Ein christliches Naturverständnis bildet sich in der Überwindung des mythischen. Das Naturverständnis des Mythos ist voller Schwermut und Ambivalenz: Als Große Mutter ist die Natur zugleich bergend und verschlingend. Schrecken und Faszination, anziehende und abstoßende Wirkungen der Natur sind im Mythos untrennbar ineinander verwoben. Zunächst sind es nur einige wenige außergewöhnliche Menschen, Heroen wie Achilles und Odysseus, die sich aus dieser verschlingenden Identität alles Seienden im Mutterschoß gewaltsam befreien, sich der Großen Mutter entgegenstellen und fähig werden, im emphatischen Sinne „Ich“ zu sagen; so der Held der „Odyssee“ im neunten Gesang dieses Epos, sich hochgemut den Phäaken vorstellend: „Ich bin Odysseus, Laertes’ Sohn, der viele Leiden erduldete.“ Kulturhistoriker wie Johann Jakob Bachofen und Jean Gebser haben auch den Muttermord des Orestes als Befreiungstat gegen die alles bergende und alles verschlingende Macht der Großen Mutter gedeutet – eine Tat, die im Rahmen des Mythos nicht ohne Verhängnis, Schuld und Sühne erfolgen kann.
Weil im Mythos nur einzelne heroische Menschen zu Individuen werden und aus dem Naturzusammenhang ausbrechen können, bleibt die Masse der Menschen in den archaischen Zivilisationen eingebunden in den ewigen Kreislauf einer Wiederkehr des Gleichen. Der Mensch muss sich der Natur unterwerfen. Freiheit, Individualität und Personalität sind, sofern sie überhaupt existieren, bestenfalls den Heroen eigen.
Die Rationalisierung des Numinosen
Mit der „Achsenzeit“ (Karl Jaspers) begann die schrittweise Rationalisierung der numinosen Großen Mutter, und zwar auf unterschiedliche Weise sowohl in der griechischen Philosophie als auch in der jüdischen Religion. Erst durch jene Rationalisierung wurde der Mensch langsam fähig, sich der Natur gegenüberzustellen.
Bei den Griechen erfolgte die Rationalisierung der Natur aufgrund der Überzeugung, dass der allumfassenden Natur (phýsis) durch die Vernunft (nous) Ordnung und Gestalt verliehen werde. Aristoteles sagte, mit dem Begriff nous sei Anaxagoras unter die Philosophen getreten wie ein Nüchterner unter die Trunkenen. Solche philosophische Nüchternheit ist dem Rausch derjenigen entgegengesetzt, die sich in der Großen Mutter verlieren, wie beispielsweise die feiernden Mysten im orgiastischen Kult der Kybele.
Die jüdische Religion entwickelte den Gedanken des einen, über allen Naturmächten thronenden jenseitigen Gottes, der die Natur geschaffen hat und erhält:
„Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt; du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern; der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden, dass es nicht wankt immer und ewiglich.“ (Psalm 104,2–5)
Der Theologe Rudolf Otto spricht in seinem Buch „Das Heilige“ von einem „Vorgang der Versittlichung und allgemeinen Rationalisierung des Numinosen“, der im Judentum seinen Anfang nehme. Griechentum und Judentum konvergieren also in der Rationalisierung des Numinosen. Sie unterscheiden sich aber in der Frage der Ansprechbarkeit des Prinzips der Natur, des Absoluten. Das Judentum ist durchdrungen von der Überzeugung, dass das Absolute sich dem jüdischen Volk offenbart hat und unter dem Namen JHWH ansprechbar wurde. Der Gott der Philosophen hingegen ist ein „unbewegter Beweger“, dem zwar alles entgegen strebt, der selbst aber durch nichts bewegt wird.
Das Mysterium der Inkarnation
Das Christentum übernimmt vom Judentum den Gedanken, dass das Absolute für den Menschen ansprechbar und offenbar geworden ist. Die frühen Christen waren zudem der Überzeugung, dass das Absolute der griechischen Philosophie eben jener Gott ist, der sich den Juden offenbart hat. Der Gedanke, durch den der christliche Glaube aber nun sowohl Judentum als auch griechische Philosophie überbietet und vollendet, ist der Gedanke der Inkarnation: Das Prinzip der Natur, der lógos der Griechen (identisch mit JHWH), ist in Jesus Christus Mensch geworden. Welche Folgen haben diese Grundentscheidungen für das christliche Naturverständnis?
Christliches Naturverständnis
Zunächst ist klar, dass auch das Christentum die griechische und jüdische Tendenz zur Rationalisierung oder „Entzauberung“ der Natur fortsetzt. Da Gott der Schöpfer der Natur ist, ist diese vernünftig: „Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ (Weisheit 11,21) Die Natur ist für den Christen frei von numinosen Mächten. Grundsätzlich darf der Mensch über sie verfügen, sie in gewissen Grenzen nach seinen Bedürfnissen umgestalten. Durch die Entzauberung der Großen Mutter und ihre Umdeutung zur Schöpfung des Vatergottes wird der Mensch aus der Übermacht der Natur befreit. Jeder Mensch, und nicht nur der Heros, ist nun freie Person, Sohn oder Tochter Gottes.
