Dusan Dostanic geht der Frage nach, was die Romantik im Kern ausmacht und inwiefern sie heute noch eine tragfähige Option bzw. Inspirationsquelle für konservatives Denken darstellt. Obwohl die Romantik unter Konservativen historisch umstritten war (Denker wie Charles Maurras oder Carl Schmitt lehnten sie als „Subjektivismus“ ab), bietet sie einen fundamentalen Gegenentwurf zur politischen Moderne.
Was ist die Romantik?
Die Romantik ist schwer rein begrifflich zu fassen. Sie ist mehr als nur eine historische Epoche; sie ist eine zeitlose Lebensstimmung und Weltanschauung, die das Rätselhafte des Daseins betont. Ihre historisch prägendste Ausprägung fand sie jedoch als deutsche Romantik Ende des 18. Jahrhunderts.
- Kritik der Aufklärung: Sie entstand als Gegenbewegung zu Individualismus, einseitigem Rationalismus, Säkularisierung und der „Mechanisierung“ der Welt.
- Gegen die Autonomie des Subjekts: Die Romantik lehnt die moderne These ab, dass der menschliche Verstand völlig autonom (losgelöst von Natur, Religion und Geschichte) sei und die Gesellschaft rein rational am Reißbrett neu konstruieren könne.
- Wiederverzauberung der Welt: Während die Moderne (nach Max Weber) die Welt „entzaubert“ und in Fragmente spaltet, strebt die Romantik nach einer „Wiederverzauberung“ (Novalis) und der Rückbindung an das Religiöse und Geheimnisvolle.
Das romantische Weltbild: Organische Einheit statt Spaltung
Dem analytischen, trennenden Denken der Moderne setzt die Romantik ein synthetisches Weltbild entgegen.
- Universalismus: Sie sucht die Überwindung von Gegensätzen (Leib/Seele, Mensch/Natur, Wissen/Glaube) in einer allumfassenden, von Gott geordneten Ganzheit.
- Mikrokosmos und Makrokosmos: Der Mensch wird nicht als isoliertes Individuum gesehen, sondern als Mikrokosmos, der in die göttliche und natürliche Ordnung (Makrokosmos) eingebettet ist. Sinn findet der Mensch erst durch die Einfügung in diese vorgegebene Ordnung.
Politisches und gesellschaftliches Verständnis
Aus dieser Weltsicht ergeben sich konkrete Ansichten zu Staat, Wirtschaft und Nation:
- Der organische Staat: Der Staat wird nicht als künstlicher Vertrag, sondern als lebendiger Organismus verstanden. Revolutionen werden als unnatürlich und krankhaft abgelehnt. Stattdessen setzt die Romantik auf organisch gewachsene Kontinuität, Tradition und eine natürliche Hierarchie (Ständestaat), da – wie bei einem Körper – nicht alle Organe gleich sind.
- Wirtschaftskritik: Die Wirtschaft darf nicht zum Selbstzweck werden. Die Romantik übte scharfe Kritik am Frühkapitalismus, Utilitarismus und der totalen Herrschaft des Marktes. Die Wirtschaft muss der moralisch-religiösen Ordnung untergeordnet bleiben.
- Nation und Kultur: Die Romantik lehnt einen abstrakten Kosmopolitismus ab. Der Mensch ist durch sein Volkstum und seine Kultur geprägt („Volksgeist“). Die deutsche Romantik half dabei, das deutsche Nationalgefühl und die Geschichte neu zu entdecken. Kultur ist dabei ortsgebunden; sie verbindet nicht nur, sondern trennt Völker auch voneinander (Kulturen als identitätsstiftende Unterschiede).
Die Wirkungsgeschichte und Aktualität für Konservative
Die Gedankenwelt der Romantik wirkte weit über ihre Epoche hinaus und prägte spätere konservative Strömungen maßgeblich:
- Sie beeinflusste Denker nach dem Ersten Weltkrieg (wie Georg von Below) sowie Othmar Spann, der in ihr eine „Neugotik“ und eine Gegenbewegung zur Renaissance sah, auf der er seine Theorie des Ständestaates aufbaute.
- Auch die Konservative Revolution (z. B. Edgar Julius Jung), der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila und jüngere Denker wie Gerd-Klaus Kaltenbrunner griffen auf romantische Vordenker (wie Novalis, Adam Müller oder Franz von Baader) zurück, um ideologische Simplifikationen zu durchbrechen.
Fazit
Der bleibende Wert der Romantik für den heutigen Konservatismus liegt nicht in konkreten politischen „Rezepten“ für den Alltag. Ihr Wert liegt vielmehr in ihrer Denkmethode. Sie liefert einen konsequenten und tiefgründigen geistigen Gegenentwurf zur politischen Moderne. Gerade heute, da die Fehlentwicklungen, Risse und Nachteile von radikaler Aufklärung und Moderne überdeutlich zutage treten, bietet das romantische Weltbild ein unverzichtbares intellektuelles Korrektiv.