Der US-amerikanische Vizepräsident J.D. Vance hielt eine epochale Rede, in der er das kulturelle Klima Europas ansprach, das geprägt ist von verschiedenen Formen der Intoleranz, die sich in einer Praxis der Ausgrenzung von nicht konformen Vorstellungen gegen jedwedes Dissidententum richtet. Solche Art der Aufdeckung von abweichlerischen Ideen, Ansichten und Meinungen wird unter anderem auch sekundiert durch die Destruktion von literarischen Werken, vandalistischen Akten gegen künstlerische historische Monumente und ganz allgemein durch den Boykott von öffentlichen Persönlichkeiten, deren Auftreten als beleidigend für jene erachtet wird, die ihnen das Recht auf Öffentlichkeit entziehen.1
Dabei zeitigt die „Annulierung“ zeitgenössischer Persönlichkeiten, die den neuen moralischen Imperativen: Kampf gegen Sexismus, Rassismus und Einstehen für „soziale Gerechtigkeit“ ungenügend angepasst sind, dass ihnen die Legitimität einer öffentlichen Bekundung ihres Denkens verweigert wird. In dieser „Kultur des Boykotts“ sind vor allem zwei Momente hervorzuheben: eine konsistente Durchführung der öffentlichen Denunziation, die hauptsächlich von den Massenmedien getragen wird; und eine Werteordnung, die zuerst und vor allem auf den sozialen Kampf für die „Gerechtigkeit“ und gegen jede Art von Diskriminierung und Ungerechtigkeit abhebt.
Dass diese „Kultur der Denunziation“, deren Entstehen mit Konflikten in der Vergangenheit zu tun hat, ihre Wiederkehr erlebt, hängt zusammen mit dem Aufkommen der Metoo-Bewegung, während das, was man „Kultur der Zensur“ nennen könnte – schon vor der Installation der „Faeser-Kanone“ virulent ‒, Wurzeln hat, die 400 Jahre zurückreichen und die in den Vereinigten Staaten zu verorten sind, wo man schon früh damit begonnen hatte, Irregularitäten gegen die moralische Ordnung zur Anzeige zu bringen.2
Die Suche nach den Ursprüngen der Cancel Culture
Unter den Historikern ist es eine offene Frage, ob der Ursprung der cancel culture mehr in einem facettenreichen kulturellen und religiösen Erbe liegt, das von einem spezifisch protestantischen Milieu in Nordamerika herkommt und in dem man immer schon eine ideologisch-politische „Heterodoxie“ zu denunzieren wusste, oder ganz allgemein in der puritanischen Bewegung des 17. Jahrhunderts zu verorten ist. Auch wenn der Konsens in dieser Frage fehlt, so steht doch fest, dass die Idee der Säuberung des Zusammenlebens und der öffentlichen Befindlichkeit calvinistischer Provenienz ist: Einige gehen davon aus, dass man diese inquisitorische Umtriebigkeit noch immer antreffen kann, weil sich dort eine denunziatorische Kultur behauptet hat, die auf eine religiöse Tugend der „Wiedergutmachung“, der Reparations-Leistung für begangenes Unrecht und eine abgründige manichäische Weltanschauung zurückgeht.3 Als Ausdruck eines intellektuellen Erbes und einer protestantischen Ethik müssen die Werte des Puritanismus natürlich nicht grundsätzlich unter Verdacht gestellt werden, auch wenn manche Autoren auf die Verbindung der Woke-Bewegung und der cancel-culture mit dem (Neo-)Protestantismus hingewiesen haben.4
Sicher ist allerdings, dass sich zunächst in akademischen Kreisten der Vereinigten Staaten und Kanadas, insbesondere in deren Studentenbewegung, Formen der intellektuellen Intoleranz entwickelt haben, die sich in einem ideologischen Radikalismus verfestigten. Ihren Ausdruck findet sie in der politischen Korrektion (political correctness) und in einer auferlegten kulturellen und moralischen Ordnung, charakteristisch für die nordamerikanische Gesellschaft, die dann eben Formen der Zensur von Gedanken heraufbeförderte, um jedweden Grund für einen Dissens mit der öffentlichen (oder veröffentlichten) Meinung auszulöschen.
In Westeuropa haben sich linke Kräfte des polit-medialen Komplexes diesen Ansatz einer cancel culture zu eigen gemacht und in eine entsprechende Agenda der Verfolgung abweichlerischer politischer Ansichten umgesetzt. Gerade die stets pathologischer werdende Angst deutscher Politiker vor der eigenen Infragestellung, dem Machtverlust oder gar vor dem Volk überhaupt, hat als Katalysator solcher Bestrebungen gedient, was sich in einem übergriffigen, für eine Post-Demokratie typischen Gebaren äußert.
Michael Stickelbroeck (NRW/Niederösterreich)
- Vgl. M. Bettini: Chi ha paura die Greci e dei Romani? Dialogon e cancel culture, Turin 2023, 55‒65. ↩︎
- Vgl. E. Bertolini: Annullamento e boicottagio nello spazio publico e immateriale, in: Nomos (2021) 1-52. ↩︎
- Vgl. dazu J.-F. Braunstein: La religion woke, Paris 2022, 70‒78. ↩︎
- Vgl. J. Bottum: An Anxious Age: The Post-Protestant Ethic and the Spirit of America, New York 2014. ↩︎