„Dieses Hemd ist weiß!“, sagt der eine, „dieses Hemd ist blau!“, ein anderer. Wenn das Hemd weiß-blau gestreift ist, haben beide recht. So betrachtet ist es nur auf den ersten Blick völlig unlogisch, die politische Einstellung Hermann Hellers als rechts und links zu bezeichnen. Die Aussage wird klarer, wenn man die notwendigen Differenzierungen vornimmt. Heller war „links“ hinsichtlich sozialer und wirtschaftlicher Fragen, „rechts“ hinsichtlich der Werte und der Kultur. Nachfolgender Beitrag befasst sich mit dem politischen Denken des Staatsrechtlers und SPD-Politikers Hermann Heller (1891-1933).
Ein Sozialist, der von marxistischen Grundüberzeugungen abweicht
Heller bezeichnete sich selbst als Sozialisten und muss zunächst als solcher ernst genommen werden. Er teilte die marxistischen Analysen weitgehend und war Anhänger von Klassenkampftheorien. Andererseits brach er an zentralen Stellen grundlegend mit der sozialistischen Ideologie: Für Heller war der Mensch keine „tabula rasa“, kein bloßes Produkt sozialer Verhältnisse. Für ihn besaß der Mensch eine Natur, die den sozioökonomischen Prägungen vorausliegt und an der jede vernünftige Politik Maß zu nehmen hat. Völker und Nationen waren für ihn keine abstrakten Begriffe, keine Übergangsstadien zu einem „entwurzelten Kosmopolitismus“ (Stalin), sondern die natürlichen und bleibenden Lebensräume für den Menschen.
Heller sah die Rolle des Staates nicht in der eines quasi allmächtigen Leviathans. Er war überzeugt, dass die Politik allein den Menschen nicht glücklich machen oder erlösen könne. Erlösung erwartete er sich von der Religion, nicht von politischen Programmen. Heller – selbst jüdischer Herkunft und Agnostiker – sah im Christentum einen Rettungsanker gegenüber modernen Tendenzen zur Staatsvergötzung. Insgesamt vertrat er eine Form des Sozialismus, die im Kern nicht christenfeindlich gewesen ist, sondern im Gegenteil das Christentum als zentrales Element in den Staat integrieren wollte.
Mit den skizzierten Grundüberzeugungen ist er ein Autor, dessen Werk gegenwärtig aus patriotischer und christlicher Sicht neu erschlossen werden kann. Für heutige Linke dürfte es hingegen ungenießbar sein. In seinem Buch „Sozialismus und Nation“ gibt Heller einen tiefen und zugleich prägnanten Einblick in seine politischen Vorstellungen. Anders als bei heutigen Linkskonservativen (Sahra Wagenknecht ist die prominenteste Vertreterin dieser Richtung), deren Bekenntnisse zu Nation und Kultur oft blutleer bleiben, legt Heller in diesem Werk seine kulturpolitischen Vorstellungen sehr deutlich dar. Im Folgenden möchte ich dabei auf einige Aspekte eingehen, die mir bemerkenswert erscheinen.
Sozialismus und Nation? – ein klares Bekenntnis zur Identität
„Nicht mit einem Gedanken ist erwogen worden, daß wie der Mensch, so auch die Nation eine Seele hat und daß am letzten Ende bei Individuen wie bei Nationen diese Seele das allein wertvolle ist.“1
Diesen Satz von Paul de Lagarde zitiert Hermann Heller am Beginn seiner Überlegungen zur Nation.
Die Analogie von Mensch und Staat (bzw. Nation) ist jedoch uralt und lässt sich bereits bei Platon klar nachweisen. Der Gedanke, dass der Staat so etwas wie eine Seele hat, ist für jedes traditionelle Staatsverständnis von absolut konstitutiver Bedeutung. Anders als Linke heute weis machen wollen, sind Staaten keine willkürlichen juristischen Konstrukte. Sie haben eine Seele, man kann auch sagen einen Wesenskern und behalten deshalb durch die Zeit hindurch, trotz äußerer Wandlungen, Grenzverschiebungen usw. ihre Identität. Staaten sind deshalb wie Menschen Subjekte – und das nicht nur in einem juristischen, sondern auch in einem philosophischen Sinn.
