„Nicht in der Lüge zu leben“ (Alexander Solschenizyn) ist für die meisten Rechten und Konservativen eine elementare Lebensmaxime. Im „Zeitalter der Lüge“ (Arnold Gehlen) in der Wahrheit zu leben, d.h. wahrhaftig zu sein und wahr zu sprechen, erfordert die Tugend des Freimuts. In Mit Linken leben (2018) zitierten Martin Lichtmesz und ich Aristoteles, der in seiner Nikomachischen Ethik den mégalopsychos, den „hochgesinnten Menschen“ so beschreibt, daß diesem „die Wahrheit unvermeidlich höher steht als Menschenmeinung, und er kann nicht anders als offen reden und handeln. Denn er ist voller Freimut, weil er auf die Personen nicht achtet. Darum ist er auch wahrhaftig, wofern er nur nicht ironisch spricht, was er vor der Menge zu tun liebt.“ Das Wort „Freimut“ heißt im Altgriechischen parrhesía (παρρησία).
„Wir sind hier, wir sind laut!“ – Foucaults Umdeutung des Begriffs
Der französische Kulturmarxist Michel Foucault hat in seinen Vorlesungen der Jahre 1983 und 1984, die auf Deutsch unter dem Titel Diskurs und Wahrheit: Die Problematisierung der Parrhesia in postmodernen Intellektuellenkreisen begeistert rezipiert worden sind, den Begriff so definiert, daß
„ein Sprecher seine persönliche Beziehung zur Wahrheit äußert und dabei sein Leben riskiert, weil er das Aussprechen der Wahrheit als Pflicht erkennt, um andere Menschen zum Besseren zu bekehren oder ihnen zu helfen (wie auch sich selbst). In Parrhesia verwendet der Sprecher seine Freiheit und wählt Offenheit statt Überzeugungskraft, Wahrheit statt Lüge oder Schweigen, das Risiko des Todes statt Lebensqualität und Sicherheit, Kritik anstelle von Schmeichelei, sowie moralische Pflicht anstelle von Eigeninteresse und moralischer Apathie.“
Der parrhesiástes befindet sich laut Foucault in der Sprecherposition des Unterdrückten: Er sagt in einem Diskursgefälle offen die Wahrheit gegenüber einer Autorität. Als Postmodernist hält Foucault dieses seiner Ansicht nach für die antike Demokratie konstitutive Element als Kritikfolie gegen die repressiven „Dispositive der Macht“ in der Moderne. In der Foucault-Rezeption der kulturellen Linken der 80er- und 90er-Jahre entstand über den Parrhesia-Begriff das Narrativ von der ausgegrenzten Minderheit, die ihre Stimme erhebt, den Mund aufmacht, der Lüge der Mächtigen die Wahrheit der Unterdrückten entgegenschleudert – die Kunstrasenbewegungen der Feministinnen, Homosexuellen und der Klimajugend entsprachen diesem Narrativ, das seinen bisher deutlichsten Ausdruck in der „Black-lives-matter“-Bewegung fand.
Das Wahrheitsverständnis der Systemkritiker
Ich habe den Verdacht, daß ein solches Verständnis der unterdrückten Wahrheit als der Wahrheit der Unterdrückten große Teile der sogenannten „Wahrheitsbewegung“ (von den US-amerikanischen truthers bis zur „coronakritischen“ Szene) durchdrungen und auch vor uns Rechten nicht haltgemacht hat. Wer das Vertrauen in die Mächtigen und die Mainstreammedien verloren hat und die linke „Diskurshegemonie“ (ein Foucaultscher Begriff!) der Lüge überführt, sieht sich selbst als Verteidiger der Wahrheit in der Position der unterdrückten Minderheit. Allzuoft ist es jedem einzelnen von uns schon passiert, als Rechtsextremist, Verschwörungstheoretiker und Schwurbler, Impfgegner, Klimaleugner oder überhaupt als „Nazi“ aus dem Diskurs ausgeschlossen zu werden und in irgendeiner Weise „Repressionen“ (auch ein kulturmarxistisches Wort!) ausgesetzt zu sein. Die Wahrheit zu sagen führt zu Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Entsprechend verfängt ein Wahrheitspathos, von dem auch unsere Parteinahme für den „Hochgesinnten“ und für den Solschenizynschen Dissidenten nicht ganz frei ist. Wie läßt sich, und davon sollen meine folgenden Ausführungen handeln, wahrer Freimut von wahrheitsbewegter Autosuggestion der „politischen Mündigkeit“ unterscheiden?