Anders als häufig suggeriert wird, bedeutet diese Erhöhung des Menschen und diese Rationalisierung der Natur aber keine Lizenz zu ihrer Ausbeutung oder Zerstörung. Aus der Gottebenbildlichkeit und Gotteskindschaft des Menschen folgt zwar seine Sonderstellung in der Natur, aber auch seine besondere Verantwortung. Mit dem Auftrag aus Genesis 1,28 ist untrennbar die Weltverantwortung des Menschen verbunden. Hierzu formuliert der Theologe Leo Scheffczyk in seiner „Einführung in die Schöpfungslehre“:
„In der mit dem Moment des Herrscherlichen ausgestatteten Gottebenbildlichkeit ist selbstverständlich auch die ethische Verantwortung für die rechte Ausübung der Macht eingeschlossen, die als solche nicht illegitim ist, die aber doch nach dem Plan und der Zielbestimmung des Schöpfers gebraucht werden muss.“
Gegen naturfeindliche Häresien
Wer dem Christentum vorwirft, es sei natur- und leibfeindlich, der kann bestenfalls ein oberflächliches Verständnis seiner Lehren besitzen. Naturfeindliche, im schlechten Sinne „asketische“ Lehren wurden von der Kirche immer wieder als Häresien verurteilt. Man denke nur an die frühen Auseinandersetzungen der Kirche mit der Gnosis und dem Manichäismus oder an den Konflikt mit den Albigensern im 12. und 13. Jahrhundert. Diesen Häresien ist die Überzeugung gemeinsam, dass die materielle Welt Produkt eines bösartigen Demiurgen ist, während der wahre Gott über die jenseitige, rein geistige Welt herrscht. Der Mensch hat die Aufgabe, durch Enthaltsamkeit, Reinigung und Askese aus der materiellen Welt des Demiurgen in die geistige Welt zu entfliehen.
Es ist zwar die Überzeugung der Christen, dass die Natur in ihrem jetzigen Zustand aufgrund der Erbsünde nicht der ursprünglichen Intention ihres Schöpfers entspricht. Die leiblichen Bedürfnisse und Begierden sind deshalb korrumpiert und neigen zur Entartung, sind aber grundsätzlich gut. Diese Auffassung wird beispielsweise von Paulus vertreten, wenn er in 1. Korinther 6,19 den Leib als „Tempel des Heiligen Geistes“ bezeichnet.
Der Mensch ist nach christlicher Auffassung weder reiner Geist noch bloßer Leib, sondern von Gott angelegt als verleiblichter Geist und vergeistigter Leib. Gemäß dem Mysterium der Inkarnation hat ja sogar Gott selbst eine leibliche Gestalt angenommen und „wurde Fleisch“ (Johannes 1,14). Damit hat er in einer umfassenden Weise Ja zur Natur und zur Materie gesagt. Nicht zuletzt ist auch auf die kirchliche Lehre von der leiblichen Auferstehung hinzuweisen, gemäß der die wiedererweckten Toten keine reinen Geister sind, sondern mit einem „Auferstehungsleib“ neu umkleidet werden. Am Ende der Zeit wird die Natur nicht zerstört, sondern vollendet. Das gilt nicht nur für den menschlichen Leib, durch den wir Teil der Natur sind, sondern für die ganze Schöpfung.
Solidarität mit der ganzen Schöpfung
Das Christentum ist nicht nur grundsätzlich positiv gegenüber dem Leib, der Natur und der Materie eingestellt. Es finden sich in ihm auch Ansätze zu einer Solidarität des Menschen mit allen Geschöpfen. In Römer 8,19 spricht Paulus vom „ängstlichen Harren der Kreatur“, und kurz darauf heißt es: „Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.“ (Römer 8,21.22) In der Naturfrömmigkeit eines Franz von Assisi hat die Solidarität des Christen mit allen Geschöpfen ihren höchsten Ausdruck gefunden – ein Maßstab, dem die gegenwärtige christliche Theorie und Praxis erst wieder gerecht werden müsste.
Ökologie der Natur und des Menschen
In seiner Rede im Bundestag am 22. September 2011 äußerte sich Papst Benedikt XVI. sehr zustimmend über den Begriff der Ökologie: Immer mehr Menschen werde bewusst, dass „Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.“ Benedikt XVI. erweiterte sogar den gängigen Begriff der Ökologie, indem er in jener Rede auch von einer „Ökologie des Menschen“ sprach:
„Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat.“
An diesen Gedanken, die an eine lange Tradition des christlichen Naturrechtsdenkens anknüpfen, wird ersichtlich, dass das Christentum bei der Bewältigung der gegenwärtigen ökologischen Krise ein sehr gewichtiges Wort mitzureden hat. Das Christentum trägt zur Bewältigung der Krise bei, indem es die Natur als Schöpfung bejaht, indem es den Menschen an seine Weltverantwortung erinnert und indem es eine umfassende Solidarität mit allem Lebendigen aufscheinen lässt. Untauglich für eine humane Bewältigung der ökologischen Krise ist hingegen ein Neuheidentum, das die Sonderstellung des Menschen in der Natur verleugnet und damit die ihm durch die Technik zugewachsene Verantwortung nicht auf sich nehmen will. Untauglich sind auch leibfeindliche, neognostische Lehren, die das Heil des Menschen in einer Flucht aus der Freiheit und der Materie sehen. Nur im Anerkennen der Freiheit und der Verantwortung des Menschen vor Gott kann die ökologische Krise sinnvoll angegangen werden.
Daniel Zöllner (Baden-Würtemberg)
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