Entscheidend ist nun aber die Frage, was die Seele des Staates eigentlich ausmacht. Wodurch entsteht sie? Die Seele des Staates bilden seine Bürger in ihrem historischen und gemeinschaftlichen Gepräge. Dieses eigentümliche Gepräge entwickelt sich, wie Heller ausführt, aus zwei Faktoren genauer heraus:
„Die wichtigsten naturhaften Bindungen, welche die Menschen ohne ihr Zutun zusammenführen und von anderen absondern sind das Blut und der Boden, die Abstammung und die Landschaft. Beide bilden die natürlichen Grundlagen der Nation.“2
Nach Hellers Ansicht fußt also die Nation auf den beiden Faktoren „Blut und Boden“. Durch ihre historische Belastung klingt diese Formel heute sehr martialisch, sie beschreibt jedoch eine klare Realität – auch des heutigen – Staatsbürgerrechts. Staatsangehörigkeit lässt sich nur an Blut (ius sanguinis) oder Boden (ius solis) festmachen. Darüber hinaus existieren keine weiteren logischen Möglichkeiten. Einfacher gesagt: Wer in einem bestimmten Land noch nie gelebt und auch keine Vorfahren hat, kann sicher kein Angehöriger dieses Landes sein. Darüber dürfte auch heute noch Konsens bestehen.
Die Abstammungsgemeinschaft
Heller verdeutlicht weiter, dass Landschaft und eine gemeinsame genetische Abstammung nicht getrennt voneinander zu sehen, sondern aufs engste miteinander verschränkt sind:
„Die dem Grade nach sehr verschiedene Blutseinheit, welche zu den natürlichen Grundlagen der Nation gehört, entsteht durch Vererbung anthropologischer Merkmale. Es verfestigt sich in einer Geschlechtsgemeinschaft eine körperliche Eigenart, ein Typus, der für das gemeinschaftliche Verhalten zweifellos von großer Bedeutung ist. Diese Verfestigung zum eigenen Typus ist die Voraussetzung eigenartigen leiblich-geistigen Ausdrucks der Gemeinschaft…“
Aus diesen Worten erhellt, dass die Nation ihrem Ursprung nach gerade keine Abstammungsgemeinschaft ist. Die Nationwerdung beginnt bei der Besiedlung eines gemeinsamem Bodens von verschiedenen Menschen. Erst in zweiter Linie und über die Zeit hinweg wird die Nation auch zur Abstammungsgemeinschaft. Diesen Prozess, das enge Wechselspiel zwischen gemeinsamen Boden und Fortpflanzung durch die Zeit, bündelt Heller sodann in dem Begriff „Blutverfestigung“. Gleichzeitig warnt er in diesem Zusammenhang vor einer verengten und ideologisch geprägten Sicht des Begriffs „Rasse“:
„Alle uns bekannten kulturtragenden Völker bestehen aus anthropologisch verschiedenartigen Bestandteilen. Will man das Wort „Rasse“ hier gebrauchen, so muß man sich klar sein, daß damit lediglich eine durch geschichtliche Schicksale aus verschiedenen Bestandteilen durch Wechselheiraten erwachsene Blutverfestigung gemeint sein kann, die in jeder Generation von neuem gelockert, von neuem gemischt und von neuem gefestigt wird.“3
Diese Aussagen beinhalten eine deutliche Absage an biologistische Fehlschlüsse. Wer die Ethnizität der Nation zu starr auffasst, wird sie missverstehen. So etwas wie eine „reine Rasse“ gibt es nicht, das ethnische Element der Nation ist immer im Fluss. Durch ständig neue genetische Rekombinationen gesellen sich zum Gleichbleibenden immer auch gewisse Veränderungen. Der zweite Fehlschluss der damals modernen Rassentheorien besteht laut Heller darin, menschliche Eigenschaften wie Intelligenz, Moralität usw. allein auf eine ethnische Grundlage zurückzuführen. Einen Nachweis hierfür haben die Rassentheorien, so seine Überzeugung, bisher jedoch nicht erbringen können.4
Demgegenüber stellt Heller die mentalitätsprägende Kraft von Boden und Landschaft heraus. Der Mensch wird nicht nur durch seine Abstammung, sondern auch durch die ihn unmittelbar umgebende Natur und die klimatischen Bedingungen massiv beeinflusst. Er schreibt:
„Darüber hinaus üben aber Bodengehalt und Bodengestalt einen geheimnisvollen Einfluß auf den Menschen aus, der mit mechanischen und darwinistischen Methoden kaum meßbar, dem verständigen Blick dennoch eine erstaunliche Übereinstimmung von Landschaft und Mensch zu erkennen gibt. Schließlich ist der Boden in aller Regel eines der wesentlichsten Elemente des historischen Schicksals der Nation. Allein aus der Tatsache, daß ein Volk auf diesen bestimmten und keinen anderen Punkt der Erdoberfläche hingestellt ist, ergibt sich eine nachbarliche Schicksalsgemeinschaft, welche die einzelnen zum Gemeinschaftshandeln der verschiedensten Art zwingt.“5
Fassen wir an dieser Stelle Hellers Gedanken zusammen: Eine gemeinsame Abstammung ist ein zentrales Merkmal der Nation. Dies zu leugnen wäre ahistorisch und falsch. Ebenso fehlgeleitet und falsch wäre es aber, die Abstammung zum einzigen Kriterium für die Nationalität zu machen. Die gemeinsame Blutbande ist ein Grundelement der Nation, ihr Wesen geht darüber jedoch weit hinaus.
Kultur als Identitätskern
„Erst das Zusammenwirken von naturhafter Grundlage mit Kulturleistungen läßt uns einiges vom Wesen der Nation verstehen“6, betont Heller. Die geschilderten Naturanlagen bilden lediglich den Grundstock der Nation, auf dem sodann eine besondere Kultur aufbauen muss. Was aber ist Kultur? Um den Kulturbegriff ranken sich heute viele Missverständnisse. Leider wird nicht selten ein völlig verflachtes Kulturverständnis zugrunde gelegt. Aus einer solchen Perspektive geht es in der Kultur dann oftmals kaum um mehr als Trachtenkleidungen oder kulinarische Eigenheiten. Es kann nicht verwundern, dass Menschen mit dieser Sichtweise von Kultur die Vermischung der Kulturen (Multikultur) als völlig unproblematisch und ausschließlich bereichernd betrachten. Wer könnte schon etwas gegen die Erweiterung von kulinarischen Angeboten haben?
Hermann Hellers Kulturbegriff ist hier allerdings ein wesentlich anderer. Für ihn ist Kultur kein Oberflächenphänomen, sondern das, was einer Nation letztlich die Identität gibt, was sie im Innersten ausmacht, mit einem Wort: ihre Seele. Damit gehört auch Religion und Moral ganz klar zu ihr (nicht umsonst steckt das Wort „Kult“ in Kultur). Erst wenn die natürlichen menschlichen Gegebenheiten durch Kultur gekrönt werden, kann man überhaupt von einem „Vaterland“ sprechen, wie Heller ausführt:
„In der Idee des Vaterlands sind sowohl die Gefühlswerte des Blutbandes, wie der Landschaft enthalten. Es ist aber noch mehr darin, was keineswegs schon gegeben ist: eine eigenartig geistige Gemeinschaft, eine gemeinsame Muttersprache, Gemeinschaft der Sitten und Gebräuche, oft auch gemeinsame Gesetze und Religion, mit einem Wort: ein gemeinsamer Kulturbesitz. Durch diese Kulturgemeinschaft sondert sich eine Nation von der anderen.“7
Wir haben hier einen sehr realistischen Heimatbegriff vor uns. Kultur gibt es nicht im luftleeren Raum, sie muss rückgebunden, „geerdet“ sein durch die Naturanlagen der Nation. Nur durch das enge Zusammenspiel von gemeinsamen Natureigenschaften und gemeinsamer Kultur entsteht ein wirkliches Heimatgefühl. Ein sehr frappanter Aspekt von Hellers Kulturbegriff, der in völligem Kontrast zum modernen steht, ist dabei folgender: Kultur ist nichts, was Völker und Nationen verbindet – sie trennt sie voneinander. Kulturelle Unterschiede sind Unterschiede in wesentlichen Dingen wie Religion, Moral und Lebensweise. Durch die Ortsgebundenheit von Kultur, muss dort, wo verschiedene Kulturen aufeinanderprallen, zwangsläufig ein „Kulturkampf“ entstehen. Kulturen können nur koexistieren, wo eine Kultur zurückweicht, sich anpasst oder unterwirft.
