Einen bemerkenswerten Vortrag hielt der englische Theologe John Milbank im Rahmen der Johannes Paul II.-Lesungen des Johannes-Paul-II.-Instituts für Kultur am Angelicum, der Päpstlichen Universität des hl. Thomas von Aquin in Rom, den man auch hier nachlesen kann.
Milbank wirft dabei unter anderem die zunächst provokant wirkende Frage auf, ob und inwiefern das Christentum mit der liberalen Demokratie kompatibel sei. Ausgangspunkt ist hierbei die relativ unstrittige Feststellung, dass die säkulare Kultur zunehmend von christlichen und generell traditionellen ethischen Normen abweiche. Provokant mutet die Frage dennoch an, da – wie Milbank einräumt – die vorherrschende Sichtweise sei, die katholische Kirche habe mit dem II. Vatikanischen Konzil ihren Frieden mit der liberalen Moderne gemacht. Dieser dominanten Sichtweise setzt Milbank – seines Zeichens anglikanischer Theologe – seine eigene entgegen.
Eine Politik der Tugend
Traditionellerweise habe die Kirche nicht eine generelle Präferenz für irgendeine Regierungsform besessen, sondern eine gewisse Indifferenz in dieser Frage an den Tag gelegt. Hieraus zu schließen, die Kirche präferiere damit de facto ein liberales, will sagen weltanschaulich neutrales System, gehe dabei jedoch in die Irre. Der vordergründigen Indifferenz liege eine Politik der Tugend zugrunde, die auch nachkonziliar weiter Geltung habe. So sei es wohl unstrittig, so Milbank, dass auch die Päpste der jüngeren Vergangenheit eindeutig die Aufgabe der Politik – auch – in der sittlich-ethischen Förderung der Bürger gesehen hätten. Welche Regierungsform hierbei am geeignetsten sei hänge wesentlich von den konkreten historischen Umständen ab – daher also die (bedingte) Indifferenz. Die vorgeblich weltanschaulich neutrale liberale Demokratie schließe eine solche Politik der Tugend jedoch gerade explizit aus.
Darüber hinaus habe die Kirche aber stets auch eine – der klassischen politischen Philosophie der griechischen Antike folgende – Präferenz für eine Mischverfassung aus monarchischen, aristokratischen und demokratischen Elementen gezeigt. Dabei sei es durchaus möglich, auch moderne liberal-demokratische Gemeinwesen zumindest teilweise in diesem Sinne zu interpretieren – man denke etwa an die US-Verfassung.
Die Präferenz für Mischverfassungen
Die Präferenz für Mischverfassungen sei Folge der Einsicht, dass in Gemeinwesen, welche die Komplexität von Stammesgesellschaften übersteige, die einzige Alternative zu einer solchen die Tyrannis entweder eines Diktators, einer oligarchischen Klasse oder aber einer unweigerlich kontrollierten und manipulierten Massenmeinung sei.
In diesem Zusammenhang jedoch wesentlich ist die weitere Einsicht, dass Souveränität nicht in einem Zentrum liege, sondern – im Sinne eines organischen Pluralismus – auf verschiedene, miteinander zusammenarbeitende Zentren verteilt sei. Milbank macht dabei den bemerkenswerten Hinweis, dass diese Zusammenschlüsse mindestens so sehr Einheiten der Tätigkeit wie der Örtlichkeit seien. Mit anderen Worten: Nicht nur räumliche Gemeinschaften wie Städte, Kreise und (Bundes)Länder, sondern auch Leistungsgemeinschaften erbringen einen Beitrag zum Gemeinwohl und verdienen daher politische Anerkennung und Repräsentation. Ohne den Begriff zu verwenden – er spricht stattdessen – seiner generellen politischen Linksorientierung folgend – von Gildensozialismus, kooperativem Sozialismus oder Korporativismus – plädiert Milbank hier also für die leistungsgemeinschaftliche Ordnung als Erfordernis katholischer Soziallehre, wenn man nur das Subsidiaritäts- wie das Solidaritätsprinzip in all ihren Implikationen ernst nehme.
