiös ist und eine tiefere spirituelle Wirklichkeit offenbart. Die Ehe wird nicht vom Priester allein gespendet, sondern vielmehr durch das Versprechen der Eheleute selbst, die sich in einer lebenslangen Verbindung binden. Der Priester verkörpert die Kirche und spendet den sakramentalen Segen. Das Sakrament der Ehe macht deutlich, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau von einer tieferen spirituellen Ordnung durchdrungen ist, die nicht durch den Staat reguliert werden kann.
Religion wirkt zum Wohl von Menschen und Staat
Wie der Papst im ersten oder der Priester im zweiten Beispiel versteht sich die Kirche ihrem Wesen nach sakramental und damit als eine Realität, die weit über eine rechtliche Instanz und Realität hinausgeht. Diese analoge Beziehung zwischen den beiden Mächten ist von entscheidender Bedeutung. Das sacerdotium und das regnum beziehen sich beide auf das Gemeinwohl, jedoch von verschiedenen Grundsätzen aus. Die geistliche Autorität der Kirche muss indirekt in die politischen Angelegenheiten einwirken, indem sie den moralischen und spirituellen Rahmen setzt, in dem der Staat agiert. Dies geschieht zunächst im Gewissen, also der Seele, des Einzelnen – Politiker, Bürger, Jurist, etc. – und wirkt sich dann auf den Rest der Menschenwirklichkeit aus. Der Staat ist in dieser Konzeption nicht der direkte Ausführer der kirchlichen Lehren, sondern arbeitet in einem moralischen Kontext, der durch die Kirche geformt und gestärkt wird.
Somit lehnt Schindler sowohl den liberalen Ansatz einer radikalen Trennung als auch die integrale Idee einer vollständig theokratischen Gesellschaft ab. Stattdessen plädiert er für einen „dritten Weg“, der das analoge Verhältnis zwischen Kirche und Staat neu denkt. Durch die sakramentale Natur der katholischen Lehre besteht das Verhältnis von Kirche und Staat nicht in direkter Herrschaft oder Konkurrenz, sondern in einer gegenseitigen Ergänzung. Die Kirche gibt den moralischen und spirituellen Rahmen vor, in dem die Politik auf das Gemeinwohl hinarbeitet, während der Staat die materielle und zeitliche Ordnung sicherstellt. So wird die Beziehung von Kirche und Staat neu gedacht und gesetzt, ohne die spezifischen Rollen der beiden Sphären zu vermischen.
Die Beziehung zwischen Kirche und Staat sollte nicht in eine bloße Trennung oder Konkurrenz verfallen. Die Kirche, als Trägerin moralischer und spiritueller Wahrheit, darf nicht auf eine private Institution reduziert werden, sondern muss eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben spielen. Ihre Aufgabe beschränkt sich nicht nur auf spirituelle Führung, sondern umfasst auch die moralische Prägung des Gemeinwohls, da sie sowohl die geistlichen als auch die weltlichen Bedürfnisse der Gesellschaft betrifft. Eine harmonische Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat ermöglicht es beiden, ihre spezifischen Aufgaben im Dienst des Menschen zu erfüllen. Diese Lage geht über den liberalen Säkularismus hinaus, der die Religion in den privaten Bereich verweist, und vermeidet zugleich die Vermischung von geistlicher und weltlicher Autorität, wie sie im Integralismus angestrebt wird. Stattdessen zielt dieses Modell darauf ab, das Gemeinwohl in seiner vollen Dimension zu verfolgen und sowohl die geistigen als auch die materiellen Wirklichkeiten des Menschen zu integrieren.
Jan Bentz (Oxford)