Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Leuchtspuren

Die deutsche Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Es gibt Bücher, die klug und schonungslos Wunden unserer Zeit bloßlegen. Die bekannte Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz macht es sich zur Aufgabe, in dem Werk „Leuchtspuren“, welches teilweise eine Zusammenfassung früherer Arbeiten ist, das Heilige in dieser Welt wieder zu entschlüsseln.

Dem gedanklichen Absturz von der Theodizee zur Anthropodizee und Biodizee soll aufklärend Einhalt geboten werden. In vier großen Abschnitten – Leuchtspuren/Kirche-lauter Fragezeichen?/Die Heiligen und die Ungeheilten/ Ich-meine größte Frage. Kleine Antworten- werden Denkanstöße gegen die, von Einsamkeit und Verdruss geprägte ziellose Zukunft angeboten.

Die Fleischwerdung Gottes durch die Jungfrau Maria ist der Angelpunkt des Christentums. Sie unterscheidet dieses von allen Kulturen, allen heidnischen Mythen, Riten, Heils-und Weisheitslehren:

„…die Männlichkeit Jesu, sein Eintritt in die polar gebaute Schöpfung ist Eintritt …in die polare Ordnung der Geschlechter.“ (S.21)

Viele Religionen sprechen von der Unsterblichkeit der Seele. Das Christentum allein lehrt die Auferstehung des Fleisches, also eine Transformation des Leibes. Zwar ist dieser dem Schmerz und dem Tod unterworfen, durch die 7 Sakramente wird er aber geheiligt. Die Erhöhung des Leibes in der Auferstehung des Fleisches, mündet in die beseligende Teilnahme am göttlichen Leben.

Der Zustand der Kirche in Deutschland

Mit Akribie widmet sich die Autorin dem Zustand der Kirche in Deutschland. Sie bezeichnet diesen als einen „Gang durch ein Minenfeld“. Am 11. Mai 2019 wurde in Münster die Streik-Forderung erhoben, das weibliche Priestertum einzuführen und den verpflichtenden Zölibat abzuschaffen (Maria 2.0). Ohne die Größe und Sendung der christlichen Frauen zu schmälern und die Gleichwertigkeit von Mann und Frau zu negieren, verweist Gerl-Falkovitz auf das verpflichtende Vorbild Jesu, die klaren Aussagen des Lehramtes hinsichtlich der priesterlichen Ehelosigkeit und die sich daraus ergebende konstante Praxis der Kirche. Scharf wendet sie sich gegen die feministische Umdeutung Marias zur Rebellin:

„Wo hätte sie Priester-Macht für sich eingefordert? Der wörtliche Rat aus ihrem Mund, zugleich ihr letztes überliefertes Wort lautet: ‚ Was er euch sagt, das tut (Joh.2,5). Die Rebellion Marias reicht weit tiefer: in den Umbau des Existenzbewusstseins, den Umbau nämlich der Selbstbehauptung gegen die Macht Gottes-und auch der trotzigen Selbstbehauptung gegen den schöpferischen göttlichen Entwurf: Zum Glück hat er die Geschlechter unterschieden, zum Glück unterschieden begabt.“ (S.84)

Über den deutschen synodalen Weg und dessen Kritik an fragwürdigem Verhaftetsein in Strukturen urteilt Falkovitz differenziert. Strukturelle Ordnungen sind primär apersonal und sachlich. Sie stützen sowohl die „Banalität des Bösen“ als auch die „Banalität des Guten“. Jedenfalls entbinden sie Personen nicht von dem Urteil des eigenen Gewissens. Zweifellos ist die Kirche Struktur. In Fragen des sexuellen wie auch des geistigen Machtmissbrauches ist sie sowohl anfällig als auch weisungsgebend. Hörbar muss diese Kirche wieder jene Ur-Forderungen erheben, deren Missachtung das Elend unserer Tage verschuldet und begünstigt. Es darf keine vorgeburtlichen Tötungen, keine Geschlechtsumwandlung, keine Leihmutterschaft, keine Kontrazeption, keine künstliche Befruchtung mehr geben

Der Ort Kirche

Über das Kirchengebäude als Ort des Ge-heiligten, der Sammlung, des Mysteriums, mit der verdichteten Stelle des Altares, dem Herz des Numinosen, gäbe es besonders hinsichtlich architektonischer Zerrbilder Vieles, auch sehr Kritisches, zu sagen. Bezüglich des heiligen Raumes belehrt uns die Religionsphilosophin:

„So hat die Kirche die schwierig-schöne Aufgabe, mit den Mitteln des Irdischen, mit Ort (und Zeit und Materialität) das Eintreten des Heiligen, sein Kommen und Gehen gegenwärtig zu halten-und gleichzeitig den Ort herauszunehmen aus der üblichen Zwecklichkeit, dem Nutzen der Alltags, und ihn als Eigentum Gottes zu beanspruchen.“ (S.106)

Heilung der Welt kann nur durch das Heilige erwartet und vollbracht werden. So wie in dem Wort „sacrum“ eine Doppelbedeutung von „heilig“ und „verflucht“ aufscheint, erfährt die Sinnlichkeit der heilig-unheiligen Welt, der „Götter-Dynamiken“, erst durch den Treuebund Israels mit Gott eine Umdeutung. Der Höchste und All-Heilige ehrt sein auserwähltes Volk durch Vertrauen und Liebe. Etwas Neues wird aufgebaut das in der Menschwerdung Christi kulminiert. Exemplarisch stellt die Autorin uns die Gestalt der Gottesmutter Maria in einer feinsinnigen Deutung des Magnifikats vor Augen und sie widmet ein überaus lesenswertes Kapitel dem „Vormund des ewigen Wortes“, dem heiligen Joseph. Die vielfache Fehldeutung seiner Person wird brillant widerlegt.

