Solange der Mensch lebt, wird er sich die Frage nach dem richtigen Leben stellen. Sie ist eine dringende Frage, die umso dringender wird, wenn die Selbstverständlichkeiten ihrer bisher bekannten Antworten verloren gehen. Ihre Beantwortung bedarf des richtigen Wissens, auch bezüglich der Natur des Menschen.
Norbert Bolz stellt in seinem Buch „Das richtige Leben“ die urphilosophische Frage der antiken Denker nach den höheren, absoluten Maßstäben des guten Lebens. Dabei bringt er zum Ausdruck, dies in einer Gesellschaft zu tun, die durch Neutralisierungen und einen Relativismus die Standards jener Antworten niedrig setzt. Doch ein Werteverlust, der eher ein Werteverzicht ist, kann nur gedacht werden, nicht aber gelebt werden. An die Stelle des richtigen Lebens hat das moderne Selbstverständnis die angebliche Eigenrichtigkeit des Individuums mit seiner je eigenen individuellen „konstruierten“ Moral, ihren Vorstellungen sowie Einbildungen (einer schwachen Anthropologie) gesetzt. Dabei wird, unter anderem, jede Toleranz pervertiert, wenn es keine Standards und Maßstäbe mehr gibt. Doch nur Werturteile ermöglichen es, die Kriterien von wichtig und unwichtig sowie auch von Gut und Böse zu unterscheiden. Und jede Entscheidung entsteht unter dem Imperativ, das Richtige zu tun. Doch was ist dieses Richtige und auch Gute? Vier Dimensionen des richtigen, edlen und guten Lebens (zoé), das von einem bloßen Überleben (bios) zu unterscheiden ist, macht Bolz als Führungsideen aus: das heroische, das philosophische, das politische und das bürgerliche.
Das Heldentum: Helden werden gerühmt und verehrt – und das ist wiederum sehr antimodern, weil antiegalitär und nicht nivellierend. Die alten Griechen lehren uns, die „Bestheit“, das Vornehme, eben die Tugend anzustreben. Die Lebensexzellenz und somit das Heroische gehört zum Mysterium des Lebens. Hierfür bedarf es der Seelenkraft des Thymos: der Ehre, des Charismas, eines Heroismus, des Sinnes für das Abenteuer sowie einer Beherztheit – was ein Mann haben sollte. Die Welt des Thymos findet heute ihr Exil in erster Linie in der Welt des Sports, in der das Streben nach Erfolg, die Ehrlichkeit der Leistung sowie die Anerkennung und die Ehre zählen. Das Heroische impliziert die Überwindung des Mittelmäßigen sowie des Menschlich-Allzumenschlichen und ferner Selektion und somit Rangordnung. Nur wer Helden hat, kann sein Dasein und „das System“ transzendieren, weshalb Nietzsche auch sagte: „Wirf den Helden in dir nicht weg!“
Das Philosophische: Philosoph ist, wer sich nicht von den unwichtigen Dingen ablenken lässt und mit dem Unsinn aufräumt. Er wird ein Ziel haben, nämlich die hart erarbeitete Glückseligkeit. Und dies ist eine Sorge um sich selbst und das Heil seiner Seele. Ich habe die Pflicht, mein besseres Selbst zu kultivieren. Nur dieser Mensch wird auch frei sein und das ausbilden können, was man Charakter nennt, weil er einen Willen hat und Verantwortung übernimmt für das, was er tut. Das Leben widerfährt ihm nicht nur ; er handelt. Dieser Mensch ist derjenige, der sich erst wirklich selbstverwirklicht hat, weil er sein Ego übersteigt und Transzendenz hat – er dient einer höheren Sache oder anderen Menschen. Er lebt nicht mehr in den Verblendungen und dem Nihilismus seiner Zeit, er hat einen Nomos, eine Ordnung und auch Ortung – er bricht aus Platons Höhle aus.
Das Politische: Politisch ist jede echte Philosophie (im Sinne Platons), weil sie sich als Dienst an der Polis, als Dienst am Gemeinwohl versteht. Von Natur aus lebt der Mensch in Gemeinschaft und kann sich nur in dieser erst verwirklichen. In der Gemeinschaft wird der Mensch geformt und erzogen. Das Politische ist überhaupt das Maßgebende, das jedes Recht begründet. Doch geht es in der Politik nicht nur um das Überleben und den Machtkampf (wie bei Thomas Hobbes), durch dessen Verständnis es an einem Maßstab der Politik ermangelt und Politik überhaupt unmöglich wird. Jede Politik bedarf der Entscheidung; in ihr kommen „die philosophischen, moralischen, innerlichen Gegensätze zur entscheidenden Äußerung“ (Leo Strauss). Politik ist somit existentiell, sie bedarf des Kampfes und der Verantwortung, die den Sachzwängen des Beamten abgerungen werden muss.
