Felix Dirsch: Der Dienst des Christentums an der Gesellschaft

Kathedrale von Mailand, Piazza del Duomo, Statue von König Vittorio Emanuele II

Zur Karwoche – die Leerstelle:

Der demoskopische Trend ist schon seit Jahrzehnten erkennbar und verweist immer nur in eine Richtung. Das Institut für Religionswissenschaften an der Universität Münster stellt in einer Metastudie eine abnehmende Glaubenspraxis für verschiedene Kontinente zahlen- und statistikgesättigt fest. Selbst Teile der islamischen Welt sind demnach von Säkularisierungstendenzen betroffen. Diese sind im Einzelnen vielfältig, beinhalten aber global einen signifikanten Rückzug von der öffentlichen Kultpraxis.

Im Hinblick auf Europa überraschen die Ergebnisse dieser Studie keineswegs, sind doch entsprechende Entwicklungen unübersehbar selbst in einem Land mit relativ hoher Kirchenbindung wie Polen. Wenngleich die „Entmachtung“ (Michael N. Ebertz) der Kirchen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft (Familie, Schulwesen, Sozialarbeit und so fort) mit Siebenmeilenstiefeln voranschreitet, heißt das nicht, dass kein Mehrwert des christlichen Glaubens für die Gesellschaft existiert. Dies gilt trotz der unübersehbar multireligiösen Tendenzen, die Konkurrenz und keinen Gewinn für die christlichen Kirchen bedeuten. Nicht bei jedem höheren Amtsträger ist diese Binsenweisheit schon angekommen. Wer heute Sinn stiften will, ist nicht unbedingt auf den christlichen Glauben angewiesen. Der Auftrag der Kirchen wird somit zunehmend unklarer. Angesichts dieser religiösen Großwetterlage braucht es ein starkes Vergrößerungsglas, um Nuancen zu registrieren.

Das Böckenförde-Diktum

Ein berühmter Essay, 1967 erstmals veröffentlicht, ist mit den Worten „Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation“ überschrieben. Der Verfassungsjurist Ernst-Wolfgang Böckenförde, der in diesem Aufsatz seine fast inflationär zitierte Aussage über die Voraussetzungen des freiheitlichen Staates formulierte, schlug einen Bogen vom Investiturstreit des Mittelalters über die Reformation bis zur Aufklärung. Auf diese Weise arbeitete er die Freiheitsdividende heraus, die sich für den Staat vor allem aus einer wachsenden Distinktion von seinen kulturell-religiösen Herkunftsbedingungen ergeben hatte.

Die Differenz von geistlicher und weltlicher Macht, die schon in der Bibel ihre Wurzeln hat, steht an der Wiege des „liberalen Systems“ (Ernst Nolte). Dieses Polygon beinhaltete verschiedene Kräfte (Adel, Bürgertum, freien Städten und relativ eigenständige religiöse Institutionen). Kein Element konnte sich dauerhaft und vollständig auf Kosten der je anderen durchsetzen. Herausragende Gelehrte wie schon Max Weber oder Otto Hintze sahen hier die Grundlagen der freiheitlichen Tradition Europas. Der Vergleich mit anderen Kulturräumen wie den islamischen Ländern oder dem orthodoxen Bereich, dessen Verhältnis von Staat und Kirche bis in die unmittelbare Gegenwart heftig diskutiert wird, liegt auf der Hand. Erst die Machtergreifung von Faschismus und Kommunismus um 1920 läutete in Abkehr von pluralen Traditionen ein diktatorisch-totalitäres Zeitalter ein.

