Felix Dirsch: Transhumanismus – was bleibt vom christlichen Menschenbild?

  1. Was ist Transhumanismus?

Zunächst einmal ist zu klären, was unter der Bezeichnung „Transhumanismus“ zu verstehen ist. Sinnvoll ist es, vom (mit dieser Bezeichnung eng verschränktem) Gegenteil auszugehen. Man kann fragen: Was heißt Humanismus? Unter den vielen Definitionen ragt eine heraus: nämlich eine optimistische Einschätzung von der Fähigkeit der Menschheit, zu einer besseren Existenzform zu gelangen.

Daran schließt eine weitere Frage an: Wie versuchte man, diese Meliorisierung traditionell zu erreichen? Das Schlüsselwort lautet: Bildung. Der Mensch kommt nicht zur Welt mit einem fertigen Wesenskern, dem seine Existenz ausgeliefert ist. Er wird gestaltet durch sich selbst und seine Umwelt. Dieser nicht vorgegebene faktische Wesenskern und die kompensatorische Notwendigkeit der Gestaltung wird von der Tradition nachhaltig thematisiert. Pico della Mirandola war einer von ihnen. In der anthropologischen Tradition zeigt sich diese fehlende Essenz in einer Fülle von Antworten auf die Frage: Was ist der Mensch? Die berühmteste, aber auch angreifbarste hat Aristoteles formuliert: animal rationale. Es gibt noch zahlreiche weitere: „Mängelwesen“, animal laborans, homo ludens, Ebenbild Gottes, Mensch als sich selbst herstellbares Wesen, homo destructor und unzählige weitere.

Zentrale Mittel, diese Verbesserung zu erreichen, sind Anthropotechniken. Darunter lässt sich alles vom Faustkeil über die Brille bis zu Eingriffen der Gentechnik subsumieren. Die wichtigste humanistische Methode war (und ist vielleicht noch) die Lektüre. Es handelt sich um Methoden, die bestenfalls sehr langfristig wirken. Ein zentraler Einwand gegen den Humanismus lautete, er habe sein Ziel verfehlt. Es liegt nun auf der Hand zu fragen, ob gezielte Eingriffe in die organische Natur nicht entsprechende Fristen verkürzen oder die Meliorisierung punktgenauer bewirken können.

  1. Zur Einordnung des Transhumanismus in die grundlegende Ambivalenz der Neuzeit

Die vielleicht wirkmächtigste, wenn auch einseitige Kurzinterpretation der Neuzeit stammt von Sigmund Freud. Ihm zufolge hat Kopernikus die Erde (und damit alle Bewohner) aus dem Zentrum des Universums vertrieben. Darwin hat den Menschen in einer weiteren Stufe der Dezentrierung die bis daher verbreitete Auffassung als „Krone der Schöpfung“ destruiert. Schließlich desillusionierte Freud selbst die fast selbstverständliche Vorstellung, dass der Mensch „Herr im eigenen Haus“ sei. Seit Freud lässt sich die Reihe mühelos fortsetzen. Spätestens seit Turing ist die bis dahin praktisch unhinterfragte Herrschaftsposition des Menschen gegenüber der Maschine, seinem Geschöpf, in theoretischer Hinsicht Geschichte.

Einschneidend sind die Jahre 1997 und 2016. Es existiert eine Ikonographie des rechnergeschädigten Menschen. Gari Kasparow wirkt nach der Niederlage gegen den Schachcomputer Deep Blue wie ein Häuflein Elend. Es kommt noch dicker. Knapp 20 Jahre später verlor der weltbeste Go-Spieler Lee Sedol den Wettbewerb gegen den Google-Algorithmus Alpha Go. Nun kann man diese Ereignisse parallel betrachten, sollte aber den Unterschied nicht übersehen: Der Google-Algorithmus konnte auf die seit 1997 dramatisch vergrößerte Datenmenge zurückgreifen – und das in einer Weise, die auch den damals weltbesten Go-Spieler wohl überfordert hatte.

