Prof. Michael Wladika vertritt in seinem Vortrag die These, dass Platon häufig missverstanden wird. Oft wird er vor allem als politischer Philosoph, Tugendethiker oder Naturphilosoph gelesen. Tatsächlich steht jedoch die Frage nach den letzten Grundlagen der Wirklichkeit im Mittelpunkt seines Denkens.
Metaphysik bedeutet dabei den Versuch, letzte Fragen rein rational zu beantworten. Dazu gehören Fragen nach Gott, nach dem Ursprung der Welt, nach dem Sinn des Ganzen und nach der Stellung des Menschen in der Wirklichkeit. Einzelwissenschaften können solche Fragen nicht beantworten, weil sie immer nur Teilbereiche behandeln. Metaphysik dagegen sucht nach dem letzten Grund aller Dinge.
Platon erscheint somit als ein radikaler Ursprungsdenker. Er versucht, die Wirklichkeit als Ganzes vom höchsten Prinzip her zu verstehen. Gleichzeitig wird seine enorme Bedeutung für die abendländische Geistesgeschichte hervorgehoben. Kaum ein anderer Denker hat Europa ähnlich stark geprägt.
- Das Eine als Ursprung aller Wirklichkeit
Im ersten Hauptteil steht die Lehre vom Einen im Mittelpunkt. Platon wird als Ursprungsdenker dargestellt, der alles von seinem letzten Grund her erklären möchte. Das höchste Prinzip aller Wirklichkeit ist das Eine.
Dabei wird betont, dass Platons Philosophie nicht einfach auf eine „Ideenlehre“ reduziert werden darf. Zwar spielen die Ideen eine zentrale Rolle, doch sie selbst sind dem Einen untergeordnet. Das eigentliche Zentrum von Platons Denken ist die Einheit als Ursprung aller Dinge. Auch antike Autoren berichten, dass Platon das Eine beziehungsweise das Gute als höchste Wirklichkeit verstand.
Das Eine besitzt eine besondere Stellung, weil jeder Gedanke bereits Einheit voraussetzt. Alles, was gedacht werden kann, muss in irgendeiner Weise „eins“ sein. Ein völlig einheitsloses Denken oder Sein wäre unmöglich. Deshalb gilt das Eine als der fundamentalste aller Gedanken.
Gleichzeitig steht das Eine über allem Seienden. Es liegt „jenseits des Seins“. Das bedeutet, dass das Eine nicht bloß ein Gegenstand unter anderen ist, sondern die Voraussetzung dafür bildet, dass überhaupt Sein existiert. Das Eine transzendiert alle Dinge und ist Ursprung von Ordnung, Sinn und Einheit.
Das Eine wird zugleich mit dem Guten verbunden. Das Gute schafft Ordnung und Harmonie. Daraus ergibt sich auch eine ethische Konsequenz: Der Mensch sollte möglichst einheitlich und geordnet leben. Einheit bedeutet Nähe zur höchsten Wirklichkeit, während Zersplitterung und Chaos Entfernung vom Guten darstellen.
- Der Logos als Ordnung des Seins
Im zweiten Hauptteil geht es um Platons Ontologie und den Begriff des Logos. Logos bedeutet dabei nicht nur Sprache oder Vernunft, sondern auch Struktur, Ordnung und Sinn. Logos und Sein gehören eng zusammen.
Ausgangspunkt ist das menschliche Denken. Denken bedeutet immer, Begriffe miteinander zu verbinden und voneinander zu unterscheiden. Jede Erkenntnis beruht auf Synthese und Differenzierung.
Diese Struktur des Denkens verweist auf die Struktur der Wirklichkeit selbst. Denken ist immer Denken von etwas. Deshalb muss die Wirklichkeit bereits geordnet und strukturiert sein. Wäre das Sein vollkommen chaotisch, wäre Erkenntnis unmöglich.
Der objektive Charakter der Ideen: Ein wichtiger Teil des Vortrags beschäftigt sich mit dem Ideenbegriff. Moderne Vorstellungen verstehen Ideen häufig als bloße Vorstellungen im Kopf. Bei Platon sind Ideen jedoch objektive Formen der Wirklichkeit.