Die Heiligen und die Ungeheilten

Im Kapitel „Die Heiligen und die Ungeheilten“ beschäftigen Gerl-Falkovitz nicht nur hinsichtlich einer inneren Freiheitserfahrung Betroffener, jenseits eiserner Gesetzlichkeiten. In weltweiten Berichten aus Konzentrationslagern jeglicher Couleur scheint immer wieder die überweltliche Kraft der Kirche auf. Jene, die anonym sterben in einer Art Blindheit und Wegnahme von Licht und Sinn, verbinden in ihrem Martyrium das Geheimnis des Unsagbaren und der endgültigen Wahrheit.

Das Leiden des Ungeheilten, deren Verwundung durch Nichtglauben, zeigt sich exemplarisch an dem Schicksal Nietzsches. Der erklärte Gegner des Christentums, weiß zwar, wo Heilung ist, lehnt diese jedoch ab. Seine existentielle Wunde ist aufgebrochen an der pervertierten Beziehung Gott-Welt. Der Lehre vom Tod Gottes, der absoluten Sinnlosigkeit (Nihilismus) und dem titanischen Willen zur Macht begegnet die Autorin mit der tiefen Einsicht: Gott ist der unendlich Weggebende.

„Die Trinität ist das Urbild dieses Hingegebenseins: Hingabe des Vaters, Hinnahme des Sohnes und der Geist als innerste Gewissheit ihrer Liebe.“ (S.169)

Christliches Denken orientiert sich an der Fülle, am überfließenden Dank für alles Geschenkte. Im Gehorsam findet der Mensch Wachstum, Erfahrung von Freiheit und die Möglichkeit der Überraschung.

Das zielführend auf geistige Erneuerung angelegte Buch endet mit der Ich-Frage auf die „kleine Antworten“ gegeben werden. Doppelgesichtig ist die Liebe: selige Erfüllung und bitterer Schmerz. Sie erscheint dreifach als eros, agape und caritas. Gott selbst aber- so die kluge Deuterin – liebt verschwenderisch bis in das Missverständnis seiner selbst hinein. An dem großen Umsonst der Liebe Gottes bricht sich unser Begreifen, denn hier weitet sich die Liebe ins Unendliche. Der Christ soll sich als mutiger Hüter der Schwelle erweisen. Als einer, der um die Erfüllung seines Daseins im Angesicht des Todes weiß, aber auch um die selige Erneuerung im Zeichen der unvorstellbaren ewigen Liebe: das ewige Leben.

Die Verworrenheit des Daseins

Die Verworrenheit des Daseins, die Erbschuld, nennt Thomas von Aquin discordia naturalis (naturhafte Zwietracht). Diese Verstörung des Lebens äußert sich vielfach in einer ungezügelten Lebensgier, einem Haben-Wollen um jeden Preis, einer bedenkenlosen Durchsetzung eigener Wünsche. Streng verurteilt die Autorin hier die Überheblichkeit des Menschen hinsichtlich der Praktiken der Verhütung, Zeugung und Abtreibung. Im Sakrament der Taufe wird unsere Selbstbesessenheit gewissermaßen überflutet von einem Leben aus der Fülle, dem Leben Gottes. Der Ichverhaftete ist gerufen, sich lösen zu lassen, das eigene Dasein dankbar und staunend als göttliche Gabe zu erfahren. Das Buch endet mit der kontrovers diskutierten Frage, ob Unverzeihliches Vergebung erfahren kann. Angesichts unbeschreiblicher Ungerechtigkeiten und grausamster Verbrechen eine wahrhaft bedrängende Problematik. Die interessante Antwort lautet: Absolution gibt es nur im Absoluten. Was heißt das? Das Christentum lehrt, Gott selbst hat sowohl die Täterschuld als auch den Opferschmerz übernommen. Die Schuld aber kann von jenem reuig eingestanden werden, der um Vergebung weiß.

„Die Unreinheit der Welt wird nicht von außen niedergekämpft, sondern von innen, in einer letzten Solidarität, übernommen, und das Opfertier schleppt sich selbst durch die Straßen zum Platz der Verworfenen, um dort mit seiner Last zu sterben.“ (S.189)

Die große Frage nach dem eigenen Ich, welches nicht einer gestaltlosen Urmacht unterliegt, sondern sich von einem ungeheueren Willen geschaffen und gerufen weiß ist gekoppelt an die Möglichkeit der Verdichtung. Alles Woher und Wohin soll im Anruf Gottes enden. Der Tod wird mir zeigen, wer ich wirklich bin.        

Magdalena S. Gmehling (Bayern)                 

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