EÆ-Neuveröffentlichung: Christian Machek zum Mythos bei Platon

Die Auffassung, dass die Religion eine wichtige Rolle bei der Schaffung und Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung innehat, steht konträr zum säkularen beziehungsweise laizistischen Selbstverständnis, das der Religion eine ebensolche Rolle aberkennt. Beide Positionen wurden in der Geschichte von mehreren Denkern theoretisch fundiert – deren Früchte jeder für sich erkennen möge (vgl. Matthäus 7,13). Wirkmächtig plädierte etwa der englische Philosoph und liberale Gründungsphilosoph der Vereinigten Staaten von Amerika John Locke (1632–1704) für eine Trennung von Religion und Staat, allerdings noch zum Schutze der Religion vor der Bevormundung durch den Staat. Die Revolutionäre Frankreichs trachteten in ihrer Religionsfeindlichkeit, jeden Einfluß von Religion und Kirche zu verbannen – Écrasez l’infâme lautet der Schlachtruf Voltaires (1694–1778). Im Unterschied hierzu war es das Christentum, das zwar eine Unterscheidung beider Sphären, jedoch keine Trennung lehrte. Überdies war es insbesondere der griechische Philosoph Platon (428/7–348 v. Chr.), der einen inneren Zusammenhang zwischen dem Metaphysischen und dem Politischen sah.

Platon und der Wahrheitsgehalt des Mythos

Für Platon gab es am Wahrheitsgehalt des Mythos keinen Zweifel. Die Aufgabe des Mythos besteht insbesondere darin, die menschliche Seele und ihre Lebenskraft zu nähren, in dem diese mit dem Heiligen in Verbindung gebracht werden sollte. Und dies hat eine politische Dimension. Es war insbesondere Carl Schmitt (1888–1095), der in Anlehnung an Georges Sorel (1847–1922) von der politischen Kraft des Mythos sprach, in dem Kraft zum Handeln und zu einem großen Heroismus liegt:

„In der Kraft zum Mythos liegt das Kriterium dafür, ob ein Volk oder eine andere soziale Gruppe eine historische Mission hat und sein historisches Moment gekommen ist. Aus der Tiefe echter Lebensinstinkte, nicht aus einem Ressentiment oder einer Zweckmäßigkeitserwägung, entspringt der große Enthusiasmus, die große moralische Dezision und der große Mythos.“

Rein rationalistische Argumente reichen nicht aus, die Seele eines einzelnen Menschen oder eines Volkes zu nähren; die eigentliche Vernunft des Menschen speist sich vielmehr aus der „Übervernunft“ der Mythen, die metaphysisch eine tiefere geistige Wirklichkeit und somit auch Vernunft erkennen läßt. Platon verwendet in erzieherischer Absicht Mythen, die „heil machen, gesund machen, am Leben erhalten, bewahren, retten, glücklich ans Ziel bringen“ (Josef Pieper). Mythen sind, wie dies auch Josef Pieper sah, eine dem Glauben zugängliche Wahrheit. Seine „heilende Kraft“ wirkt jedoch nur für die Gläubigen, die sich „überzeugen lassen, bewegen lassen, bestimmen lassen, gehorchen, folgen, vertrauen, glauben“. Wie sollte der Mensch ohne mythische Erzählungen überhaupt Antworten auf die existentiellen Fragen seines Daseins finden? Wie will er in Erfahrung bringen, was er wesensmäßig ist und wie er seiner wahren menschlichen Natur entsprechend leben sollte?

Durch Mythen vermag der Mensch seine Abhängigkeit von den Urbildern, den (platonischen) „evokativen Ideen“ des Kosmos und der Gemeinschaft, zu der er gehört, zu erahnen. Dadurch wird dem Menschen geholfen, insbesondere seine eigene Begrenztheit und Abhängigkeit von einem größeren Ganzen zu sehen. Dies macht ihn erst fähig, seinen Platz als Teil des Ganzen im Kosmos zu finden und sich auf dessen Ordnung „einzustimmen“. Platon verfolgt eben die Absicht, den Einzelnen und die Menschen allgemein in einen kosmologischen Kontext zu integrieren, wofür mythische Erzählungen als Ursprungsgeschichten dienen, Gemeinschaften und Völker zu einer Einheit „zusammenzuweben“. Dies bewirkt, daß der Mensch jede Art von Maßlosigkeit vermeidet, um letztendlich seine Begierden und Lüste im Zaum zu halten und somit seine Egozentrik sowie seinen Narzissmus zu überwinden. Dazu wird der Mensch bei Platon in seiner Freiheit und Verantwortungsfähigkeit eingeladen: „Der Gott ist unschuldig“ (Platon).