Man könnte diese Entthronung des Menschen als letzte Kränkung der einstigen Krone der Schöpfung sehen. Zu verweisen ist aber auf eine eigenartige Dialektik: Gerade die Neuzeit ist als faustische Periode bekannt. Die üblichen Erzählungen setzten anders an als diejenige Freuds. Gerne nimmt man idealtypisch die Epoche der Renaissance und die Epoche des damit einhergehenden Humanismus als Ausgangspunkt, in der zumindest große Genies manifeste Fesseln abwerfen und in die Mitte des Seins drängen. Diese großen Figuren der Menschheitsgeschichte haben den Schöpferdrang des Menschen in Gang gesetzt, der immer wieder Meisterwerke des Geistes und der Tat präsentieren konnte.

  1. Was kommt nach dem Menschen?

Die Maschinen hatten um 1950 eine neue emergente Ebene erreicht: nämlich die Fähigkeit des Denkens. So sah es jedenfalls Alan Turing, einer der genialsten Mathematiker seines Zeitalters. Er verfasste einen epochalen Aufsatz: „Können Maschinen denken?“

Turing setzt den Trend zur Naturalisierung fort, der schon im 19. Jahrhundert in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen hervorgetreten war. Der Chemiker Friedrich Wöhler schaffte es, aus anorganischem Material organisches zu gewinnen. Es handelt sich um In-vitro-Experimente.

Turing geht es nicht darum, den Geist künstlich zu modellieren; vielmehr exponiert er eine Funktionsanalogie von Menschen und Maschine. Er konzipiert einen Informationsbegriff, der beide Systeme umfasst. Welches der informationsverarbeitenden Systeme hat die Nase vorn? Es gab Diskussionen um den „Maschinenmenschen“ und die „Menschmaschine“. F. Varela brachte diese einschneidende Wende auf den Punkt: „The mind is not in the head“.

Der deutsche Logiker und Philosoph Gotthard Günther will menschliches Leben als Spezialfall von allgemeinen Leben dechiffrieren. Zu den berühmtesten Passagen in Turings Werk gehört der Turing-Test, der dann zugunsten der Maschine erfolgreich ist, wenn von außen nicht mehr zu unterscheiden ist, ob entsprechende Lösungskompetenz von einer Maschine oder einem Menschen kommt. In jedem so genannten CAPCHA-Verfahren kommt der Turing-Test vor. Die Abkürzung lautet: Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart. Darunter versteht man einen Sicherheitsmechanismus, der verwendet wird, um zwischen menschlichen Nutzern und Bots zu unterscheiden.

Ein weiterer Schritt ist die Fortentwicklung dieser externalisierten Intelligenz. Von Anfang an war man sich über die Hürden im Klaren, die Organismen und anorganische Verbindungen in allen Fällen als affin herauszustellen. Als wichtiger Unterschied galt und gilt die Fähigkeit zur Fortpflanzung. John von Neumann zählt zu den frühen Konstrukteuren einer Maschine, die nicht nur menschliche Züge aufweist, sondern auch das Problem der Weitergabe von künstlicher Existenz zu lösen imstande ist. Man konstruiert eine Maschine, die einen physischen Arbeitsteil und ein mechanisches Gehirn beinhaltet. Dazu kommt ein algorithmischer Schwanz, der eine Beschreibung des logischen Mechanismus enthält. Das mechanische Gehirn übersetzt den Algorithmus in Arbeitsprozesse. Jetzt gilt es nur noch, Zufallselemente bei der Umsetzung einzubauen. Dann kann man solche Mechanismen als autonom und menschenunabhängig bezeichnen.

  1. Einige Auswirkungen des Homo deus auf Politik und Gesellschaft

„Homo deus“ ist eines der erfolgreichsten Sachbücher des letzten Jahrzehnts. Der israelische Historiker Yuval N. Harari verfasste diese Schrift, die eine transhumanistische Konzeption mit innerweltlicher Transzendenz verbindet. Der begabte Erzähler wirkt überdies als Berater des Weltwirtschaftsforums. Die gefeierte wie schockierende Schrift konkretisiert schonungslos, was es heißt, einem Auslaufmodell anzugehören.

