Warum das Denken der Moderne an seinem Bruch mit Platon scheitert:
Arbogast Schmitts Buch „Die Moderne und Platon“ ist mehr als eine historische Untersuchung philosophischer Ideen – es ist eine tiefgehende Analyse der geistigen Selbsttäuschung der Moderne. Die zentrale These lautet: Die moderne Philosophie hat sich durch die Abkehr von Platon in eine Sackgasse manövriert, in der Begriffe, Erkenntnis und Wahrheit zunehmend fragmentiert oder relativiert werden. Doch anstatt die Abkehr vom platonischen Denken als Fortschritt zu betrachten, argumentiert Schmitt, dass diese Entwicklung einen Verlust an begrifflicher Klarheit und an metaphysischer Tiefe bedeutet (S. 15–17). Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert:
Die Antike und ihr Realismus: Hier zeichnet Schmitt die Grundlagen des antiken Denkens nach, insbesondere bei Platon und Aristoteles. Er zeigt, wie Platon eine Theorie der Ideen entwickelte, die Erkenntnis nicht als bloße Wahrnehmung, sondern als Zugang zur objektiven Wirklichkeit verstand (S. 32–35). Für Platon ist das Denken nicht auf subjektive Konstruktionen oder pragmatische Nutzenoptimierung reduziert, sondern zielt auf das Erkennen von stabilen, universellen Wahrheiten (S. 41–45). Aristoteles baut darauf auf, indem er eine Metaphysik entwickelt, die das Wirkliche nach seinen Ursachen und Prinzipien befragt (S. 50–53).
Die Neuzeit und ihre Selbstüberschätzung: Im zweiten Teil wendet sich Schmitt der Neuzeit zu und analysiert, wie der Bruch mit der antiken Tradition zustande kam. Beginnend mit dem Nominalismus des Mittelalters bis hin zu Descartes und Kant, zeigt er, dass die moderne Philosophie zunehmend das Subjekt als Ausgangspunkt aller Erkenntnis nahm (S. 78–82). Der Glaube an eine objektive, von menschlicher Wahrnehmung unabhängige Wirklichkeit wich der Auffassung, dass die Welt nur als konstruktive Leistung des Geistes existiere (S. 90–95). Diese Wende hatte weitreichende Folgen: An die Stelle der Frage nach dem Wesen der Dinge trat die Frage nach den Bedingungen der Erkenntnis selbst.
Die moderne Philosophie in der Krise: Im dritten und letzten Teil geht Schmitt auf die Konsequenzen dieser Entwicklung ein. Er argumentiert, dass das 20. Jahrhundert, insbesondere mit Strömungen wie dem Positivismus und dem Konstruktivismus, die finalen Konsequenzen der modernen Wende gezogen hat: Wahrheit wurde durch Perspektivität ersetzt, Erkenntnis wurde als kulturell oder sprachlich bedingt betrachtet, und die Philosophie verlor ihre Fähigkeit zur universellen Begriffsbildung (S. 120–125). Die Postmoderne hat diesen Prozess nochmals verschärft, indem sie sich vollständig von der Idee der Objektivität verabschiedete und nur noch Machtstrukturen oder Diskurse als erkenntnisleitend ansieht (S. 138–145).
Antike Tradition versus Moderne
Ein zentrales Argument Schmitts ist, dass der moderne Bruch mit der antiken Denkweise die Philosophie in eine fundamentale Krise geführt hat. Während Platon Erkenntnis als die Suche nach einer objektiven, überzeitlichen Wahrheit verstand, wurde in der Moderne zunehmend die Vorstellung akzeptiert, dass alle Erkenntnis bloß relativ oder kulturell bedingt sei (S. 156–162).
Schmitt zeigt, dass dieser Wandel nicht nur akademische Konsequenzen hatte, sondern tief in das kulturelle Selbstverständnis der westlichen Gesellschaft eingedrungen ist. Das Misstrauen gegenüber Wahrheit und objektiver Erkenntnis hat eine Skepsis gegenüber allen großen Erzählungen hervorgebracht – sei es in der Ethik, der Politik oder der Wissenschaft (S. 172–177). Das Ergebnis ist eine intellektuelle Fragmentierung, in der sich jede Diskussion in endlosen Relativierungen auflöst. Diese Entwicklung kritisiert Schmitt besonders scharf, weil sie die Philosophie ihrer ursprünglichen Aufgabe beraubt: der Suche nach wahrer Erkenntnis (S. 190–195).
So überzeugend Schmitts Fundamentalkritik auch ist, bleibt ein Problem bestehen: Seine Gegenüberstellung von „antiker Rationalität“ und „moderner Verirrung“ gerät mitunter zu schematisch. Die Moderne wird fast ausschließlich als Abkehr von Platon dargestellt, ohne dass ihre positiven Errungenschaften – wie die Weiterentwicklung der Wissenschaften, die differenzierte Subjektphilosophie oder die ethischen Debatten des 20. Jahrhunderts – ausreichend gewürdigt werden (S. 210–215). Zudem bleibt unklar, inwieweit eine „Rückkehr“ zu Platon heute praktisch möglich oder wünschenswert wäre. Während Schmitt überzeugend zeigt, dass die Moderne viele philosophische Errungenschaften der Antike unterschätzt oder missverstanden hat, bleibt die Frage offen, wie genau sich diese Erkenntnis in eine aktuelle intellektuelle Erneuerung umsetzen ließe (S. 225–230).
Ein wichtiger Debattenbeitrag
Trotz dieser Einschränkungen bleibt Die Moderne und Platon ein hochrelevantes Werk für die heutige Debatte um Wahrheit, Rationalität und Erkenntnis. Schmitt zeigt, dass die westliche Philosophie nicht auf einer linearen Fortschrittskurve verläuft, sondern dass ihre moderne Form durch problematische Grundannahmen geprägt ist. Seine Analyse ist besonders wertvoll im Kontext einer allgemeinen Orientierungslosigkeit in philosophischen und gesellschaftlichen Debatten, die zunehmend von Relativismus und Skeptizismus geprägt sind (S. 240–245).
Das Buch ist somit nicht nur eine historische Rekonstruktion, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit dem intellektuellen Fundament der Gegenwart. Es stellt eine Herausforderung für all jene dar, die die moderne Philosophie für unantastbar halten, und bietet einen wertvollen Beitrag zur Diskussion darüber, welche Rolle die klassischen Denker – und insbesondere Platon – für unser Verständnis von Wahrheit und Erkenntnis heute spielen sollten (S. 255–260).
Ein Werk, das aufrüttelt, zum Nachdenken anregt und eine wichtige Brücke zwischen klassischem Denken und heutiger Philosophie schlägt. Wer sich mit den geistigen Grundlagen der westlichen Welt beschäftigen will, kommt an Schmitts Buch nicht vorbei.
Jan C. Bentz (Oxford)