Bisher konnte der Staat, trotz institutioneller Unterscheidung von Staat und Kirche, profitieren aus dem christlichen Engagement vieler Bürger. Man denke an die öffentlichen Aktivitäten vieler Christen in der Politik, aber auch im sozialen Bereich. Hervorzuheben ist beispielsweise die Tätigkeit vieler Ordensschwestern, die häufig sogar unentgeltlich Dienst in der Krankenpflege leisteten und in verringerter Zahl noch leisten. Als Folge der Säkularisierungswelle wird die Gesellschaft in Zukunft auf derartige Dienste weitgehend verzichten müssen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass in Deutschland die Strukturen zumindest vorläufig auch ohne religiösen Elan aufrechterhalten werden können, weil das staatskirchenrechtliche System einen stabilen juristischen Rahmen garantiert. Manche sprechen von Privilegien der Kirche. In Frankreich ist das anders. Hier ist die Erosion des Gebäudes Kirche deutlich weiter fortgeschritten als hierzulande. Zudem betonen Einrichtungen wie die Caritas unablässig, dass ihr Dienst christlich sei und deshalb auch Nichtchristen in den Genuss dieses Engagements kommen können. Jede Art von Differenzierung scheint sich von vornherein zu verbieten. Fraglich ist, ob diese Haltung zur Schärfung des Glaubensprofils beiträgt.

Christliche Grundlage des Staates

Vieldiskutiert ist das Verhältnis der modern-freiheitlichen Demokratie zum Christentum. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrieb der Arzt, Nationalökonom und Soziologe Franz Oppenheimer:

„Demokratien sind in der jüdisch-christlichen Welt des Westens entstanden. Diese Entstehungsgeschichte ist eine Grundvoraussetzung unserer pluralistischen Welt. Der gleichen Geschichte verdanken wir auch die Maßstäbe, anhand derer unsere Geschichte bis heute immer wieder, kritisiert und korrigiert werden konnte“.

Diese Aussagen lassen sich empirisch belegen. Von den 88 Ländern, die im frühen 21. Jahrhundert von der einflussreichen US-Denkfabrik „Freedom House“ als freiheitlich eingestuft wurden, entstammen 79 der christlichen Tradition. Wenngleich die christlichen Prägekräfte nicht selten dem Säkularismus gewichen sind, ist auch in profanen Kontexten der Wurzelboden noch zu erkennen.

Während ein Großteil der Demokratie- und Rechtsstaatstheoretiker einen solchen Humus für vernachlässigbar erachtet, verweist der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann („Gesellschaft ohne Gott“) auch in politischer Hinsicht auf „Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands“. Die Studie belegt, dass christlich geprägte und ihren Glauben praktizierende Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit pflichtbewusste und gesetzestreue Bürger sind. Menschen mit anderer Weltanschauung oder Taufscheinchristen werden, da statistische Korrelationen nichts über den Einzelfall aussagen, damit nicht abgewertet.

Antichristlicher Hass

Zu einem Politikum (gerade für Ungläubige) wird mitunter die Einstellung der kleiner werdenden Schar aktiver Christen auf thematischen Feldern wie Abtreibung, Euthanasie, Schutz von (klassischer) Ehe und Familie usw. Nirgendwo ist die Aversion linksradikaler Menschenverächter gegen jene, die sich für das Existenzrecht der Schwächsten im Mutterleib aussprechen, so groß wie auf alljährlichen Märschen zugunsten des Lebensrechts. Zu den kaum überbietbaren Hassparolen zählt folgende: „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“. Das Eintreten für Lebensschutz lässt etwas von christlicher Identität aufblitzen, die auf anderen Feldern, etwa im Sozialbereich, kaum noch zu erkennen ist. Das bedeutet freilich nicht, dass Agnostiker und Atheisten zwingend die Tötung von Ungeborenen befürworten müssen.

Doch nicht nur bezüglich der Genese freiheitlicher Gesellschaften und deren sozialer Stabilität ist der Glauben relevant; vielmehr sind auch kultische Vollzüge bedeutsam, die in die (profane) Gesellschaft hineinwirken. Kein Geringerer als Jürgen Habermas machte darauf aufmerksam, dass es Erfahrungen und Wirklichkeiten gebe, die nicht in säkularer Sprache kommuniziert werden könnten. Weiter stellte er die Frage nach höherer Gerechtigkeit, für die irdische Maßstäbe oft nicht ausreichten. Welchen Stellenwert nehmen unschuldig Getötete ein, die Opfer der Geschichte?