Ich habe die Gegenprobe gemacht. Auch unter Rechten kommt es nur selten gut an, freimütig zu bekennen, die christliche Religion (oder ganz unverblümt: die katholische) sei die einzig wahre, sich auf Christus zu berufen, der sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als durch mich.“ (Joh 14, 6). Hier hört die parrhesía auf, dem Bekenner wird sofort entgegengehalten: „Das ist doch intolerant! Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet! Das muß jeder für sich selbst entscheiden!“
„Inmitten der allgemeinen Auflösung der Ideen wird nur die wahre Aussage – die feste, wahrheitsgesättigte, unvermischte Aussage – akzeptiert werden. Die Gespräche werden immer unfruchtbarer, und jedes reißt ein Stück von der Wahrheit weg. (…) Zeigt Euch daher als das, was Ihr im Grunde seid: überzeugte Katholiken. Die Gesellschaft wird vielleicht manchmal Angst vor Euch haben, aber seid Euch dessen gewiß: sie wird zu Euch zurückkommen. Wenn Ihr ihr schmeichelt, indem Ihr ihre Sprache verwendet, belustigt ihr sie für einen Augenblick, dann wird sie Euch vergessen, weil Ihr auf sie keinen ernsthaften Eindruck gemacht habt. Sie wird sich in Euch zwar mehr oder weniger wiedererkennen, aber weil sie kein Vertrauen in sich selbst mehr hat, wird sie Euch auch keines im Voraus schenken. Es gibt eine besondere Gnade, die mit dem vollen und ganzen Bekenntnis verbunden ist: Dieses Bekenntnis, sagt uns der Apostel, ist das Heil derer, die es ablegen, und die Erfahrung zeigt, daß es auch das Heil derer ist, die es hören.“ (Dom Guéranger, Le sens chrétien de l’histoire, 1945, Übersetzung des Zitats CS)
Der Wahrheitsbegriff: systematisch und historisch
Hier ist sowohl eine begriffliche als auch eine historische Klarstellung erforderlich. 1. Was heißt hier „die Wahrheit“? 2. Was bedeutete „die Wahrheit zu sagen“ in der Antike, was bedeutet es heute?
- 1.) In der Wissenschaft gibt es wahre und falsche Theorien, in der Politik wahre und falsche Meinungen, auch psychologisch kann man ein „falsches Leben“ vom wahren Leben unterscheiden. Der Wahrheitsanspruch ist in allen drei Bereichen relativ: „wahr“ bezüglich bestimmter theoretischer Axiome, bezüglich bestimmter Interessen oder bezüglich einer bestimmten Sinngebung. Wahrheit im Glauben ist von anderer Art, sie ist zum einen objektiv: was „Gott“ genannt wird, besteht darin, jenseits aller menschlichen Relativierungen zu liegen, zum anderen ist sie persönlich: ich glaube, was ich von einem glaubwürdigen Zeugen höre. Wer nun annimmt, der Glaubensbekenner vertrete eine bestimmte Theorie, eine bestimmte Meinung oder einen bestimmten Lebensstil, und beharre darauf, daß diese wahr wären und alle möglichen Alternativen falsch, wirft ihm völlig zu Recht Intoleranz und Snobismus vor. Aber der parrhesiástes vertritt in Wirklichkeit nichts davon.
- 2.) Historisch verhält es sich mit der parrhesía anders, als man Foucault nachgebetet hat. Der Theologe Erik Peterson hat 1929, ein Jahr vor seiner Konversion zum Katholizismus, in seinem Essay Zur Bedeutungsgeschichte von Parrhesía in den griechischen Quellen Aufschlußreiches gefunden. Es war nicht das Recht eines jeden Menschen in der attischen Demokratie, die Wahrheit zu sagen, noch viel weniger war es das Menschenrecht der Unterdrückten. Peterson zitiert den griechischen Rhetor Isokrates, es sei falsch, „Zügellosigkeit für demokratía zu halten, Gesetzwidrigkeit für Freiheit, parrhesía für Rechtsgleichheit, und die Freiheit, alles nach Belieben zu tun, für Glückseligkeit.“ Damit ist gesagt, so Peterson, daß wie im Munde des Sklaven, so auch im Munde des von den Leidenschaften beherrschten Menschen, die parrhesía oft zur Unverschämtheit wurde. „Die eigentümliche Dialektik, die dem parrhesía-Begriff in der politischen Sphäre zu eigen war, geht ihm in der moralischen – und wie wir gleich sehen werden, auch in der religiösen – Welt nicht verloren. Wenn alle Menschen parrhesia haben, hebt sich der Begriff der parrhesia auf.