Vom Sinn der Muße und der Kontemplation

Das griechisch-orthodoxe Katharienenkloster in der Sinai-Wüste; Ort des Empfangs der Zehn Gebote durch Moses

Eine kurze Betrachtung über die zwei Begriffe: Kontemplation und Muße. Kontemplation, (lateinisch contemplatio: „Richten des Blickes nach etwas“, „Anschauung“, „geistige Betrachtung“) ist ein philosophisches bzw. religiöses Betrachten, eine Meditation, eine Geistesübung. Die Meditation ist übrigens tatsächlich ein urtümlich christlicher Begriff. Im kontemplativen Weg übe ich ein absichtsloses Verweilen im gegenwärtigen Augenblick, letztlich in der Gegenwärtigkeit Gottes, jenseits aller Gedanken. Erst in der Kontemplation kann der Mensch seine Sehnsucht nach der Beantwortung seiner Sinnfragen, seinen Durst nach Glückseligkeit stillen.

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Muße war Gelegenheit und Möglichkeit. Altgriechisch σχολή – von dem das Wort Schule entstammt – gegenüber άσχολΐα oder πόνος (Lateinisch: otium gegenüber negotium) hat Muße ein Bedeutungsspektrum von Ruhe über Studium und Schule bis hin zu Verzögerung und Langsamkeit. Gemeint ist auf jeden Fall die arbeitsfreie Zeit. Für Aristoteles ist sie eine wahrhaft freie, zweckfreie, unbelastete Zeit, in der wir keine Sklaven (etwa auch der Arbeitswelt) sind. In dieser soll der Mensch zum Leben finden, in dem er sich selbst verwirklicht, entsprechend des Spruchs des Orakels von Delphi: „Werde du selbst! – Und du findest Gott.“

Das Fundament des Abendlandes: Die Suche nach der Glückseligkeit

Meisterhaft hat sich der katholische Philosoph und Theologe Josef Pieper über Kontemplation und Muße und damit um die menschliche Existenz Gedanken gemacht, so etwa in seinem Buch Glück und Kontemplation. Für Pieper sind sie im Rückblick auf Platon und Thomas von Aquin eine Haltung, die uns entrücken lässt aus dem rein Menschlichen und der Dimension des Machbaren. Sie ist vom Müßiggang oder Narzissmus zu unterscheiden und lässt uns frei werden für kaum mehr bekannte sinnvolle Tätigkeiten wie es die Feier, das Fest, die Ausübung des Kultes oder der Sorge um den Mitmenschen und Gott ist. Sie ist für Pieper nicht weniger als das „Fundament der abendländischen Kultur“.

In den Mußestunden können wir entschleunigen und uns aufs Wesentliche besinnen. Wir können uns die wichtigsten Fragen des Lebens neu stellen, um dadurch unser Leben wieder neu auf sinnvolle Ziele und Aufgaben auszurichten. Wichtige Fragen des Lebens sind: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist Glückseligkeit? Wie führe ich ein gutes Leben? Welchen Sinn hat mein Leben im Kosmos? Wie wird meine Seele wieder gesund und heil? Beten Sie um die richtigen Antworten, gehen Sie in die Natur, betätigen Sie sich körperlich, suchen Sie neue Abenteuer, lassen Sie ihr Handy liegen. Entdecken Sie die Schätze unserer Kultur und Zivilisation. Verweilen Sie im Kreise ihrer Liebsten und Ihrer Familie.

Und bedenken Sie den inneren Zusammenhang von Glück und Liebe:

„Glücklich, wer sieht, was er liebt. Es ist alleine die Gegenwart des Geliebten, die glücklich macht. Das heißt: Ohne Liebe gibt es kein Glück, wo nicht ein Fünklein von Zustimmung und Bejahung wäre, da gäbe es nicht einmal die Möglichkeit von Glück – weder in der Weise des Sehens noch irgendwie sonst. Liebe die unabdingbare Voraussetzung von Glück.“ (Josef Pieper, in: Glück und Kontemplation)