Alexander Eiber: Politische Biographie von Caspar von Schrenck-Notzing

Freiherr Caspar von Schrenck-Notzing, bedeutender deutscher rechtskonservativer Schriftsteller und Verleger

Man könnte den Freiherrn Caspar von Schrenck-Notzing (1927-2009) vielleicht als den bedeutendsten Konservativen der BRD im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts beschreiben, wohlgemerkt: nicht als Politiker, sondern als dominierende Gestalt im „vor-politischen“ Raum, als Autor, Herausgeber und Netzwerker. Bekannt wurde er 1965 mit seinem Erstlingswerk „Charakterwäsche“ gegen das „Bewältigungs-Apostolat“, über die „Umerziehung“ der Deutschen nach 1945; von 1970 bis 1997 war er Herausgeber des alle zwei Monate erscheinenden Magazins „Criticon“; sein Werk führt die Förderstiftung konservative Bildung und Forschung weiter, die von Dieter Stein geleitet wird, dem Herausgeber der „Jungen Freiheit“.

Schrenck-Notzing kam aus einer Münchner Patrizierfamilie, die sich schon im Mittelalter nachweisen lässt und im 19. Jahrhundert zwei bayerische Minister stellte; ein Urgroßvater sicherte das Familienvermögen mit einem Paket BASF-Aktien ab. Schrenck war finanziell unabhängig, besaß ein Anwesen in Ammerland am Starnberger See – und konnte sich das Leben eines Sammlers und Privatgelehrten leisten. An seiner Frau Regina (1936-2012) fand er eine kongeniale Partnerin, die nicht bloß blendend aussah, sondern seine Interessen teilte – und im München der neunziger Jahren dann die „Winterakademie“ ins Leben rief.

Schrencks Verdienst war, daß er kein rechter Sektierer war. Seine Zeitschrift sollte kein „Hausorgan eines bestimmten Klüngels“ sein, sondern eine Tribüne bieten für ein weites Spektrum konservativer Meinungen und Ansätze. Er pflegte deshalb Kontakte mit verschiedenen Zirkeln innerhalb und außerhalb Deutschlands. Was ihm vorschwebte, war eine deutsche Parallele zu dem „Fusionismus“, der in Amerika ganz unterschiedliche konservative Strömungen unter Reagan zu einer schlagkräftigen Bündnis vereinigte. Sein Biograph wirft zu recht die Frage auf: War er ein Eklektiker? Denn bezeichnend bleibt, daß Schrenck eben selbst nie zusammenfassend ausformuliert hat, was er unter konservativ versteht.

Interesse an Archetypen

Gegen den linken „Konstruktivismus“ führte er ins Feld: Konservative seien dem Prinzip der Wirklichkeit verpflichtet. Gegen die Moralapostel beharrte er auf dem Vorrang der Resultate vor den guten Absichten. Doch ein Dilemma tat sich auf, sobald er betonte: Es gehe dabei stets um Ideen, nicht um Interessen, schon gar nicht um die bloße Bewahrung des status quo. Er war an „Archetypen“ interessiert. Der Konservatismus sei eine ideengeschichtliche, eine „außerpragmatische“ Bewegung. Damit war er vielleicht einer der ersten im rechten Spektrum, der Gramscis Thesen vom Primat der Kultur aufgriff. Seine „Helden“ waren nicht Bismarck oder Disraeli, sondern der spanische Philosoph Baltasar Gracian – von ihm stammt der Titel Criticon – oder Jonathan Swift.

Bei der Feindbeobachtung gelangen ihm immer wieder scharfsinnige Analysen, zum Beispiel über den Unterschied zwischen der Demokratie und der „Demokratisierung“, die in eine überbordende Politisierung aller Lebensbereiche mündet; über die sogenannten „Liberalen“ vom Schlage Franklin Delano Roosevelts, die in allem dem klassischen Liberalismus zuwider handeln; über die neue Linke, die zum Unterschied von den klassischen Marxisten ihren Glauben an die Massen verloren habe, sondern den Volkswillen „dosieren und notfalls stornieren“ wolle; nicht zuletzt über die moderne Medienlandschaft, die dazu führe, daß Worte und Gedanken von Bildern und Affekten überrannt würden.

Eher Unterstützung für Rechtspopulisten

Doch in der praktischen Politik blieb Schrenck bis zu einem gewissen Grad von jener Entschlusslosigkeit geprägt, die er den Liberalen sooft vorwarf. Zu sehr war er vielleicht auf Distanz bedacht. Er warnte, auch eine konservative Partei ist mehr Partei als konservativ. Bei der CSU hatte er so manche adelige Freunde. Adenauer respektierte er, doch Helmut Kohl – mit seiner „Wende von Genscher zu Genscher“ – verachtete er. Er setzte eine Zeitlang auf die „vierte Partei“, mit der Franz Josef Strauß liebäugelte. Er und seine Familie hatten punktuell Kontakt zur NPD der sechziger Jahre, zu den Republikanern und zu Manfred Brunners „Bund freier Bürger“ (Regina war dort stellvertretende Vorsitzende). Dem „Rodeo mit dem populistischen Mustang“ stand der Baron vielleicht nicht ohne Sympathie, doch mit einer gewissen Skepsis gegenüber.

Ein posthumer Glücksgriff ist Schrenck mit seinem Biographen widerfahren, dem er einen umfangreichen Nachlass zur Bearbeitung hinterlassen hat. Alexander Eiber, ein Schüler von Hans-Christof Kraus, der immer wieder an Schrencks Projekten mitarbeitete, ist ein Kenner der bayerischen Politszenerie. Er hat das schriftliche Material durch zahlreiche Interviews mit Mitarbeitern und Bekannten vertieft, von Bruno Bandulet bis Karlheinz Weissmann. Das Resultat kann sich sehen lassen: Eine fulminante Würdigung des Lebenswerks des Barons als „Drehscheibe“ des konservativen Milieus, ohne gewisse Schwächen und Konflikte auszublenden, die sich letztlich als hinderlich erwiesen. Man wird dem Fazit zustimmen können:

„Es gelang ihm zu oft nicht, seine eigene politische Haltung in eine taugliche politische Strategie zu übersetzen.“

Prof. Lothar Höbelt (Prag/Wien)

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