Mattias Desmet: Die Psychologie des Totalitarismus

Forschungsprojekt: Der flämische Psychologe Mattias Desmet analysierte das Phänomen des Totalitarismus während der „Corona-Pandemie“ und stellt sich die Frage, wie sich dieses Phänomen auf die Seele des Menschen auswirkt. Woher kommen Phänomene wie verengte Meinungskorridore, Medienkampagnen, Denkverbote oder die Ausgrenzung Andersdenkender? Desmet betreibt Ursachenforschung und wird fündig: Der Totalitarismus entsteht nicht aus einem Vakuum, sondern hat seinen Nährboden insbesondere im Phänomen einer Atomisierung, die zu einer „Massenbildung“ und einer Art kollektiver Psychose führt. Ein weiterer Aspekt ist die Angst, die nach Kontrolle ruft.

Totalitarismus ist ein Phänomen der „Moderne“, das sich in der Regel auf einen totalitären Staat bezieht, der allerdings von einer Diktatur zu unterscheiden ist. Im Totalitarismus wirkt eine absolut gesetzte Ideologie mit ihren Narrativen wie eine Hypnose und formiert eine intolerante Masse, die nicht mehr reflektiert. Schon früh breitete sich in den Industriestaaten der Nährboden des Totalitarismus aus: eine Entfremdung, Entwurzelung und Vereinsamung sowie Sinnlosigkeit, Angst, Depression und Aggression. Desmet erkennt Hannah Arendts „atomisierte Subjekte“, die empfänglich für Propaganda und Mitläufertum werden – heute wie auch einstmals wieder.

Die wissenschaftliche Illusion von Objektivität

Es war die sogenannte Aufklärung, die nach und nach die Religion durch die mechanistisch-materialistische Naturwissenschaft ersetzte und maßgeblich das Denken der meisten Menschen bestimmte. Dieses anfänglich durchaus aufrichtige Bemühen der Forscher, die Welt vollständig zu vermessen und materialistisch zu erklären, entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Ideologie, nämlich zum „Credo des mechanistischen Materialismus“. Der Totalitarismus ist „die logische Verlängerung der allgemeinen Wissenschaftsbesessenheit, des Glaubens an ein künstlich geschaffenes Paradies“ (Hannah Arendt).

Desmet weist mit Werner Heisenberg und Max Planck darauf hin, dass das szientistische Weltbild wissenschaftlich überholt ist. Heisenberg zufolge war es nicht erst die Quantenphysik, die das scheinbar so überzeugende Weltbild erschütterte. Die erste Irritation trat sogar noch im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der Elektrizitätslehre auf, weil hier „nicht die Materie, sondern das Kraftfeld als das eigentlich Wirkende gelten musste“. Der Rationalismus der Naturwissenschaften führte zu einem entbundenen und „extremen“ Individualismus und einer „hyperkontrollierten Gesellschaft“, der – wie Platon schon meisterhaft analysierte – in eine Tyrannei umschlägt.

Die Corona-Zeit führte eine Tyrannei vor Augen. „Der Massenmensch“, so Desmet, „weiß in gewissem Sinne nicht, was er tut, doch das heißt nicht, dass man es ihm einfach so vergeben darf“. Es wurden Gehorsam und die Disziplinierung eingefordert. Dissidenten wurden als „Leugner“ und „Verharmloser“ schnell als „asozial und unsolidarisch“ bezeichnet und verunglimpft. Grausamkeiten würden typischerweise verübt, „als wären sie eine ethische, heilige Pflicht“ (Hannah Arendt) – denn mit diesen Grausamkeiten verteidigt die Masse die von ihr als erlösend erlebte Geschichte vom „solidarischen Kampf“ gegen eine gemeinsame Bedrohung.

In der Corona-Zeit wurde auch deutlich, wie mit scheinbar objektiven Zahlen und Statistiken eine „unwiderstehliche Illusion von Objektivität“ erzeugt wurde. Doch lebt der Mensch nicht von „Zahlen und Figuren“ (Novalis), sondern von einem „poetischen oder mystischen Diskurs“ sowie Sinngehalten, die nie rationalistisch erfasst werden können. Der Mangel an Sinngebung durch Wegfall von Familie, Brauchtum, Heimat, Tradition und Religion, die insbesondere durch den Sozialismus verursacht wurde, isoliert und „entkernt“ den Einzelnen. In weiterer Folge kann der Mensch mit einer neuen Ideologie und ihrer Propaganda indoktriniert werden, der ein erheblicher Teil der Bevölkerung Folge leistet.

Mögliche Antidota zum Totalitarismus

Die Vereinigung atomisierter Subjekte zu einem gemeinsamen Kampf gegen ein Virus war nur scheinbar antitotalitär. Als echtes Heilmittel gegen einen Totalitarismus bedarf es vielmehr einer „metaphysischen Revolution“, d.h. einer neuen Wertschätzung für Aufrichtigkeit und das Aussprechen von Wahrheit gegen jede Propaganda. Desmet hält ein Plädoyer für Vernunft (Ratio), die ganzheitlich Wirklichkeit vernimmt, sich durch sokratische Bescheidenheit auszeichnet sowie eines neuen wertschätzenden und liebevollen Umgang miteinander – ohne Feindbilder und Sündenböcke. Es bedarf einer grundsätzlichen Offenheit des Geistes und für fast alles, was den Menschen zum Menschen macht.

„Wahrheit ist ein unzeitgemäßes Konzept geworden; es klingt altmodisch. In ‚Der Mut zur Wahrheit‘ macht der französische Philosoph Michel Foucault eine interessante Unterscheidung zwischen Rhetorik und Wahrheit. Jemand, der sich der Rhetorik bedient, versucht, im Anderen Vorstellungen und Überzeugungen zu erwecken, die er selbst nicht teilt. Für jemanden, der wahr spricht, gilt das Gegenteil. Er versucht aufrichtig eine Erfahrung oder eine Idee, die er in sich selbst lebt, durch sein Sprechen auf den anderen zu übertragen. (…) Die wirkliche Wende und Revolution, die sich in der Gesellschaft vollziehen muss, ist die Wende von der Rhetorik zur Wahrheit als Leitprinzip. (…) Die neue Wertschätzung des Phänomen des Wahrsprechens wird der Gradmesser dafür sein, in welchem Ausmaß sich die Revolution vollzieht, die notwendig ist, um die Tendenz der Aufklärungstradition zum Totalitarismus innewohnt, zu überwinden. (…) Die Rationalität und der Humanismus der Aufklärung sind in vielerlei Hinsicht Masken und Feigenblätter. Nimm dem Menschen diese Masken ab und du blickt in die Augen der Irrationalität. Schau hinter das Feigenblatt der Ratio und du findest die uralten menschlichen Laster. (…) Ein Mensch dagegen, dem die Grenzen seines Verstandes bewusst sind, wird gewöhnlich weniger hochmütiger und somit menschlicher sein.“ (Mattias Desmet)

Das Buch ist auch als Hörbuch auf Deutsch zu hören.

Literaturempfehlungen:

  • Mattias Desmet: Die Psychologie des Totalitarismus
  • Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft
  • John Verwake: Awakening From the Meaning Crisis: Part One: Origins