“ Der Grund dafür ist, daß Freimut eine Tugend, eine Gnade und eine Frucht des Vertrauens ist und absolut nicht gleichbedeutend mit dem Recht auf Meinungsfreiheit. Das älteste Beispiel für diesen Zusammenhang sei, schreibt Erik Peterson, Isokrates’ Rede an Nikokles, wo die parrhesia definiert wird als das „Privileg für Freunde, die Fehler der anderen zu kritisieren, und für Feinde, diese zu attackieren“ Freunde sowohl als auch Feinde genießen dieses Privileg – wenngleich sie diametral entgegengesetzt reagieren, die Freunde tadeln (ἐπιπλῆξαι), die Feinde greifen die Verfehlungen an (ἐπιθέσθαι). Peterson interpretiert auch die Erwähnungen von parrhesía im Neuen Testament als Freundestugend, insofern die Apostel Gottesfreunde sind: „Die Stellen: 1 Joh 3,21 und 5,14, die in Verbindung mit der parrhesia davon sprechen, daß alles, was wir bitten, Erhörung erfährt, sind wohl von der philía-Idee aus zu deuten. Seinen Freunden, die das Recht auf freie Rede haben, schlägt Gott nichts ab.“ In der Apostelgeschichte wird die Freimütigkeit bei der Verkündigung des Evangeliums dann allerdings zum Mut gegenüber Feinden, den der Heilige Geist in Situationen der Verfolgung schenkt: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und verkündeten mit Freimut (meta parrhesiás) das Wort Gottes“ (Apg 4, 31). So wird die parrhesia in der Septuaginta die höchste apostolische Tugend genannt: ohne Bekenntnismut keine Lehre und Verbreitung des Glaubens.
Darf der Freimütige Anstoß geben?
Hier befinden wir uns mitten in einer Materie, die für Nichtchristen just die Art von Zumutung ist, die das freimütige Bekennen der Wahrheit zum „Anstoß und Ärgernis“ werden läßt. Hier gibt es einen äußerst wichtigen Unterschied zu beachten: nach innen darf kein Christ den Glaubensbrüdern Anstoß geben. Im Römerbrief mahnt der Apostel in diesem Sinne: „Laßt uns darum nicht mehr einander richten! Seid vielmehr darauf bedacht, keinem Bruder Anstoß oder Ärgernis zu geben.“ (Röm 14, 13).
Nach außen hingegen wird der Christ immer Anstoß erregen: „Für die Ungläubigen aber ist er der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Dieser ist zum Eckstein geworden, zum ‚Stein, an dem man sich stößt, zum Fels, an dem man zu Fall kommt‘ (Ps 118, 22). Weil sie dem Wort nicht gehorchen, stoßen sie sich an ihm.“ (1 Petr 2, 8) Die Tugend des Freimuts läuft deshalb Gefahr, das Gegenteil von dem zu bewirken, was der parrhesiástes beabsichtigt. Ich bekenne freimütig meinen Glauben an die eine, heilige, katholische Kirche. Mein Gegenüber erlebt dieses Bekenntnis womöglich als arrogant und besserwisserisch – er wird von Antipathie gegen mich ergriffen statt von Sympathie für Jesus Christus. Meines Erachtens hängt das heute immer stärker werdende Ärgernis, den der katholische parrhesiástes erregt, mit zwei Tendenzen zusammen, einer politisch-theologischen und einer psychologischen.
„Keine Toleranz der Intoleranz“?
Die erste Tendenz knüpft an die kulturmarxistische Parrhesía-Umdeutung an. Wenn darunter in aufklärerischer Weise „Meinungsfreiheit“ und „Redefreiheit“ verstanden wird, haben wir es exakt mit demselben Paradox zu tun, das uns im „Kampf gegen rechts“ begegnet: die „Meinungsfreiheit“ endet da, wo das linke Gegenüber argwöhnt, Rechte träten in Wirklichkeit für das Ende der „Meinungsfreiheit“ ein („Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit!“). Wenn nun, und das ist das Fatale an dieser politisch-theologischen Tendenz, Rechte dasselbe Verständnis von „Meinungsfreiheit“ haben, reagieren sie bezüglich des katholischen Wahrheitsanspruchs wie Linke.
