Platon: Gespräch mit Felix Wachter über Tugend und Recht in der Polis

Der Kreter Kleinias, der Spartaner Megillos und ein unbekannter Athener am Weg zum Heiligtum des Zeus

Platons Spätwerk Nomoi (Gesetze) gilt als sein letztes und zugleich reifstes Werk zur politischen Philosophie. Im Unterschied zur früheren Politeia tritt hier nicht mehr Sokrates als Gesprächsführer auf. Stattdessen begegnen wir drei älteren Männern auf der Insel Kreta, die sich auf einer Pilgerreise zu einem Heiligtum des Zeus befinden: dem „Fremden aus Athen“, Kleinias und Megillos. Die Abwesenheit des Sokrates ist nicht zufällig. Sie markiert eine inhaltliche Verschiebung: Während in der Politeia noch stark metaphysische, erkenntnistheoretische und idealphilosophische Fragen dominieren, geht es in den Nomoi um eine konkretere, institutionelle Ausgestaltung eines tatsächlich realisierbaren Staates.

Der „Fremde aus Athen“ wird häufig als literarische Maske Platons selbst gedeutet. Anders als Sokrates führt er keine offene, suchende Dialektik mehr, sondern tritt als gereifter Denker auf, der bereits zu festen Überzeugungen gelangt ist. Seine Gesprächspartner sind keine Philosophen im engeren Sinn, sondern praktisch orientierte Männer: ein Spartaner und ein Kreter, der mit der Gründung einer neuen Kolonie betraut ist. Entsprechend richtet sich die Diskussion nicht auf abstrakte Spekulation, sondern auf die Frage, wie ein Staat konkret gegründet und dauerhaft stabilisiert werden kann.

Die Frage nach den Ursprüngen der Gesetze

Schon zu Beginn des Dialogs wird die entscheidende Grundfrage gestellt: Ist das Gesetz göttlichen oder menschlichen Ursprungs? Die Antwort fällt eindeutig aus: Das Gesetz gründet letztlich in einer höheren, göttlichen Ordnung. Damit positioniert sich Platon klar gegen die sophistischen Lehren, insbesondere gegen Protagoras, der den Menschen zum „Maß aller Dinge“ erklärt hatte. Für Platon ist nicht der Mensch, sondern Gott das Maß. Recht und Gesetz sind daher nicht bloße Konventionen oder Produkte wechselnder Machtverhältnisse, sondern Ausdruck einer objektiven sittlichen Ordnung. Diese Auffassung macht Platon zu einem Begründer des Naturrechtsdenkens.

Der Begriff Nomos bedeutet dabei nicht nur „Gesetz“ im modernen, positivistischen Sinn, sondern auch Brauch, Sitte und geordnete Verteilung. Gesetz meint eine umfassende sittliche Ordnung, die das Zusammenleben strukturiert. Spätere Denker wie Carl Schmitt haben darauf hingewiesen, dass jede Norm eine bestehende Normalität voraussetzt. Auch bei Platon wird deutlich: Gesetze können nur wirken, wenn sie in eine stabile moralische Grundordnung eingebettet sind. Der Staat ist daher nicht primär ein Machtinstrument, sondern eine Erziehungs- und Tugendgemeinschaft.

Im Unterschied zur Politeia, die den idealen Philosophenstaat entwirft, präsentiert Platon in den Nomoi einen „zweitbesten“ Staat. Da die Herrschaft vollkommener Philosophen unrealistisch erscheint, setzt er nun stärker auf die Herrschaft der Gesetze. Institutionen, Mischverfassungen und klare gesetzliche Regelungen sollen das Gemeinwesen stabilisieren. Monarchische, aristokratische und demokratische Elemente werden kombiniert, um Extreme zu vermeiden und Maß zu halten. Maß und Mitte gelten als zentrale Prinzipien.

Die höchsten Ziele der Polis

Das höchste Ziel des Staates ist nicht Reichtum oder militärische Macht, sondern Tugendhaftigkeit der Bürger. Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit sollen durch geeignete Institutionen gefördert werden. Besonders wichtig ist dabei die Erziehung. Musik, Gymnastik, religiöse Praxis und gesetzliche Unterweisung dienen dazu, die Seele der Bürger von früh an auf das Gute auszurichten. Gesetze sollen nicht nur befehlen, sondern durch ausführliche Präambeln auch begründen und überzeugen. Der Bürger soll verstehen, warum eine Vorschrift sinnvoll ist, und sie aus Einsicht befolgen.

Zugleich legt Platon Wert auf soziale Ausgewogenheit und eben Gerechtigkeit als Gemeinwohl verstanden. Extreme Armut wie extremer Reichtum gefährden die Einheit und den Frieden des Staates. Eigentum soll begrenzt und gleichmäßiger verteilt sein, damit kein zerstörerischer Gegensatz zwischen den Bürgern entsteht. Der Staat soll eine organische Einheit bilden, keine Ansammlung konkurrierender Interessen.

Insgesamt zeigt sich in den Nomoi eine „Philosophie der Einheit“: Einheit von Recht und Moral, von Religion und Politik, von individueller Tugend und staatlicher Ordnung. Der Staat ist in eine göttliche Kosmosordnung eingebettet, und die Gerechtigkeit erscheint als ordnende Kraft, die diese Verbindung wahrt. Ohne einen höheren Maßstab, so Platons Überzeugung, zerfällt die politische Gemeinschaft in Beliebigkeit und Machtkampf.

Damit besitzen die Nomoi auch heute noch Aktualität. Sie stellen die grundlegende Frage, ob Gesetze bloße Setzungen des Menschen sind oder ob sie an eine objektive Ordnung gebunden bleiben müssen. Platon entscheidet sich entschieden für Letzteres und entwickelt daraus einen realitätsnahen, gesetzlich strukturierten und religiös fundierten Staatsentwurf, der die Tugend der Bürger zum obersten Ziel erhebt.

Lesen Sie hier den Originaltext und hören Sie das Gespräch über Platons Nomoi:

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Philosophie der Einheit: Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons ‚Nomoi‘ und ihre Aktualität

Platons Nomoi, sein ausführlichstes, in Dialogform verfasstes Werk über die Gesetzgebung und den idealen Staat, steht am Anfang aller abendländischen staatstheoretischen Überle­gungen. Bis heute wird um die adäquate Verfasstheit und Zielsetzung eines Staatsgebildes in allen politischen Lagern des modernen Rechtsstaats lebhaft gerungen. Felix Wachter geht in seiner Dissertation in historischen Rückblenden den großen Fragen der Staatstheorie nach, wobei er Platons philosophisch-politische Grundgedanken in einem ideengeschichtlichen Kontext und in ihrer bleiben­den Aktualität aufzeigt.

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