Prof. Heinz Theisen eröffnete seinen Vortrag auf unserer diesjährigen Konferenz „Platon und Europa“ mit einer Diagnose der gegenwärtigen Lage Europas. Europa befinde sich in einer tiefen geopolitischen und geistigen Krise und werde sich auf absehbare Zeit weder militärisch noch demographisch aus eigener Kraft behaupten können. Deshalb bleibe die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten unverzichtbar. Diese Schwäche wurzele nach seiner Auffassung vor allem in einem Verlust europäischer Identität. Wer nicht mehr wisse, wer er sei, könne weder seine Interessen noch seine Grenzen bestimmen.
Die Krise europäischer Identität
Europa sei heute geopolitisch überdehnt. Die Europäische Union sei im Osten in einen Krieg mit Russland verstrickt und stehe zugleich im Süden einer Migration gegenüber, die seine Integrationsfähigkeit überfordere. Hinzu kämen Spannungen mit den Vereinigten Staaten, obwohl Europa weiterhin auf deren militärischen Schutz, insbesondere auf den amerikanischen nuklearen Schutzschirm, angewiesen sei. Als eigentliche Ursache dieser Entwicklung identifizierte Theisen den seit den 1990er Jahren vorherrschenden liberalen Universalismus und Globalismus. An die Stelle einer Politik der Selbstbegrenzung sei die Vorstellung eines grenzenlosen Weltbürgertums getreten. Nationale und kulturelle Identitäten seien relativiert worden, wodurch Europa das Eigene moralisch entwertet und legitime Eigeninteressen aus dem Blick verloren habe. Die Folgen seien politische Überforderung, wirtschaftliche Schwächung und ein Verlust staatlicher Handlungsfähigkeit. Demgegenüber verwies Theisen auf den politischen Kurs der neuen amerikanischen Regierung, die wieder ausdrücklich nationale Interessen vertrete und ihre europäischen Verbündeten zu größerer Eigenverantwortung auffordere. Europa müsse deshalb zu seinen kulturellen Grundlagen zurückfinden.
Realismus und der Westen als Zukunftsperspektive
Den gegenwärtigen politischen Wandel deutete Theisen als Reaktion auf das Scheitern globalistischer Konzepte. Den eigentlichen Gegensatz sah er nicht zwischen „links“ und „rechts“, sondern zwischen Utopisten und Realisten. Dauerhafte Veränderungen seien jedoch nur möglich, wenn auch das Bürgertum, die Medien und die Wissenschaft mitgetragen würden. Als Beispiel verwies er auf Ungarn, wo konservative Regierungen langfristig gesellschaftliche Institutionen aufgebaut hätten, um ihre Politik zu stabilisieren.
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war das Konzept eines „Großraums Westen“. Europa könne sich nur gemeinsam mit Nordamerika und weiteren westlichen Partnern behaupten. Ein solcher Großraum müsse kulturell zusammengehören und zugleich auf der Anerkennung anderer Macht- und Kulturräume beruhen. Daraus leitete Theisen eine Ordnungsvorstellung ab, die auf Koexistenz statt auf weltweite Intervention setze.
Christliches Fundament und Erneuerung Europas
Die kulturelle Grundlage einer europäischen Erneuerung sah Theisen im Christentum. Unabhängig vom persönlichen Glauben bilde es die historische Leitkultur Europas. Darüber hinaus betonte er die Bedeutung der Transzendenz: Ohne eine übergeordnete sittliche Ordnung entstünden politische Ersatzreligionen und utopische Ideologien, die an der Wirklichkeit scheiterten.
Abschließend plädierte Theisen nicht für die Auflösung der Europäischen Union, sondern für ihre grundlegende Erneuerung. Europa müsse nach innen die Vielfalt seiner Nationen bewahren, nach außen jedoch geschlossen auftreten und seine Grenzen wirksam schützen. Nur eine Europäische Union, die ihre kulturelle Identität wiederfinde und ihre eigenen Interessen vertrete, könne sich in einer multipolaren Welt behaupten. Ein solcher Wiederaufbau setze jedoch eine langfristige geistige Erneuerung Europas voraus.