Heutzutage ist oft von „Kulturschaffenden“ die Rede. Diese Wortschöpfung impliziert, dass Kultur nichts Vorgegebenes ist, sich vielmehr als die Summe all dessen darstellt, was Menschen faktisch an Kunst, Musik, Schriftgut etc. produzieren. Auch diese Sicht steht Hellers Kulturvorstellung diametral entgegen. Für ihn ist der Mensch zunächst einmal nicht Schöpfer, sondern Empfänger von Kultur. Der Mensch wird als Glied einer Kette in eine bestimmte Kultur hineingeboren, welche ihn ständig umgibt, prägt und Einfluss nimmt auf seine Identität. Die Kultur ist nicht einfach politische Verfügungsmasse, die man ständig neu aushandeln kann. Stattdessen entwickelt und manifestiert sie sich in sehr langen Zeiträumen:
„Dadurch, dass eine Gruppe durch Jahrhunderte oder Jahrtausende in steter Aufeinanderbezogenheit, in dauernder Wechselwirkung eine gemeinsame Geschichte erlebt, gemeinsame Kulturgestaltungen hervorbringt, welche die nächste Generation in sich aufnimmt, von neuem formt und wieder auf sich zurückwirken läßt, prägt sie ihre nationale Eigenart, bildet sie ihren Nationalcharakter. Nun findet jeder in diese Gemeinschaft Hineingeborene einen festen und wachsenden Bestand von geistigen Lebensbedingungen vor, welchen er einverleibt wird und die er sich einverleibt.“8
Das heißt, den „Menschen an sich“, der sich problemlos in jede neue Kultur und jede neue Nation eingliedern läßt, gibt es nicht. Stattdessen ist die kulturelle Vorprägung für den Menschen konstitutiv, sodass „alle menschlichen Verhaltensweisen ihren nationalen Stempel tragen“9.
Bedenkt man dies alles, den unauflöslichen und tiefgehenden Zusammenhang von Kultur und Nation, wird klar, dass das Nationale keine vorübergehende, angeblich von besseren und aufgeklärteren staatlichen Organisationsformen abzulösende Erscheinungsform sein kann. Nur im nationalen Kontext können Völker überhaupt als Träger von Kultur erhalten bleiben. Für Heller ist absolut klar, dass „die nationale Eigenart eine besondere Ausprägung des Allgemein-Menschlichen, eine einmalige Seinsform und endgültige geistige Lebensform darstellt, eine Gemeinschaft des geistigen Wesens, die leben wird, solange die in ihr vereinigten Menschen überhaupt Kulturträger sein werden.“10
Politik mit realistischer Anthropologie
Wir haben gesehen, dass die Nation ein Gebilde ist, das sich als jahrhundertelang gewachsene Einheit aus ethnischen, historischen, und kulturellen Komponenten zeigt. Menschen, die einer solchen Nation angehören, fühlen sich bewusst oder unbewusst als Kulturträger derselben und mit ihr in schicksalshafter Weise verbunden. Das nationale Element gehört zur Identität eines jeden Einzelnen. Wird eine Nation angegriffen oder unterdrückt, sind die ihr Angehörigen immer unmittelbar betroffen.
Mit Heller halten wir fest, dass es sich bei der Nation um eine „endgültige geistige Lebensform“ handelt. Heutzutage findet jedoch im buchstäblichen Sinn eine Cancel Culture, ein „Kulturabbruch“ statt. Handstrichartig soll die organisch gewachsene Einheit der Nation beendet und durch etwas anderes ersetzt werden. Die Axt wird an die Wurzel gelegt. Vertreter sogenannter Eliten nehmen die eigene Kultur als „Einheitsbraun“, als defizitär und moralisch verwerflich wahr. Durch den Zufluss von Menschenmassen vornehmlich aus dem arabisch-islamischen und afrikanischen Kulturraum soll Abhilfe geschaffen und die einheimische Kultur aufgewertet werden. Es handelt sich hier um hochgradig dysfunktionale utopische Vorstellungen, deren zerstörerische Folgen heute in europäischen „Stadtbildern“ schon mit Händen zu greifen sind.