Ganzheitliches Denken
Wo dagegen die Leistungsgemeinschaften – um bei diesem Begriff zu bleiben – nicht als natürlicher Bestandteil der Regierung eines Gemeinwesens anerkannt würden, verschwände die politische Rolle der Wirtschaft nicht einfach, sondern nähme, so Milbank, eine bastardisierte und finstere Form an. So seien auch die heutigen liberal-demokratischen Staaten kein Musterbeispiel freier, durch Wettbewerb charakterisierter Märkte, sondern viel eher gekennzeichnet durch die eigennützige politische Einflussnahme großer Konzerne.
Vor diesem Hintergrund kritisiert Milbank auch explizit die Christdemokratie. Deren voranschreitende Übernahme des Neoliberalismus sei kein Bruch mit, sondern stehe gerade in der Tradition eines modernen Autoritarismus, während sie zugleich von Anfang an einen zu etatistisch geprägten Korporativismus vertreten habe und dabei das – gerade auch geistliche – Wohlergehen der Menschen zu sehr auf den familiären Bereich beschränkt hätte.
Die soziale Liebe
Demgegenüber hält Milbank mit Verweis auf Caritas in Veritate von Benedikt XVI. fest, dass die Unentgeltlichkeit und das Geschenk als Ausdrucksformen der Liebe nicht nur in der Zivilgesellschaft, sondern auch in der ökonomischen und politischen Sphäre fest verankert werden müssen, da die Alternative – beide als von Prinzip her bar jeder Liebe für unerlöst und unerlösbar zu erklären – aus christlicher Perspektive unannehmbar sei.
Die Strukturen der liberalen Demokratie würden das Geschenk demgegenüber sowohl politisch als auch sozial als überflüssig ansehen. Das Geschenk sei einerseits zu hierarchisch, insofern es eine Hierarchie zwischen Geber und Empfänger begründe, und andererseits zugleich zu kooperativ und demokratisch. Die Ersetzung der Stände durch den modernen Staat finde daher folgerichtig seine Vollendung in der Beseitigung der Familie als dem auf unentgeltlicher Großzügigkeit basierenden Vermittler zwischen dem sich selbst erfindenden Individuum einer- sowie Staat und Markt andererseits.
Die katholische Präferenz für Imperien
Schließlich erinnert Milbank an die alte, katholische Präferenz für Imperien mit ihrer föderativen und korporativen Gestaltung im Unterschied zur Anfälligkeit des Nationalstaates für einen Rückfall in einen heidnischen Götzendienst.
Milbank weist darauf hin, dass auch mit dem 2. Vatikanischen Konzil die Kirche weder die vollständige Trennung von Staat und Kirche akzeptiert habe noch die Privatisierung der Religion oder ein Recht auf Religionsfreiheit losgelöst von einer Hinordnung des Menschen auf die Wahrheit. Ja selbst in den Enzykliken der Päpste würde der Begriff „politische Gemeinschaft“ gegenüber dem modernen des „Staates“ bevorzugt.
Liberale Demokratie und ihre Defizite
Milbank schlussfolgert aus all dem, dass die katholische Christenheit die liberale Demokratie – mit ihrer Negation einer Politik der Tugend im Allgemeinen und der Liebe im Besonderen, ihrer Fixierung auf das Duopol von Staat und Markt sowie ihrer damit einhergehenden Nichtberücksichtigung der Leistungsgemeinschaften und Bekämpfung der Familie – nicht als ausreichend und religionsfördernd betrachten könne.
Angesichts der Gefahr eines heraufziehenden wissenschaftlichen Korporativismus – eines Systems also, das den Menschen auf seine technische Form- und ökonomische Verwertbarkeit reduziert – plädiert Milbank gegen Ende für eine geistlich-korporative Vision, die für ihn eine neue, demokratischere Version einer Ständegesellschaft sowie die Anerkennung der politischen und spirituellen Dimension der Arbeit beinhaltet.
Sascha Vetterle (BW), Institut für ganzheitliche Ökologie