Damit wären wir beim Stellenwert des Gottesdienstes, der nicht nur Glaubensmysterien umfasst. Der christliche Kult schließt Lebende wie Tote ins Gedächtnis ein. Er stiftet Gedenken und Erinnerung an die Gestorbenen. Die eucharistische Feier des Todes und der Auferstehung Christi dreht sich zentral um Schuld, Versöhnung und Sühne für alle Menschen, für Schuldige und Unschuldige. Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, schreibt dazu in seinem Buch „Kult“:

„Deshalb ist es wichtig, dass es auch in einer modernen offenen Gesellschaft diese ‚Kult-Orte‘ gibt und dass sie sichtbar sind: Räume und Zeiten, an denen Sühne und Versöhnung erfahren und geteilt werden und die Wirklichkeit und Möglichkeit einer tiefen Versöhnung aller Menschen gefeiert wird. Das ist der grenzüberschreitende Horizont, den die Feier des christlichen Kultes eröffnen will […].“

Scheinbar nutzlose Rituale können also durchaus Nutzen hervorbringen.

Was fehlt?

Was fehlt, wenn Christen fehlen? Der Pastoraltheologe Matthias Sellmann versucht eine Antwort zu geben. Er sieht Christsein als Lebensführungsweisheit. Seine These lautet: Es handelt sich dabei um eine individuelle Lebensleistung, um mentale wie geistliche Ressourcen. Jedenfalls verhindert die Verknotung von Glauben, Vernunft und Caritas, wie vor Jahrzehnten der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger herausstellte, ein reduktives Verständnis von (katholischem) Christentum. Dieses wird im Alltag weithin nur als Sozialdienstleister, bestenfalls noch als „Bundeswerteagentur“ akzeptiert.

Solche mentalen wie praktischen Dienste von Christen an der weithin säkularen Gesellschaft sind gut und richtig. Eine künftige religiöse Neugründung Europas bräuchte aber nachhaltigere Impulse. Das heißt konkret: Gläubige werden in Zukunft verstärkt als „kreative Minderheiten“ auftreten müssen. Ihr Profil wird auf diese Weise zu schärfen sein. Vereinigungen, die Kräfte in dieser Richtung bündeln können, gibt es und ihre Aktivitäten sind beachtlich, gleichwohl aber noch ausbaufähig. Als Beispiele dafür sind inhaltlich unterschiedlich ausgerichtete Gruppierungen wie „Demo für alle“, „Aktion Lebensrecht für Alle“, das Kompetenznetzwerk „Europa Aeterna. Akademie für politische Philosophie“, „Christen in der AfD“ und verschiedene Zweige des Tempelritterordens anzuführen. Derartige Verbindungen sind nach allen Seiten zu intensivieren. Solche Vereinigungen beruhen auf Grundlage des christlichen Glaubens und schaffen es, konservative Inhalte auf diverse praktisch-gesellschaftliche Zwecke hin zu fokussieren. Glaube im großen Stil wird erst wieder bedeutsam werden, wenn es den Vertretern gelingt, Grenzen zu ziehen.

Für ein disruptives Christentum

Die Publizistin und Konvertitin Gabriele Kuby konstatierte schon vor einigen Jahren: „Christen machen keinen Ärger“. Das muss sich ändern. Der Glaube, zumindest der aktiven Christen, muss dynamischer werden. Einige Anfänge sind – auch auf der europäischen Ebene – schon gemacht. Die in Italien führende Partei „Fratelli d’Italia“ verteidigt selbstbewusst das Motto „Gott, Vaterland, Familie“. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni scheut diesen Slogan nicht, erfüllt ihn vielmehr mit Leben, obwohl ihre Gegner gern auf die Ursprünge bei den italienischen Faschisten verweisen.

Der französische Politiker und konservative Katholik Bruno Retailleau skizzierte jüngst ein bemerkenswertes Programm: Es gelte, jene „unsichtbaren Verbindungen“ wiederherzustellen, die da waren.

„Nationalgefühl, die Weitergabe der Kultur und den Stolz, Teil einer großen Zivilisation zu sein, fundieren. Diese große Zivilisation fuße auf der Philosophie der Griechen, der Tugend der Römer, dem Genie des Christentums“.

Man findet in Deutschland kaum einen Bischof mehr, der solche Zielsetzungen befürwortet, geschweige denn normale Kleriker und Laien. Klimahysterie und Woke-Begeisterung stellt man hingegen auch in diesen Kreisen im Übermaß fest. Es ist freilich nie zu spät für eine Kurskorrektur.

Felix Dirsch (München)