Eines der bedeutendsten kirchlichen Dokumente der jüngeren Zeit ist die Enzyklika Laudato Si‘ (LS) von Papst Franziskus. Die Bezeichnung vonLaudato Si‘ als Umwelt- oder als „grüne“ Enzyklika verkennt Inhalt und Bedeutung dieses Lehrschreibens. Laudato Si‘ leistet sehr viel mehr,als „nur“ die Umweltproblematik prominent im kirchlichen Lehramt zu platzieren.
Mit dem Ansatz der ganzheitlichen Ökologie wird sicherlich einerseits die Bedeutung der Umweltkrise und ihrer Bewältigung erkannt und anerkannt. Andererseits wird aber auch die begriffliche Möglichkeit geschaffen, sie als Phänomen einer umfassenderen und tiefergehenden Krise einzuordnen. Die Umweltkrise ist Symptom einer Zivilisationskrise. Betroffen sind neben der Umweltökologie die Sozial-, die Kultur- und nicht zuletzt die Humanökologie.
Die Sozialökologie betrifft nach Laudato Si‘
„die Institutionen und erreicht fortschreitend die verschiedenen Ebenen, angefangen von der elementaren sozialen Zelle der Familie über die Ortsgemeinde und das Land bis zum internationalen Leben. Innerhalb einer jeden sozialen Ebene und zwischen ihnen entwickeln sich die Institutionen, die die menschlichen Beziehungen regeln. Alles, was diese Institutionen beschädigt, hat schädliche Auswirkungen: sei es der Verlust der Freiheit oder seien es die Ungerechtigkeit und die Gewalt“ (vgl. LS 142).
Die Krise der „elementaren sozialen Zelle der Familie“ ist hinlänglich bekannt. Hinsichtlich der Kulturökologie erklärt Papst Franziskus selbst:
„Die konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird, neigt dazu, die Kulturen gleichförmig zu machen und die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen.“ (LS 144)
Er ergänzt in diesem Sinne in Christus vivit:
„Heute erleben wir eine Tendenz zur `Homogenisierung´ der jungen Menschen, welche die ihrem Herkunftsort eigenen Unterschiede auflösen und sie in manipulierbare serienmäßig hergestellte
Individuen verwandeln will.“ (Christus vivit 186)
Die Bedrohung der Humanökologie beginnt mit der moralischen Katastrophe der Abtreibung sowie von künstlicher Verhütung wie Empfängnis, weitet sich aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr
zur Infragestellung des geschlechtlichen Unterschiedes an sich (vgl. LS 155).
Ganzheitlicher Ökologie als heuristischer Ansatz
Die herausragende Leistung von Laudato Si‘ beschränkt sich dabei nicht darauf, mit dem Begriff der ganzheitlichen Ökologie einen heuristischen Ansatz zu liefern, die Umweltkrise als ein Phänomen einer viel umfassenderen Krise zu erfassen. Darüber hinaus bietet Laudato Si‘ mit dem Konzept des technokratischen Paradigmas eine Antwort auf die Frage nach der gemeinsamen Wurzel dieser unterschiedlichen Phänomene.
Das technokratische Paradigma selbst wiederum hat tiefe Wurzeln in der europäischen Geistesgeschichte, die sich mindestens bis zu frühneuzeitlichen Denkern wie Descartes, Bacon und Machiavelli zurückverfolgen lassen. Es besteht in der Verabsolutierung der instrumentellen Vernunft bei gleichzeitiger Abwertung oder sogar Verneinung des Wesens der Dinge sowie in der Realität objektiv vorfindbarer Zwecke; dessen also, was die Philosophie in der Tradition des Aristoteles Form- und Finalursachen – oder treffender: Form- und Finalprinzipien – nennt. Das technokratische Paradigma ist somit wesentlich Zurückweisung aristotelischer bzw. spezifisch im katholischen Bereich thomistischer Philosophie.
Mann und Frau sowie die Ehe haben nach dieser Lesart weder Zweck noch objektive Bestimmung. Sie können daher nach Belieben sozial de- und rekonsturiert werden. Ebenso wenig gibt es prinzipielle Einwände gegen die technische Trennung von Sexualität und Fortpflanzung. Was technisch möglich ist, ist auch ethisch erlaubt. Hinter all dem steht als einigendes Band der Wille zur Macht als einziges Prinzip. In dieser Perspektive wird aus der zu bewahrenden und zu pflegenden Schöpfung eine auszubeutende Ressource. Dieser Logik folgt auch ein vorgeblich ökologischer Nachhaltigkeitsdiskurs, dessen vorrangige Zielsetzung letztlich die Optimierung des langfristigen Ertrags ist.
