In seinem Vortrag auf unserer Jahreskonferenz in Wien widmete sich Prof. Thomas Stark den Grundlagen des Politischen bei Platon. Er vertrat die Auffassung, dass der Begriff des Politischen in der abendländischen Philosophie wesentlich durch Platons Denken geprägt und fundiert wurde.
Zu Beginn zeichnete Stark die Entstehung der griechischen Philosophie als Reaktion auf eine kulturelle Krise nach. Durch den Kontakt mit fremden Kulturen verloren traditionelle mythische Deutungen ihre Selbstverständlichkeit, sodass neue Formen der Begründung erforderlich wurden. Die Philosophie entstand als rationale Suche nach Wahrheit und führte zur grundlegenden Unterscheidung zwischen bloßer Meinung (Doxa) und gesicherter Erkenntnis (Episteme).
Der unveränderliche Wesenskern der Dinge
Den Kern von Platons Denken sah Stark in der Ideenlehre. Diese löse den Gegensatz zwischen der Lehre des Parmenides von der Unveränderlichkeit des Seins und Heraklits Vorstellung eines ständigen Wandels. Nach Platon besäßen die Dinge einen unveränderlichen Wesenskern – die Idee –, während ihre Erscheinungsformen dem Wandel unterlägen. Dadurch würden Beständigkeit und Veränderung miteinander vereinbar.
Aus dieser Lehre entwickelte Stark die zentrale Einsicht, dass Sein und Bedeutung nicht voneinander getrennt werden könnten. Die Welt sei nach Platon kein Chaos, sondern ein geordneter Kosmos, dessen Struktur durch Vernunft erkannt werden könne. Diese Ordnung werde durch den Logos getragen und letztlich von der Idee des Guten bestimmt. Im politischen Bereich erscheine das Gute als Gerechtigkeit. Gerecht sei, was dem Wesen einer Sache entspreche; die Erkenntnis dessen sei Aufgabe der Philosophie.
Politik ist mehr als Kampf um Macht
Daraus ergab sich für Stark ein spezifisches Verständnis des Politischen. Politik dürfe weder auf bloßer Macht noch auf Mehrheitsmeinungen beruhen, sondern müsse sich an Wahrheit, Vernunft und dem Guten orientieren. Macht und Konsens seien notwendige Elemente jeder politischen Ordnung, erhielten ihre Legitimität jedoch erst durch ihre Ausrichtung auf die objektive Ordnung der Wirklichkeit. Die Frage nach dem Gerechten und nach der richtigen politischen Ordnung könne daher letztlich nur philosophisch beantwortet werden.
Im Blick auf Platons Staatslehre hob Stark die Bedeutung von Arbeitsteilung, gesellschaftlicher Ordnung und der Herrschaft der Vernunft hervor. Das Prinzip der Ideopragie verlange, dass jeder Mensch jene Aufgaben erfülle, die seinen Fähigkeiten entsprächen. Die bekannte Figur des Philosophenkönigs verstand er nicht als Herrschaft akademischer Philosophen, sondern als Ausdruck der Forderung, politisches Handeln an philosophischer Vernunft auszurichten.
Die Ermöglichung des guten Lebens
Abschließend betonte Stark, dass die Aufgabe des Staates nicht allein in der Sicherung der Gerechtigkeit bestehe, sondern auch in der Ermöglichung eines guten Lebens. Dabei griff er auf die katholische Soziallehre zurück und argumentierte, dass die eigentliche Sorge um das geistige Wohl des Menschen nicht dem Staat, sondern der Kirche zukomme. Der Vortrag endete mit der These, dass ein Staat nur dann dem Volk wirklich dienen könne, wenn er auch Gott diene. Darin sah Stark die Vollendung jener Tradition politischer Philosophie, die mit Platon ihren Ausgang genommen habe.