Esther Bockwyt hat ihrem Buch „Woke. Die Psychologie eines Kulturkampfes“, das ursprünglich von Universitäten der USA ausgehende und von Medien propagierte Phänomen des Wokismus analysiert: Diese progressive bzw. linke „Identitätspolitik“ hat sich radikalisiert und längst die Schwelle zu einer militanten Ideologie überschritten. Geht es noch, so wie beansprucht, um den Kampf gegen Diskriminierung oder Ungerechtigkeit? Oder sollen alle Maßstäbe eines sinnvollen, somit menschengemäßen Zusammenlebens neu definiert werden? Die tieferliegenden psychologischen Dynamiken, Motivationsstrukturen und Wurzeln dieser destruktiven Ideologie mit ihren Glaubenssätzen, die zu einer überhöhten Meinungskontrolle durch eine verordnete Cancel Culture führen kann, werden von Bockwyt genau analysiert.
Was ist woke?
Die „Woken“ sind die „Wachsamen“, die auf versteckte oder sublime Diskriminierungen und Machtungleichheit achten und diese aus vermeintlich höherer Moral bekämpfen wollen. Diejenigen, die sich selbst einer diskriminierten oder marginalisierten Minderheit zurechnen, fordern eine entsprechende „Achtsamkeit“. Ideologisch wurzelt sie in der Vorstellungswelt des Postmodernismus und des Neomarxismus, somit besteht das Phänomen der Wokismus aus einer Synthese von liberalistischem Relativismus und Sozialkonstruktivismus. Postmodern ist die Leugnung der Realität; marxistisch ist die Unterdrücker/Unterdrückten-Dichotomie, die kulturmarxistisch auf Geschlecht, Leistungsgerechtigkeit und Hautfarbe zielt und diese sowie andere Kategorien zugunsten eines Egalitarismus abzulösen trachtet.
Wie jede linke Theorie geht es um Machtverhältnisse, die neomarxistisch „kritisch“ dekonstruiert werden sollen. Schuld sind das System bzw. die Strukturen, die Menschen diskriminieren, und nicht die Vernachlässigung individueller Verantwortung – der Mensch sei ja nur Produkt der Gesellschaft. Dieses System müsse nun nach unbegrenzten Möglichkeiten verändert bzw. neu geschaffen werden, d.h. in der Regel erst einmal zerstört werden. Dieser falschen Vorstellung liegt zugrunde, dass der Mensch unendlich formbar und durch eine angemessene Sozialisation als sozialpolitisches Konstrukt perfektionierbar sei. Die Realität, die es angeblich nicht gibt, weil sie eine soziale oder gar nur semantische Konstruktion sei, soll neu geschaffen werden. Ein Beispiel hierfür ist der Missbrauch der Sprache durch das Gendern.
Eine kranke Psyche
Wokeness ist eine Ideologie, die eine „zutiefst demotivierende Perspektive im Leben eines Individuums forciert, immerzu fokussiert auf eine externe Quelle“, während man sich in einer Opferrolle wähnt. Sie unterstützt daher emotionale Fragilität und überhöhten Narzissmus in all seinen destruktiven Erscheinungsformen. Dieser Narzissmus kennzeichnet sich durch „Zwanghaftigkeit und ein wokes Über-Ich“, eine verzerrte Realitätswahrnehmung und auf „Histrionie“, die Illusion alles sein zu können, sowie eine Konzentration auf das Kindliche in uns mit den entsprechenden Vermeidungsstrategien. Das Böse wird auf andere und die gesamte Gesellschaft projiziert. Es kommt zum Versuch „der Etablierung einer planwirtschaftlichen Regulierung menschlicher Gefühle und zwischenmenschlicher Beziehungen“.
Eine „woke Psyche“ verliert jedes gesunde Maß und wittert überall Diskriminierung, womit die eigene Theorie bestätigt und möglichst viele Menschen in den Bann gezogen werden sollen. Die Ausartung „woken“ Gedankengutes wirkt toxisch in der Gesellschaft, da Narzissmus und auch Aggression auf politischer Ebene aufgrund der sich selbst zugeschriebenen Überlegenheit ausgelebt werden dürfen. Ständig werde Problematisierung betrieben, sonst entstünde ein Vakuum, „eine depressive und negative Endlos-Spirale“. Das eigene Weltbild darf nicht in Frage gestellt werden. Stattdessen werden die vermeintlichen Täter herabgewürdigt und ihnen Schuldgefühle eingeredet – dies führt jedoch zu Reaktionen und Ablehnung, was wiederum eine Spaltung der Gesellschaft zur Folge hat.
Die Zeichen stehen auf Besinnung und Umkehr
Das Buch von Esther Bockwyt ist nicht der einzige Gegenaufruf, die gefährliche zersetzende Problematik des Wokismus zu erkennen. Es entsteht hie und da auch eine Gegenbewegung, z.B. gegen sprachliche Bevormundung: So hat etwa Ministerpräsident Markus Söder angekündigt das Gendern im Amtsverkehr abschaffen zu wollen. Der Popularphilosoph Richard David Precht spricht das Thema an und entlarvt die ideologischen Widersprüche. Das Wort woke erfährt selbst eine Wortumwandlung und wird zunehmend negativ besetzt, ja beschreibt mittlerweile fast eine bösartige Denkweise. Die fragwürdigen Prämissen linker und ressentimentgeladenen Ideologie wie ihr reduktionistisches und utopisches Verständnis von Universalismus, Gerechtigkeit (nur als Gleichheit) und Fortschrittsglaube werden offenbar und laden zur Umkehr ein, sich auf die Wirklichkeit und Gott zu besinnen.