100 Jahre Christkönig-Enzyklika Quas primas

Der Herr, Heiland, guter Hirte sowie auch König Jesus Christus

Ein altes Lehrschreiben neu gelesen:

Quas primas – wiederentdeckt mit Kardinal Leo Scheffczyk

Nicht jede Enzyklika veranlasst dazu, ihr Jubiläum zu begehen. Doch für Quas primas, von Pius XI. am 11. Dezember 1925 veröffentlicht, kann dies mit dem großen schlesischen Theologen und Kardinal Leo Scheffczyk (1920-2005) begründet werden:1 Er erkennt Pius XI., als den „entschiedensten neuzeitlichen Anwalt“ (92) einer „seit der Väterepoche nicht mehr abgerissenen Glaubenstradition“, die er auch im Zweiten Vatikanum findet: in der Rede „von der ‚königlichen Freiheit‘ im Dienst der Jünger …, die ‚zu dem König hinführen‘ soll, ‚dem zu dienen herrschen bedeutet‘ “ (91; LG 36).

Man kann Christi Königtum nicht gleichsetzen damit, dass er Guter Hirt ist. Denn der Königstitel wird „auf Christus in einem exklusiven Sinne angewandt“, während die „Hirtenbezeichnung … auch den Aposteln und ihren Nachfolgern zukommt, die aber niemals ‚Könige‘ genannt werden“. Entsprechend wird kirchenrechtlich bischöfliche [und sonstige] Vollmacht als „Hirtengewalt“, nie aber als ‚königliche‘ Gewalt greifbar. Der Königstitel drückt für Scheffczyk „etwas einzigartig Auszeichnendes“ (93) aus. Im Alten Testament ist er Prädikat Gottes in seiner über allem stehenden Autorität. Das Hirtenamt Christi betont seine „irdische Aufgabe“, „der Königsname“ hingegen „das überirdische und überzeitliche Geheimnis Christi“ (94).

Christi Königtum ist für Kardinal Scheffczyk auch „wesentliche Gestalt“ und „innere Form der Arbeit der Kirche an der Welt“ und stellt so den Weltdienst unter den Anspruch des Überzeitlichen. Dadurch „werden auch die Gefahren zur Selbstüberhebung der Kirche geringer“, und ihre Widerstandskraft gegen das Böse wird größer. Der christkönigliche Stil kirchlicher Mission ist geprägt von Freiheit und entsagt dem Zwang, lebt aus der Liebe als „Kraft innerer Anziehung“, aus der „Wahrheit, die durch ihren inneren Reichtum überzeugt“ und so den Irrtum „überwindet“, und aus „höchste[r] Selbsthingabe“ (105).

Einblicke in die Enzyklika

Die Enzyklika Quas primas glänzt in Prägnanz, Frische und Konkretheit. Ihr Hauptanliegen liegt darin, Christi Königtum nicht nur (wie schon bisher) göttlich, sondern auch von Jesu Menschheit her zu fassen (Nr. 6): In der Einheit von göttlicher und menschlicher Natur (Nr. 11) hat Jesus ein ‚angeborenes‘ Königsrecht. Von seiner Erlösungstat her ist sein Königsrecht auch ‚erworben‘ (Nr. 13).

Daraufhin legt Pius XI. Wesen und Bedeutung des Königtums Christi dar, und zwar gemäß den drei staatlichen Gewalten: der gesetzgebenden (Nr. 14), der richterlichen (Nr. 15) und der ausführenden (exekutiven) Gewalt (Nr. 16), jeweils biblisch begründet. Anhand des Pauluswortes „Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen!“ (1 Kor 7,23) garantiert gemäß Quas primas Christi Königtum im Umgang mit staatlicher Ordnung unsere Freiheit, da es durch seine Erlösungstat alle vor Gott bringt, die Regierenden wie die Regierten (vgl. Nrr. 22-23).

Auch die Fernstehenden, sollen „zu ihrem Heile nach dem sanften Joch Christi verlangen und es auf sich nehmen“ (Nr. 43): Demgegenüber ist glaubensfernes Leben für Quas primas ein ‚hartes‘ Joch, dem nur ein von Christus, dem König, ausgehendes ‚Muss‘ und ‚Soll‘ wirksam die Stirn bieten kann. So erschließt sich der Sinn der königlichen Gewalten Christi: Sie brechen moderne Versklavungen auf und befreien zum wahren Christsein!

Die Einführung des Christkönigsfestes will einer Fülle an Geistesströmungen („Laizismus“) begegnen, die dem Evangelium entgegenstehen und die Kirche in die Sakristei verbannen wollen (Nr. 29). Quas primas denkt also grundsätzlich: Das Ende der Monarchie in Europa, das damals erst wenige Jahre zurücklag, wird nicht einmal angedeutet. Pius XI. hatte also eine umfassende geistige Konfrontation vor Augen, die zeitlos gültig bleibt. Daher lassen auch aktuelle Fragen dieses alte Lehrschreiben in neuem Licht erscheinen.

Aktuelle Aspekte

In heutiger Globalisierung scheint alles relativ, vieles wird multireligiös und multikulturell. Modeströmungen kollektivieren, das Handy individualisiert, aber nicht als Gegenkraft. So verkümmert in uns, was wir als ‚Person‘ bezeichnen; es führt zur Schwäche, Entscheidungen zu treffen, verbindlich und zuverlässig zu sein, Sinn für Verantwortung zu entwickeln. All dies hat bis vor nicht allzu langer Zeit Glück und Erfüllung bedeutet, heute dagegen bewirkt es Stress: Denn Einflüsse der Globalisierung entwurzeln uns.