Zu einer auszubeutenden Ressource wird auch das sog. Humankapital, wenn die selbstverschuldete demographische Krise Europas auf Kosten unbeteiligter Dritter, nämlich durch Einwanderer aus
anderen Erdteilen, gelöst werden soll. Papst Franziskus dagegen weist in Christus vivit und noch einmal in Fratelli tutti deutlich darauf hin:
„Der [hierdurch erzeugte] Bruch betrifft auch die Gemeinschaften am Herkunftsort, die ihre stärksten Mitglieder mit der größten Eigeninitiative verlieren“ (Christus vivit 93 und Fratelli tutti 38)
und ergänzt an letzterer Stelle, hierbei Papst Benedikt XVI. zitierend:
„Folglich muss auch das Recht nicht auszuwandern – das heißt, in der Lage zu sein, im eigenen Land zu bleiben – bekräftigt werden«.“ (Fratelli tutti 38)
Lösungsansatz: Das Naturrecht und Bildung
Hinter humanitärer Rhetorik verbergen sich so oftmals Machtinteresse und Neokolonialismus. Laudato Si‘ bietet jedoch noch mehr. Steht an der Wurzel der Zivilisationskrise unserer Tage der Bruch mit der aristotelisch-thomistischen Metaphysik und Ethik, so besteht die Antwort in deren Wiederentdeckung und damit der Wiederentdeckung der aristotelisch-scholastischen Naturrechtslehre. Dies bestätigt auch Papst Franziskus, der die Tugendübung als unerlässlich für die Bewältigung der ökologischen Krise im engeren Sinne ansieht (vgl. LS 211), die jedoch in der Naturrechtslehre ihre theoretische Begründung findet.
Was also zur Bewältigung der Zivilisationskrise Not täte wäre ein Virtue mainstreaming, dass also geltende Gesetze und Rechtsvorschriften, aber auch gesellschaftliche und ökonomische Strukturen, auf ihre Auswirkungen auf das Tugendleben der Bürger überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden müssen, wenn sich herausstellt, dass diese Auswirkungen überwiegend negativ sind; eine Forderung, wie sie sich der Sache nach nicht nur in Lumen Gentium 36 und Centesimus Annus 38, sondern zuletzt auch in Dilexit nos 183 findet. Insofern ein solches Virtue mainstreaming nicht zeitnah realisierbar ist, bedarf es als Zwischenschritt unbedingt einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform, die diesem den Weg ebnet.
Wir stehen allerdings auch vor der Herausforderung, dass infolge der tiefgreifenden und lang anhaltenden Säkularisierung, durch die sie nicht mehr die Vorstellung eines göttlichen Gesetzgebers haben, den allermeisten Menschen die Naturrechtslehre nicht mehr unmittelbar plausibel ist. Hier gewinnt die Rede von der ganzheitlichen Ökologie einen didaktischen Wert, insofern sie in propädeutischer Weise den postmodernen Menschen ausgehend von dem, was ihm zeitbedingt vertraut ist, an die Naturrechtslehre geistig heranzuführen imstande ist, sofern dieser hierfür nur hinreichend offen ist.
In dieser propädeutischen Hinsicht enthält Laudato Si‘ noch ein zweites Juwel; die Aussage, „dass in der Welt alles miteinander verbunden ist“ (LS 16). Hier darf man mitnichten annehmen, dass es sich lediglich um eine empirische Aussage handelt, vielmehr kommt ihr ontologischer Gehalt zu. Dies hat aber – und das ist die Pointe, um die es Papst Franziskus an dieser Stelle geht – ethische Relevanz; bedeutet die Absage an atomistische Welt- und individualistische Menschenbilder und die Forderung, in unserem Handeln unsere vielfältige Verbundenheit zu achten. So korrespondiert die Sorge für die Humanökologie mit unserem Bedürfnis nach familiärer Verbundenheit, die Sorge für die Kulturökologie mit unserem Bedürfnis nach Heimatverbundenheit, die Sorge für eine Ökologie des Herzens mit unserem Bedürfnis nach Herzensverbundenheit, dem Papst Franziskus in Dilexit nos ein lehramtliches Denkmal gesetzt hat.
Die leistungsgemeinschaftliche Ordnung
Die Sorge um die Umweltökologie wiederum findet eine starke Motivation im Bedürfnis nach und dem Erleben von Naturverbundenheit. In Bezug auf die Sozial- und Wirtschaftsökologie gilt es schließlich das unter anderem von Oswald von Nell-Breuning SJ und anderen katholischen Sozialethikern vertretene Konzept der Leistungsverbundenheit wiederzuentdecken, das der leistungsgemeinschaftlichen Ordnung zugrunde liegt, einer von diesen Denkern in der Anfangszeit der Bundesrepublik als katholische Alternative zum Neoliberalismus vertretenen gesellschaftlichen Einbettung der Marktwirtschaft im Geiste der Sozialenzyklika Quadragesimo Anno und im Sinne eines organischen Pluralismus.
Wo die ganzheitliche Ökologie und ihre Subökologien vor allem den postmodern geformten Verstand ansprechen, da sind die verschiedenen Verbundenheiten auch dem heutigen Menschen zumeist noch emotional näher. Laudato Si‘ bietet so nicht nur in nuce eine luzide Schilderung der multidimensionalen Krise unserer Tage sowie eine ebensolche Bloßlegung ihrer tieferen Ursache, sondern ebenso die didaktischen Mitteln für eine eben nicht nur ökologische Erziehung der gegenwärtigen Generation.
(Sascha Vetterle, Stutensee, Baden-Würtemberg – Institut für ganzheitliche Ökologie)