Menschenrechte sind trotz ihrer Verbreitung ein kontingentes Faktum. Sie haben sich geschichtlich entwickelt. Dass sie sich im späten 18. Jahrhundert mehr und mehr in den damaligen Verfassungen durchsetzen, ist kein Zufall. Harari sieht darin ein Zugeständnis an die Masse der Bevölkerung. Größere Zahlen an Menschen werden überall gebraucht: im Militär, in der Fabrik, als Stimmvieh zur Legitimierung der Politik, die immer weniger auf das „Gottesgnadentum“ rekurrieren kann. Man kann die Genese der Prädizierung von Menschenrechten als Anreiz zum Dienst in der Massengesellschaft verstehen. Dafür spricht, dass diese Rechten allen, die menschliches Antlitz erkennen lassen, zukommen, unabhängig von der speziellen Befähigung. Das soll man aus pragmatischen Gründen nicht hinterfragen, allerdings wurde stets darauf verwiesen, dass weder Menschenwürde noch Menschenrechte empirisch zu beweisen sind. Es handelt sich um normative Postulate. Sie gelten als für den Aufbau moderner Staaten längst unentbehrliche Fiktionen, die aber wahr sind, weil man in aller Regel an sie glaubt.

Nun stellt Harari eine ketzerische Frage: Wenn die Massen allmählich überflüssig werden, weil ihre Aufgaben von Maschinen übernommen werden, was kann ihre Privilegierung durch besondere Rechte noch rechtfertigen? Ist es dann nicht sinnvoller, Maschinenrechte zu postulieren, jedenfalls für manche Apparaturen? Harari weiß, dass er an einem Tabu rührt. Trotz erwartbarer Einwände stellt er diese unabweisbaren Fragen, und er ist wahrlich nicht der erste.

In den 1950er Jahren ist ein damals aufsehenerregendes Buch mit dem Titel „Die Antiquiertheit des Menschen“ erschienen. Autor ist Günter Anders. Eine zentrale These des Autors ist die folgende: Wir sind der Perfektion unserer Produkte nicht mehr gewachsen. Es waren nicht zufällig die 1950er Jahre, als solche Betrachtungen auf den Markt kamen. Die raschen Veränderungen der Computertechnik wie der Genetik brachten eine Ahnung zum Vorschein, wie schnell die Obsoleszenz des Menschen voranschreiten werde. Sie tut es bis in unsere Tage und wird es vermehrt künftig tun.

Doch nicht nur Harari deutet eine solche Relativierung humaner Daseinspotenzen an. Vor einigen Jahren hat die Juristin und Leiterin eines Softwareunternehmens Yvonne Hofstetter ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel „Das Ende der Demokratie“ vorgelegt. Darin verweist die Autorin auf das an sich faszinierende Unterfangen des Internets der Dinge. Alles kann mit fast allem kommunizieren. Man schätzt, dass bis 2030 ungefähr weltweit weit über 100 Milliarden Gegenstände vernetzt sind, im weiteren Sinn miteinander interagieren. Derzeit kommunizieren 8 Milliarden Menschen miteinander. Deren Sprache wird über kurz oder lang durch die interagierenden Maschinen in ihrer Bedeutung relativiert.

Dabei handelt es sich um eine Langzeitperspektive. Nicht alle Arbeiten über das Verhältnis Künstliche Intelligenz und Demokratie sind derart dystopisch ausgerichtet wie die Publikation Hararis oder Hofstetters. Man nehme als Beispiel die Plattform „Decidim“ in Barcelona. Ein Algorithmus analysiert die Interaktionen auf dieser Plattform, um die Resultate transparent darzustellen. Die Ergebnisse werden verbessert, wenn sich die Algorithmen weiterentwickeln.

Prof. Felix Dirsch (München)