Integration in den göttlichen Kosmos

Indem eine Integration in den Kosmos geschieht, wird der Mensch Gott wohlgefällig und ihm ähnlich. Durch Verbundenheit mit dem Göttlichen wird wiederum das unsterbliche Element in der Seele des Menschen erweckt, und er wird dadurch befähigt, sich selbst einem angemessenen Maß zu unterwerfen. Diese Teilhabe am Göttlichen führt zu Gerechtigkeit und Harmonie in der Seele des Einzelnen sowie im Gemeinwesen – nicht so sehr aus Angst vor Strafe, sondern vielmehr aus Ehrfurcht (aiδώς) vor dem Gott, der das Universum und alles darin regiert. Überhaupt erhalten menschliche Güter, wie das Leben, das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die Achtung der Ehre, in besonderer Weise ihren Wert durch die Beziehung zum göttlichen Gut – und das höchste menschliche Gut ist für Platon die Glückseligkeit, die wiederum durch ein tugendhaftes Leben realisiert werden kann. Den Menschen eben zur Tugend zu erziehen – wobei die Gerechtigkeit für ihn die zentrale Tugend bildet – sollte nach Platon das erste Ziel einer Polis, der Staatsgemeinschaft, sein. Die Frucht der Gerechtigkeit ist nach dem Propheten Jesaja der Friede, der nach dem hl. Augustinus die Ruhe in der Ordnung ist.

Unsere sogenannten „modernen“ Gesellschaften haben den Sinn für das Mythologische und auch die Ehrfurcht vor etwas Größerem als das eigene Selbst und auch überhaupt die Frage nach dem guten Leben weitestgehend verloren. Durch den Verlust für den Sinn für Mythen, der Religion sowie auch des Mystischen neigt der Mensch in der heutigen Gesellschaft mehr denn je zur Hybris und zum Irrglauben, er sei das Maß aller Dinge. Hat dies nicht eine Erblindung und Verblendung vor einer tieferen und metaphysischen Wirklichkeit zur Folge aus der eine erschreckende „Selbstkontrahierung“ (Voegelin) bzw. Selbstbeschränkung des Menschen mit allen Verfehlungen im moralischen Bereich zur Folge?

Es sei nochmals gefragt: Sind diese unsere Gesellschaften im „Westen“ frei von Mythen, wie der moderne Mensch zu glauben vermeint? Jede Gemeinschaft hat unausweichlich ihre Mythen und Ersatzreligionen, die mitunter auch destruktiv sein können, so etwa ein utopischer Universalismus samt (szientistischer) Fortschrittsgläubigkeit, apokalyptische Klimarettungsvorstellungen oder der (u.a. vom Kommunisten Josef Stalin, 1878–1953) verordnete „Antifaschismus“, der zur Vernichtung all dessen aufruft, was nicht links ist.

„Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus als die einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine ‚Diktatur des Relativismus‘, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt.“ (Papst Benedikt XVI.)

Insbesondere herrschen heute falsche Erzählungen vor, die den Menschen suggerieren und einreden, er selbst sei der Erschaffer und Macher seiner eigenen Moral, Identität und seines Glücks. Unsere Gesellschaften brauchen daher mindestens so sehr wie zu Zeiten Platons neue (alte) und würdige Mythenerzählungen, „heilige Geschichten“ (Eliade), die den Menschen verzaubern und helfen, sich selbst und sein Leben als Teil einer größeren Vernunft (λόγος), dem ein Sinn innewohnt, zu sehen. Sie erzählten, was wichtig ist, weil sie von Göttern gemacht sind und damit helfen einen Realitätsverlust sowie auch eine gnostisch-dualistische Entfremdung mit und in der Welt zu überwinden ohne in dieser aufzugehen. Dies würde ermöglichen, sich selbst als Teil einer größeren Mission wie einer gelebten Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe oder einer Friedensstiftung zu sehen. Dadurch kann es möglich werden Existenzängste, einen Nihilismus und eine Selbstvernichtung zu überwinden, denn Mythen helfen den Menschen, ein weises und menschliches Leben zu führen.

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