Linken Utopisten geht es in der Politik nicht um den Menschen, wie er ist, sondern darum, wie er – ihren Vorstellungen nach – sein soll. Unwillkürlich fühlt man sich hier an ein Hegel zugeschriebenes Wort erinnert: „Wenn meine Theorie nicht zur Wirklichkeit passt – umso schlimmer für die Wirklichkeit!“
Heller stellt dem ein realistisches Politikideal gegenüber. Jemand der ein Haus baut, muss das ihm zur Verfügung stehende Material und seine Eigenheiten gut kennen, damit die Sache nicht schief geht. Politik soll sich in Analogie dazu am real existierenden Menschen und an seinen tatsächlichen Bedürfnissen orientieren:
„Der Staat ist ein Ordnungsverband, eine Organisation. Jede Ordnung ist eine bestimmte Ordnung, bestimmt von einem Ordnungsziel, einer Idee und von einem Ordnungsmaterial. Selbst zur Ordnung eines Steinhaufens gehört eine Idee, die ihrerseits nicht willkürlich, sondern bestimmt ist von dem Material; man kann die Steine nicht als Pyramide mit der Spitze nach unten anordnen. Lassen sich schon Steine nur in Übereinstimmung mit dem Material ordnen, so gilt das in unvergleichlich anderem Maße noch für Menschen. Menschliche Ordnungen sind nur möglich in Übereinstimmung mit den Ideen und Interessen der Geordneten. Verschiedene Ideen und Interessen bedeuten notwendig eine Verschiedenheit der Ordnungen.“11
Um im Bild zu bleiben: Die heutigen linksliberalen Gesellschaftsexperimente sind genau der Versuch, eine auf dem Kopf stehende Pyramide zu errichten. Das Projekt wird auf lange Sicht an der Realität scheitern und dass sogar ohne das Zutun von Gegnern. Durch Ersetzungsmigration und den Abbruch der christlich-abendländischen Kulturtradition sägt die etablierte Politik den Ast ab, auf dem sie sitzt. Die Erfahrungen mit dem historischen Kommunismus haben es immer wieder gezeigt: Der Sozialismus war sehr gut darin, bestehende Traditionen zu eliminieren, er konnte aber nie etwas Schönes und Bleibendes an die Stelle setzen. Auch westlichen Linken fiel viel immer wieder das Hässliche und Deprimierende an den sozialistischen Staaten auf.
Die Aussagen Hellers enthalten zudem ein weiteres klares Bekenntnis zum Nationalstaat. Die Verschiedenheit der Nationen macht eine Verschiedenheit der Regierungen und staatlichen Ordnungen notwendig. Da die Regierung zur jeweiligen Nation passen muss, kann man nicht beliebig Nationen unter einem Dach zusammenfassen. Dann erhält man eine Regierung, die letztlich niemandem mehr gerecht wird und in Bürgerkriegszuständen endet.
Heller erkannte, worum es in der Religion wirklich geht
Politik braucht also eine realistische Anthropologie, sie muss den Menschen als kulturelles Wesen ernst nehmen. Wie sieht es aber in diesem Zusammenhang mit der Gretchenfrage, der Religion aus? Wie eingangs erwähnt, bezeichnet sich Heller als „Sozialisten“. Vor diesem Hintergrund wird die Frage besonders virulent. Wer sich einmal etwas mit Theorie und Praxis des Sozialismus auseinandergesetzt hat, dem wird die prinzipielle Religionsfeindlichkeit der Ideologie nicht entgangen sein. Bei sozialistischen Vordenkern wie Proudhon, Lenin oder Trotzki lassen sich eindeutig antichristliche Aussagen nachweisen. Wie hält es Heller also damit?