Die Idee eines Baumes ist nicht bloß ein subjektives Bild, sondern die allgemeine Form, die allen konkreten Bäumen zugrunde liegt. Dasselbe gilt für Begriffe wie Gleichheit oder Lebewesen. Ideen sind Universalien, also allgemeine Strukturen des Seins.
Besonders hervorgehoben wird, dass Platon als erster Denker konsequent zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen unterschied. Diese Entdeckung des Allgemeinen gilt als eine der bedeutendsten Leistungen der Philosophiegeschichte. Ohne allgemeine Begriffe wäre Erkenntnis unmöglich, weil Denken und Wirklichkeit vollständig voneinander getrennt wären.
Die gesamte Wirklichkeit wird als von Ideen durchdrungen verstanden. Alles Sein besitzt Struktur und Ordnung. Die Wirklichkeit ist hierarchisch aufgebaut: Je stärker etwas an Einheit teilhat, desto höher steht es.
Die höchsten Ebenen des Seins werden von den höchsten Ideen bestimmt. Wo Logos vollkommen verwirklicht ist, entsteht Geist und Selbstdurchsichtigkeit des Seins. Deshalb erscheint die Welt grundsätzlich als vernünftig geordnet.
- Das Problem des Bösen
Im dritten Hauptteil wird die Problematik des Bösen behandelt. Hier zeigt sich zugleich die Grenze der platonischen Philosophie. Während die höheren Ebenen der Wirklichkeit überzeugend erklärt werden, bleiben Materie, Bewegung und Individualität problematisch.
Wenn das höchste Prinzip das Eine und das Gute ist, dann erscheint das Böse als das Einheitsfernste. Das Gute stiftet Ordnung, das Böse dagegen Verwirrung und Auflösung. Dies wird mit Hölderlins Ausdruck der „uralten Verwirrung“ verbunden.
Obwohl das Gute die Welt ordnet, bleibt ein Bereich der Unordnung bestehen. Es ist von Schicksal, einem Verhängnis oder einem bösen Dämon die Rede. Diese Kräfte stehen für Gesetzlosigkeit und Sinnverlust.
Vor allem Materie und Bewegung erscheinen als unvollkommen und instabil. Bewegung besitzt etwas Provisorisches und Unbestimmtes. Deshalb entwickelt Platon die Vorstellung eines chaotischen Bewegungsprinzips oder einer „bösen Weltseele“, die immer wieder Unordnung hervorbringt.
Diese Unordnung betrifft nicht nur den Menschen, sondern sogar den gesamten Kosmos. Es ist von „schlimmen und ungerechten Dingen“ die Rede, die sich am Himmel ereignen. Das Böse besitzt somit kosmische Dimensionen.
Die entscheidende Frage lautet schließlich, warum sich die niederen Ebenen der Wirklichkeit überhaupt verselbständigen, wenn doch das Eine alles ordnet. Die Grenze des Platonismus liegt darin, dass zwar eine umfassende Ordnung gedacht wird, die niedere Wirklichkeit jedoch nicht endgültig erlöst oder gerechtfertigt erscheint.
Die materielle und individuelle Wirklichkeit bleibt problematisch. Sie wird zwar geordnet, aber nicht wirklich erlöst. Deshalb bleibt innerhalb des Platonismus eine starke Erlösungsbedürftigkeit bestehen.
Am Ende wird angedeutet, dass das Christentum hier einen entscheidenden Unterschied einführt. Während Platon vor allem Reinigung und Aufstieg aus der Vielheit kennt, bringt das Christentum die Vorstellung eines Erlösers ein, der auch das Untergeordnete rechtfertigt und erlöst. Dennoch lassen sich in Platons Denken bereits gewisse Vorahnungen dieses Gedankens erkennen.
- Schlussbewertung
Zum Abschluss hebt Prof. Michael Wladika noch einmal die außergewöhnliche Bedeutung Platons hervor. Trotz der aufgezeigten Probleme und Grenzen bleibt Platon für ihn der stärkste Denker der abendländischen Tradition. Seine Philosophie habe die europäische Geistesgeschichte wie kaum ein anderes Denken geprägt und zeichne sich durch eine enorme intellektuelle Tiefe aus. Gerade die Tatsache, dass Platon selbst die ungelösten Probleme von Vielheit, Materie und Bösem so klar erkennt, zeige die Größe seines Denkens.