Quas primas gibt zu bedenken: „Möchten doch die vergesslichen Menschen alle sich erinnern, was wir unserm Erlöser gekostet haben“, und fügt hinzu: „Was könnte man Freudigeres und Schöneres denken, als dass Christus nicht bloß kraft seines angeborenen, sondern auch kraft seines erworbenen Rechtes über uns herrscht …?“ (Nr. 13). Die Pointe liegt darin, unsere christliche Identität als Erlöste mit dem königlichen Anspruch des Erlösers zu verbinden: Dieser sichert unsere Verwurzelung als Erlöste in Christus ab bietet so jedem Einfluss von Entwurzelung durch den Zeitgeist die Stirn.

Die technisierte Zivilisation erweckt den Eindruck: Gar alles muss funktionieren. Darunter verkümmern in uns Seelenkräfte wie Liebe, Hoffnung, Freude, Mut und Empathie. Quas primas lehrt: Christus wird „als König der Herzen anerkannt, wegen seiner Liebe, die alles Verstehen übersteigt und ob der Milde und Güte, mit der er die Herzen an sich zieht; nie wurde noch wird je in Zukunft ein Mensch von der Allgemeinheit der Völker so geliebt werden wie Christus Jesus“ (Nr. 5). Indem Christus sich mit seiner eigenen Liebe vor unserem Herzen gerade auch als König präsentiert, weckt er umso mehr unsere in technischer Welt ermüdeten Herzen.

Damit wir im Konsumismus in der Wahl nicht die Qual haben, lassen wir Gefühle die Wahl bestimmen. Dies aber betäubt in uns die Fähigkeit, zwischen Gefühl und Gewissen zu unterscheiden. Bedenken wir dazu Quas primas: Christus

„herrscht über den Willen des Menschen, nicht nur weil in ihm der Heiligkeit des göttlichen Willens eine vollkommene Geradheit und Unterwürfigkeit des menschlichen Willens entspricht, sondern weil er durch Antrieb und Eingebung unsern freien Willen dermaßen beeinflusst, dass er uns für die edelsten Dinge begeistert“ (Nr. 5).

Achten wir auf den christköniglichen Klang dieser Worte: Sie singen unserem Gewissen sozusagen die Melodie vor, nach der es sich bewegen soll. Das spricht gerade auch unsere Gefühle an: Sie singen gleichsam jene Melodie mit, die unserem Gewissen eigen ist, und anerkennen unterschwellig somit das Gewissen als ihre Mitte. Das Reich Christi „verlangt“ gemäß Quas primas „von seinen Anhängern …, dass ihr Herz sich löse von irdischen Reichtümern und Gütern“ (Nr. 17). An diesem feierlichen christköniglichen ‚Muss‘ erkennt unser Gewissen sich selbst, seinen „sense of duty“ (Newman)!

Die Kehrseite des Konsumismus ist die Vernachlässigung der sogenannten „Letzten Dinge“: So wird Christentum zu unverbindlicher Lebenshilfe. Quas primas bietet hier ein zugkräftiges Argument: Christus lässt nicht ab, „diejenigen zum ewigen Glück seines himmlischen Reiches zu berufen, die in seinem Reich auf Erden ihm treu ergebene und gehorsame Untertanen waren“ (Nr. 3). Beachten wir die Verkettung von irdischem und himmlischem Reich Christi zu einem einzigen Reich, worin der himmlische Teil Vorbild ist, doch das königliche Recht Christi gerade für den irdischen Teil betont wird. Das himmlische Reich gehört in die Sphäre der sogenannten „Letzten Dinge“. Das Schlagfertige liegt darin, dass über den Begriff des „Reiches“ die „Letzten Dinge“ zum Vorbild für das Königsrecht auf Erden werden. Eschatologie wird in diesem Denken rechtsbindend, und damit auf neue Weise wirklich; der Anspruch des Himmels wird mitten auf die Erde gestellt.

Im Säkularismus erleben wir die Relevanz des Christseins nicht wie ein Zugpferd allgemeiner Entwicklung, sondern vorrangig nur dort, wo das Funktionieren brüchig wird, wo Nöte und Krisen auftreten. Doch achten wir auf folgende Worte aus Quas primas:

„Wenn … einmal alle Gläubigen einsehen, dass sie unter dem Feldzeichen des Christkönigs mit Mut und Ausdauer kämpfen müssen, dann werden sie doch mit apostolischem Eifer danach trachten, die entfremdeten und unwissenden Seelen zum Herrn zurückzuführen, und sie werden sich bemühen, seine Rechte unverletzt zu bewahren.“ (Nr. 31)

Dies kehrt die Frage nach der Relevanz des Christseins um: nicht darauf schauen, wie relevant unser Christsein vor der Öffentlichkeit ist, sondern wie unverändert relevant wir für Christus und für seine königlichen Rechte auf diese Welt sind. Dies bewirkt in uns Hochgemutheit: den Mut zum Ganzen, zum Großen, was uns Christus aufträgt – in Demut, aber frei von Kleinmut.

P. Dr. Johannes Nebel FSO (Bregenz)

» Hingewiesen sei auf die ausführlichere Studie: Johannes Nebel FSO, Hundert Jahre Christkönigs-Enzyklika „Quas primas“ von Pius XI. Relecture und Würdigung im Anschluss an die Theologie Kardinal Leo Scheffczyks, in: P. Düren (Hg.), Christus ist Sieger [= Beiträge der „Internationalen Theologischen Sommerakademie 2025“ in Aigen], Kisslegg-Immenried (Christiana-Verlag im fe-Medienverlag) 2025, 97-13.

1 Vgl. zum Folgenden: L. Scheffczyk, Die Mission der Kirche: Verwirklichung des Königtums Christi im Reiche Christi, in: Studia Missionalia 51 (2002), 85-105.