Alexander Solschenizyn und Rod Dreher: Nicht mit der Lüge leben!

Alexander Solschenizyn (1918-2008), Dissident der Sowjetunion und Nobelpreisträger

Rod Dreher warnt in seinem Buch „Lebt nicht mit der Lüge!“ vor einem neuen sanften Totalitarismus im Westen und erinnert an die Worte Alexander Solschenizyns. Wir bewegen uns, so Dreher, auf eine totalitäre Zukunft zu, in der „nichts existieren darf, was der herrschenden Ideologie einer Gesellschaft widerspricht“. Bereits jetzt versuche der totalitäre Geist „alle Aspekte des Lebens mit politischem Bewusstsein zu durchdringen“. Dreher zeigt in seinem Buch praktische Strategien des christlichen Widerstands auf.

Eine progressive und zutiefst antichristliche Militanz erobert zunehmend unsere Gesellschaften; eine Militanz, die Papst Benedikt XVI. als „weltweite Diktatur scheinbar humanistischer Ideologien“ bezeichnete, welche Andersdenkende an den Rand dränge. Benedikt nannte dies eine Manifestation der „geistigen Macht des Antichristen“1. Diese spirituelle Macht nimmt konkrete Gestalt an in staatlichen und privaten Institutionen, in Unternehmen, in der Wissenschaft und den Medien sowie in den sich wandelnden Praktiken des Alltagslebens. Sie wird durch beispiellose technologische Möglichkeiten zur Überwachung des Privatlebens gestärkt; man denke etwa an die von der EU geplante Chatkontrolle. Es gibt praktisch keinen Ort mehr, an dem man sich verstecken kann. Diese progressive Militanz, so Dreher, zeige sich in einer Weltanschauung, die von einem marxistischen Verständnis von unterdrückten und unterdrückenden Gruppen sowie dem linken Verständnis, dass das Private auch politisch sei, geprägt sei.

Unsere heutige Situation im Vergleich mit dem real existierenden Sozialismus

Live Not By Lies ist Drehers Versuch, die Ähnlichkeiten zwischen dem kommunistischen Totalitarismus und unserer gegenwärtigen Situation aufzuzeigen. Tatsächlich weist das heutige Leben im Westen verblüffende Parallelen zum Kommunismus der Sowjetzeit auf. Bei seinem Vergleich dieser beiden Kulturen muss Dreher jedoch auch die eklatanten Unterschiede anerkennen. Es sei auch anzuerkennen, dass Menschen im früheren Osten trotz staatlicher Bevormundung und Überwachung Freiheiten lebten, die wir heute kaum mehr kennen.

Dreher führte Gespräche mit Männern und Frauen, die einst unter dem Kommunismus lebten. Der Film Das Leben der anderen schildert eindrücklich die Überwachung durch die Stasi in der DDR. Gezielt „entsorgte“ die Stasi rechtgläubige Priester, während die Leitung von diversen Kirchen mit der herrschenden Linie der kommunistischen Partei konform ging. Dokumente, die vom rumänischen Geheimsdienst Securitate veröffentlicht wurden, zeigten, dass selbst evangelikale und orthodoxe Religionsführer des Landes, die für ihren Widerstand gegen den Kommunismus bekannt waren, auf die eine oder andere Weise vom System kompromittiert worden waren und andere denunziert hatten.

Bevor wir vorschnell urteilen, sollten wir uns vorstellen, wie es ist, in einem totalitären System zu leben, in dem Wahrheit und Lüge so austauschbar geworden sind, dass selbst der leidenschaftlichste Verfechter der Freiheit dem Nebel der Propaganda zum Opfer fallen kann. Die langfristigen Auswirkungen eines Lebens in einer Gesellschaft, in der die Freiheit verloren gegangen ist, dürfen nicht unterschätzt werden.

Das Mitläufertum und seine Verantwortungslosigkeit

Dreher schildert die Mentalität der einfachen Bürger, die „mitmachen, um mitzukommen“ und die Dreher anhand des Beispiels eines Lebensmittelhändlers beschreibt, der in seinem Laden ein Schild mit dem bekannten Slogan aus dem Kommunistischen Manifest aufhängt: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘. „Doch er glaubt nicht daran“, schreibt Dreher:

„Er hängt es in seinem Laden auf, um seine eigene Konformität zu signalisieren. Er möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden.“

Man muss nicht lange suchen, um ähnliche Formen des sozialen Drucks zu erkennen, die bereits heute in unserem Land zu beobachten sind, insbesondere im Hinblick auf die öffentliche Bekundung oder Signalisierung der Unterstützung für Anliegen oder Theorien, an denen viele Bürger insgeheim erhebliche Zweifel hegen. Als Beispiel nennt Dreher die Gender-Theorien, die der Transgender-Bewegung zugrunde liegen und somit den Druck an der Huldigung eines Regenbogens mitzumachen, der nicht der Regenbogen aus der Bibel ist. Man denke aber auch an den Druck auf Unternehmen, während des dekadenten Pride-Monats „Solidarität“ zu demonstrieren.

„Was auch immer dies sein mag, es ist keine exakte Kopie des Lebens in den Ländern des Sowjetblocks mit ihrer Geheimpolizei, ihren Gulags, ihrer strengen Zensur und ihrer materiellen Entbehrung. … Die Tatsache, dass das Leben im Westen im Vergleich zu den Verhältnissen im Sowjetblock nach wie vor so frei und wohlhabend ist, macht uns blind für die wachsende Bedrohung unserer Freiheit. Das und die Art und Weise, wie diejenigen, die uns die Freiheit nehmen, dies mit der Befreiung der Opfer von Unterdrückung begründen.“

Heute haben wir es eher mit einem sanften Totalitarismus zu tun, so Dreher, da die Anzeichen andere seien und die Entwicklung nicht demselben Muster folge. Die entscheidende Frage lautet: Sind wir reif für eine Revolution oder nicht? Woran gleichen wir, an die Gleichheit aller Menschen und an den Fortschritt oder den lieben sowie allmächtigen und gerechten Gott?

Alexander Solschenizyn: Nicht mittun

Der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn veröffentlichte 1974 einen Text, in dem er sich mit der Mindestform des Widerstandes auseinandersetzte, die Menschen in totalitären Systemen wie der Sowjetunion leisten können. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew nannte Solschenizyn in einem Nachruf den „mutigsten Schriftsteller in der gesamten Geschichte Russlands“. Solschenizyn habe „allein gegen das sowjetische Imperium gekämpft“ und letztlich gesiegt.

Totalitäre Systeme beruhen auf unwahren Ideologien und müssen letztlich zusammenbrechen, wenn sich genügend Menschen den staatlich verordneten Lügen verweigern. Der „vernachlässigte, einfachste und zugänglichste Schlüssel zu unserer Befreiung“ bestehe darin, nicht mitzulügen:

„Die Lüge mag alles überzogen haben, die Lüge mag alles beherrschen, doch im kleinsten Bereich werden wir uns dagegen stemmen: Ohne mein Mittun! … Denn wenn die Menschen von der Lüge Abstand nehmen, dann hört sie einfach auf zu existieren.“

Literaturempfehlung:

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» Alexander Solschenizyn: Offener Brief an die sowjetische Führung – hier bestellen

  1. Vgl. