Werner Reichel: Leben wir in einer hysterischen Gesellschaft?

Wenn die Inszenierung alles andere überlagert:

Der Begriff Hysterie ist seit hunderten Jahren in Gebrauch. Schon in alten Papyri und bei antiken Autoren wurden unter Hysterie extreme Gefühls­ausbrüche beschrieben. Im Mittelalter galt Hysterie als Zeichen teuflischer Besessenheit, und Sigmund Freud betrachtete sie als neurotische Störung. Immer wurde sie aber mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht. Heutzutage wird das Adjektiv „hysterisch“ im allgemeinen Sprachgebrauch mit schrill, emotional, geltungssüchtig etc. verknüpft, aber nicht mehr exklusiv mit Frauen assoziiert. In der Fachsprache verwendet man deshalb den geschlechtsneutralen Begriff „histrionisch“.

Zu Recht. Die Hysterie hat sich im Westen zu einem Massenphänomen entwickelt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der hysterische Verhaltens- und Ausdrucksweisen nicht nur Störungen einzelner Personen sind, sondern ein permanenter Zustand, in dem sich weite Teile der Gesellschaft, insbesondere die Classe Politique, befinden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Inszenierung alles andere überlagert, in der Emotionen Argumente abgelöst haben, in der Politik vor allem Show ist. Der Politiker ist zum Kommentator des Niedergangs unserer Gesellschaft geworden, den er selbst mit seiner hysterischen Symbolpolitik vorantreibt. Weshalb Fachwissen und Kompetenz für die moderne Politikkarriere hinderlich sind. In einer hysterischen Gesellschaft schaffen es vor allem inferiore Politiker vom Typus einer Annalena Baerbock, Beate Meinl-Reisinger oder eines Andreas Babler ganz nach oben. Politik ist für sie nur eine Bühne, auf der sie sich dem Zeitgeist entsprechend inszenieren können. Hysteriker haben kein Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein, kein Gewissen, keine Tugenden und Skrupel. Die Folgen ihrer politischen Entscheidungen sind ihnen gleichgültig, egal wie katastrophal und blutig sie sein mögen: „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende September 2015 zu den parteiinternen Kritikern ihrer tödlichen Willkommenspolitik. Auch Friedrich Merz sind die Folgen seiner Kriegspolitik gegen Russland kaum einen Gedanken wert, obwohl oder gerade, weil die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine, Deutschland zum direkten Angriffsziel der größten Atommacht der Welt macht.

Absolute Verantwortungslosigkeit

Diese absolute Verantwortungslosigkeit macht hysterische Führungspersönlichkeiten so gefährlich. Spitzenpolitiker wie Merz oder von der Leyen sind Symptome unserer hysterischen Gesellschaft, die es nicht nur zulässt, dass solche Hasardeure in Führungspositionen gelangen, sondern für ihre verheerende Politik auch noch gefeiert werden. Sachpolitik und Fachwissen sind solchen Politikern fremd, die Demokratie ist unter ihrer Führung zur Farce geworden. Große politische Weichenstellungen wie Massenzuwanderung oder Energiewende werden über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden. Der Job dieser Politiker beschränkt sich darauf, den vor vollendete Tatsachen gestellten Bürger solche weitreichenden Entscheidungen mit Hilfe hysterischer Inszenierungen und apokalyptischer Szenarien, also das angedrohte Massensterben durch Viren, Russen oder CO2, als alternativlos zu verkaufen.

Auch der Hass des politmedialen Establishments auf US-Präsident Donald Trump hat jedes vernünftige Maß verloren, ist schrill und irrational. Die europäsiche Trump-Hysterie verhindert den Blick auf die Realität, prägt die US-Politik der EU und das europäisch-amerikanische Verhältnis, wobei das in seiner hysterischen Inszenierung gefangene Europa seine Rolle, Macht und Bedeutung maßlos überschätzt. Seinen wirtschaftlichen und geopolitischen Abstieg kompensiert es mit einer moralischen Überlegenheit, die außerhalb seiner eigenen Denkwelt und Inszenierung als das gesehen wird, was sie tatsächlich ist, die pervertierte Hypermoral einer kulturell degenerierten Gesellschaft. Dementsprechend wird Europas Agieren im Ukraine-Krieg von den globalen Akteuren als eine hochriskante Farce gesehen.

Dass die EU nach Jahrzehnten der Abrüstung, des Feminismus und einer auf Gewalt-ist-keine-Lösung getrimmten Gesellschaft ohne jeden Plan, aber mit vielen Fantastilliarden an Euros über Nacht zur schlagkräftigen neuen Militärmacht werden könnte, glauben nur die militärisch völlig ahnungslosen Hauptdarsteller dieser Brüsseler und Berliner ­Posse.

Neue Kriegsbegeisterung

Wobei die neue Kriegsbegeisterung wie in jeder hysterischen Inszenierung jederzeit verworfen werden und ins Gegenteil umschlagen kann. Etwa, wenn es auch für die Wehrdienstverweigerer, Bobos und andere woke Existenzen ernst und gefährlich werden könnte. Denn Haltung, Mut, Überzeugung und Engagement beschränken sich in diesem Milieu auf die Inszenierung: Sie gehen nie darüber hinaus, bleiben Pose. So schrieb die linke Journalistin Lisa Seelig in der „Zeit“: „Unser Milieu zieht keine Kämpfer heran, sondern Denker. Verwalter. Lenker.“ Den massiven Konflikt, in den sie ihre inszenierte Kriegslüsternheit als Mutter eines Sohnes gestürzt hat, versucht sie zu lösen, indem sie nur die anderen, die gemeinen, die rechten (und damit moralisch und menschlich minderwertigen) Deutschen in den Krieg und Tod schicken will.

Das ist das menschenverachtende Kriegs-Drehbuch des linksgrünen Politadels: Um seine Inszenierung, seine Lebenslügen aufrecht und um die Realität von seinem intellektuellen Kleingarten fernzuhalten, opfert man bedenkenlos die Leben seiner Mitbürger, die nicht Teil der eigenen woken Lebenswelt sind, die man ohnehin verachtet und hasst. Die hysterische Gesellschaft geht über Leichen.

Reaktionen nur auf symbolischer Ebene

Man reagiert auf reale Entwicklungen und Krisen nur noch auf symbolischer Ebene – eine fatale Strategie, die wie ein Brandbeschleuniger wirkt.

Dabei gilt die Faustregel: Je bedrohlicher Ereignisse und Entwicklungen, desto hysterischer und irrationaler die politischen und medialen Reaktionen darauf. Das gilt insbesondere für die islamistischen Massaker, die zunehmend in einen europäischen Bürgerkrieg übergehen, alltäglich geworden sind. Nach jedem neuen blutigen Attentat halten Politik, Experten und Medien dieselben hohlen Rituale ab. Die Politik-Darsteller versuchen dabei Empörung, Anteilnahme und Trauer vorzutäuschen, ohne auch nur einen Gedanken an ernsthafte politische Maßnahmen zu verschwenden, die das Morden eindämmen könnten. Wenn das politmediale Establishment nach solchen Massakern an einheimischen Kindern, Frauen und anderen Unschuldigen seine mittlerweile obligaten Paraden gegen rechts organisiert, marschiert der systemtreue Teil der Gesellschaft nicht gegen seine realen Feinde und Mörder, die Islamisten, auf, sondern gegen jene, die die Multikultinszenierung, die fiktionale Wirklichkeit der Linken mit Fakten und der Wahrheit stören.

Je trister und blutiger unsere Zukunftsaussichten, desto hysterischer gebärden sich Politik, Zivilgesellschaft und Medien, je mehr sich der (politische) Islam in unseren Breiten etabliert, desto lauter wird das „Nazi“-Gegacker im woken Hühnerstall. Sowohl der allgegenwärtige Kampf gegen Rechts als auch die Rettung des Klimas sind nichts weiter als billige Inszenierungen, die die Bürger vom Niedergang ihres Landes und der tristen Zukunft ihrer Kinder ablenken sollen. Wir werden vom Staat und seinen Handlangern verpflichtet, uns an dieser Schmierenkomödie zu beteiligen. Wer in dieser Posse nicht mitspielt, keine Rolle als Klimaretter, Nazi-Jäger, Social-Warrior, woker Moralapostel, Feminist, Trump-Hasser oder Islamistenversteher übernehmen möchte, wird umgehend ins Lager der Antagonisten, der Hasser, Hetzer, Rechten, Schwurbler, Alu-Hüte etc. verbannt. Auch das ist eine wichtige Rolle in diesem Stück. So oder so, man ist – ob man will oder nicht – Teil dieser hysterischen Inszenierung. Man kann sich ihr nicht entziehen. Auch wenn die herrschenden Hysteriker versuchen, ihre Macht durch einen zunehmend autoritäreren Kurs abzusichern, ist das Ende des Stückes absehbar, wir befinden uns längst im fünften Akt dieses europäischen Dramas.

Werner Reichel (Wien)

Dieser Artikel erschien in der Zurzeit; mit Dank für die freundliche Erlaubnis zur Neuveröffentlichung.

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