„Daß rückschrittlichen Bewegungen die Toleranz entzogen wird, ehe sie aktiv werden können, daß Intoleranz auch gegenüber dem Denken, der Meinung und dem Wort geübt wird (Intoleranz vor allem gegenüber den Konservativen und der politischen Rechten) – diese antidemokratischen Vorstellungen entsprechen der tatsächlichen Entwicklung der demokratischen Gesellschaft, welche die Basis für allseitige Toleranz zerstört hat.“ (Herbert Marcuse, Repressive Toleranz, 1965)
Hülfe es, wenn wir als katholische Christen unseren Wahrheitsanspruch abschleifen würden, um für Atheisten, Protestanten und Modernisten ein weniger spitzer Stein des Anstoßes zu sein? Der in diesen Angelegenheiten so leidgeprüfte wie formulierungsstarke Erzbischof Marcel Lefebvre meinte entschieden: Nein.
„‘Schon‘, wird man sagen, ‚aber Sie verstehen doch, es galt, sich absolut diesem Milieu (den Liberalen, CS) anzugleichen, es nicht vor den Kopf zu stoßen, ihm nicht den Eindruck zu erwecken, daß man es evangelisieren wolle, ihm eine Wahrheit aufzwingen wolle!‘ – Welch ein Irrtum! Die Leute, die nicht mehr glauben, haben Durst nach der Wahrheit, sie haben Hunger nach dem Brot der Wahrheit, das diese verirrten Priester ihnen nicht mehr brechen wollen!“ (Sie haben Ihn entthront, 1988)
Es ist selbstverständlich, daß die katholische Kirche auf das Bekenntnis zur Wahrheit nicht verzichten kann ohne selbst zu verschwinden, denn in dogmatischer Hinsicht gibt es keine Toleranz. Wer hier den Slogan „Keine Toleranz der Intoleranz!“ anlegt, verwechselt Glaubenslehre (= Dogmatik) mit Nächstenliebe. Ein Christ muß den Inhalt seines Glaubens für wahr halten, andernfalls glaubte er nicht, was er glaubt. Das heißt aber nicht, daß er den Nicht- und Andersgläubigen intolerant (= unduldsam) behandeln soll.
Voll Vertrauen die Wahrheit sagen
Psychologisch betrachtet, entsteht das Ärgernis dann, wenn Bekenner im zwischenmenschlichen Umgang unsensibel sind, wenn sie nicht spüren, ob überhaupt eine Vertrauensbeziehung besteht oder entstehen kann. Erik Peterson hat die elementare Grundlage der parrhesía in der philía gefunden: Sie ist das „Privileg für Freunde, die Fehler der anderen zu kritisieren, und für Feinde, diese zu attackieren“. Ich habe nur dann das Privileg der „brüderlichen Zurechtweisung“, die Paulus erwähnt, wenn ich ein brüderliches Verhältnis zu demjenigen habe, den ich zurechtweisen will. Freimut nach innen ist nur dann möglich, wenn Vertrauen herrscht: der Sprecher spricht dann sicher, der Hörer hört überhaupt erst zu.
Anders als wissenschaftliche und politische Wahrheiten ist der Glaube dem Gläubigen ein Herzensanliegen, dessen Kundgabe auch eine Selbstentblößung vor all denen bedeutet, die nicht schon „Brüder“ sind. Wenn ich Peterson oben mit dem Satz zitiert habe, seinen Freunden, die das Recht auf freie Rede haben, schlage Gott nichts ab, dann impliziert diese Gottesfreundschaft, daß er in peinlichen Verhören oder öffentlicher Glaubensprüfung seinen Freunden zur Hilfe kommt: „Da tritt der Geist mit seufzendem Flehen für uns ein, das sich nicht in Worte fassen läßt.“ (Röm 8, 26) Nur dadurch – das ist der Angelpunkt, an dem der Freimut unter Freunden und der Freimut gegenüber Feinden oben zusammenhängen – wird überhaupt die gefährliche Rede vor denen möglich, deren Unglaube sie dazu zwingt, Anstoß zu nehmen.
Wer freundschaftlich die Wahrheit vermittelt, schafft es, zwei Spuren parallel entlangzugehen. Es gibt meine Spur (meinen Wissenshorizont, meine Lebenserfahrung, meine Sprechgewohnheiten usw.) und die Spur des Gegenübers. Neige ich mich zu ihm zu weit hinüber, verliere ich das Gleichgewicht und verleugne im Extremfall die Wahrheit um der Schonung des anderen willen. Bleibe ich rigoros in meiner Spur, verliere ich den anderen um der reinen Wahrheit willen – in beiden Fällen verliere ich die Wahrheit. Denn es handelt sich beim Glaubensbekenntnis nicht um irgendeine Wahrheit, sondern um diejenige, die in der Liebe zum anderen besteht. „Wenn ich allen Glauben hätte, sodaß ich Berge versetzte, hätte aber die Liebe nicht, so wär‘ ich nichts.“ (1 Kor 13, 2)
Dr. Caroline Sommerfeld (Wien)