Für ihn fällt die Frage nach der Religion mit der Frage nach der Aufgabe des Staates überhaupt zusammen. Er kommt diesbezüglich für einen Sozialisten zu sehr ungewöhnlichen Erkenntnissen:
„Nie und nimmer kann die letzte Sehnsucht unserer Seele durch die Politik befriedet werden. Die endgültige Überwindung aller gesellschaftlichen Gegensätze, die Lösung der aufgezeigten Widersprüche ist nur möglich im Religiösen, wo die Lösung als Erlösung erlebt wird. (…) Die letzte Harmonie als unmittelbare Zielsetzung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung ist lediglich das Zeugnis eines unklaren Denkens und eines sentimentalen Fühlens, im ganzen der Ausdruck eines unheroischen Charakters, der, unfähig, den uns als Menschen aufgegebenen ewigen Widerstreit innerlich zu ertragen, diesseitige Lösungen erwartet.“12
Heller zeigt hier sehr gut den quasi-religiösen Charakter des Sozialismus auf. Ideologie tritt an die Stelle der Religion. Von der Ideologie erhofft man sich eine perfekte, widerspruchsfreie Gesellschaft, die, wie wir als Christen wissen, nur im Himmel bestehen kann. Religion wird hier als das dargestellt, was sie tatsächlich ist: Nicht als „Überbau“ der im sozialistischen Staat wie unnötige Schlacke abgestreift wird, sondern als etwas, das den Menschen Sinn und Erlösung bieten soll, mithin bleibende und überzeitliche Bedeutung hat.
Mit seinen Aussagen rückt Heller die Politik wieder an die richtige Stelle. Ihre Aufgabe ist es, das Leben für die Menschen zu erleichtern, es etwas gerechter zu machen und die Lebensumstände zu verbessern, nicht mehr und nicht weniger. Das ist es was Heller meint, wenn er sagt: „Sozialismus ist nicht Aufhebung, sondern Veredelung des Staates.“13
Hat uns „der rote Konservative“ heute noch etwas zu sagen?
Vieles, von dem was Heller in „Sozialismus und Nation“ schrieb, war eine implizite Antwort auf Problemstellungen von linken und rechten politischen Strömungen seiner Zeit. Er saß hier zwischen den Stühlen, wollte zwischen beiden Lagern vermitteln und korrigierend eingreifen. Den Linken stellt er den Wert der Nation vor Augen und machte deutlich, dass es Solidarität nur im Respekt vor gewachsenen Strukturen geben kann. Die Rechten warnte er vor einem kulturauflösenden Kapitalismus, vor der Aufsteigerung von sozialen Gegensätzen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerstören drohen. Heller wollte in seinem Buch berechtigte Anliegen sowohl von linker wie von rechter Seite verbinden. Das Ganze ist ihm in einer Weise gelungen, die nicht gekünstelt, sondern in sich stimmig wirkt. Heller ging es um eine Nation mit Rückgrat, aber ohne jeden Chauvinismus. Unter diesem Nenner wollte er verschiedene politische Strömungen einen.
Das um Ausgleich bemühte, jeden Fanatismus vermeidende Staatskonzept, wie es Heller in „Sozialismus und Nation“ darlegte, stieß sodann auch in christlichen Kreisen auf großes Interesse und Wohlwollen. Insbesondere der ethische Anspruch seiner Staatslehre wurde positiv gewürdigt. Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten und den frühen Tod Hellers blieb die Rezeption von christlicher Seite jedoch in den Anfängen stecken und wurde nach dem Krieg kaum weiter verfolgt (Oswald Nell-Breuning und Ernst Wolfgang Böckenförde gehörten später zu den wenigen, die sich ausdrücklich auf ihn bezogen).
Hellers Darlegungen haben mehr als historische Bedeutung, sie sind im Kern nach wie vor aktuell und decken sich in vielen Punkten mit einer christlichen Sozialethik und rechtskonservativen Standpunkten. Freilich werden sich rechte und christliche Leser an den positiven Bezugnahmen zum Begriff „Sozialismus“ stören. Allerdings ist hier zu fragen, inwiefern jemand, der an zentralen Stellen radikal von der sozialistischen Doktrin abweicht, überhaupt noch als Sozialist bezeichnet werden kann. Auch ist in Anschlag zu bringen, dass „Sozialismus“ definitiv ein Modewort der damaligen Zeit war, auf das sich linke und rechte Kreise gleichermaßen beriefen. Der Begriff hatte sich so zum Teil sehr stark von einer marxistischen Grundlage entfernt. Jedenfalls wird ein unvoreingenommener Leser in „Sozialismus und Nation“ wertvolle und inspirierende Gedanken finden können, die auch heute noch positive Impulse für einen neuen Aufbau des Staates liefern können.
Felix Wachter (Ingolstadt)