Das Bürgerliche: Bürgerlich zu leben ist der Mut, das Gewöhnliche zu tun und sich im Alltag zu bewähren, trotz aller antibürgerlichen Affekte. Das Gewöhnliche ist zunächst die Pflicht, die es zu tun gilt. Der Bürgerliche handelt und das maßvoll; er übt sich in Askese und schaltet das Chaos aus. Durch solch ein Leben der Selbstzucht entsteht erst Persönlichkeit, die dem Konformismusdruck widerstehen kann. Die Persönlichkeit ist nach einem Wort Goethes das höchste Glück. Das Leben der Persönlichkeit wird sich ausweiten auf die Familie. Überhaupt konstituiert sich der Bürgerliche durch Eigentum und Bildung entgegen aller Einebnungsbestrebungen des sozialistischen Staates. Der Bürgerliche erfüllt seine Pflicht als einen Dienst – damit begründet er Institutionen, die dem Leben auch Würde geben.
Was ist das gute Leben?
Das richtige Leben – was ist es? Schwerer jedoch wiegt die Frage: Wie kann es verwirklicht werden? Der von Nietzsche beschriebene „letzte“ und mitunter auch als „modern“ bezeichnete Mensch verzichtet auf diese Fragen, er beantwortet sie nicht, verdrängt und vergisst sie. Epikurisch wird er nur das angenehme Leben suchen und kaum merken, dass er seiner Persönlichkeit und seiner Möglichkeiten der wahren Selbstverwirklichung verlustig gegangen ist. Er fühlt sich zwar sicher, wohlgenährt, vielleicht seelisch und körperlich gesund, doch hat er weder Ehrgeiz noch Ideen. Die langsame fortschreitende Behaglichkeit des Wohlstands führt zu seiner geistigen Versklavung. Er hat insbesondere keinen Thymos: Er ist ein Mensch ohne Brust, ohne Herz oder große Gefühle – und daher ist er auch unfähig zur Tugend und zur Vision.
Der letzte Mensch ist ein konsumierender Gutmensch des Mittelmaßes, der eher einem Haustier gleicht und sich durch kleine Gifte narkotisiert. Ihn gilt es zu überwinden und zu transzendieren, was ein Hinausgreifen aus der Welt bedeutet. Dafür muss man die Sehnsucht wachhalten – und sich selbst beherrschen. Realistisch betrachtet sind wir heute weit entfernt von dieser Vorstellung. Doch können wir wieder von vorne anfangen. Wir werden immer Grund zur Sorge haben, sofern wir noch Liebe haben, denn Liebe ist der Grund der Sorge. Und die Liebe befreit uns zu dem, was wirklich wichtig ist. Es gibt wichtige, ewige Wahrheiten und Haltungen, die über die Zeit hinweggegangen sind. „Der Geist ist für jede Größe offen“ (Jacob Burckhardt). Es ertönt immer die Stimme des Orakels von Delphi, die uns zuruft: „Erkenne dich selbst“, und auch jene, die fragt: „Adam, wo bist du?“ (Buch Genesis)
Dr. Christian Machek (Wien/Berlin)

Literaturempfehlung:
» Norbert Bolz: Zurück zur Normalität: Mit Augenmaß und gesundem Menschemverstand
Unsere bürgerliche Gesellschaft ist einem Zangenangriff auf die Normalität ausgesetzt – nämlich einmal durch die „Wokeness“ der Kulturrevolutionäre und zum andern durch den Alarmismus der politisch-medialen Elite. Die Wokeness stellt das Verhältnis von normal und pathologisch auf den Kopf. Der Alarmismus stellt das Verhältnis von normal und extrem auf den Kopf. Das, was früher als Neurose betrachtet wurde, soll jetzt als selbstbestimmter Lebensentwurf anerkannt werden. So ist ein kulturelles Klima absoluter Toleranz entstanden, die sich aber als absolute Intoleranz gegenüber den traditionellen Lebensformen äußert. Damit wird der Normalität der Krieg erklärt. Genauso pervertiert ist das Verhältnis von Normalität und Ausnahmezustand in der Welt von Medien und Politik. Hier herrscht ein Alarmismus, der überall nur Katastrophen sieht. Das ist der gemeinsame Nenner von Sensationsjournalismus, Gefälligkeitswissenschaft und einer Politik der Angst, wie wir sie in der Corona-Zeit kennengelernt haben. Es gibt heute aber Anzeichen dafür, dass nach der politischen Generation der Weltverbesserer wieder eine skeptische Generation kommt, die mit dem woken Spuk aufräumt. Das nährt die Hoffnung auf eine Rückkehr aus den moralischen Exzessen und dem nihilistischen Selbstzweifel des Westens zur moralischen Normalität, die sich von selbst versteht. Im Augenblick sehen viele nur die Zeichen der Dekadenz, aber am Ende wird die Wokeness die Provokation gewesen sein, die zu einer Wiedergeburt der Bürgerlichkeit geführt hat.
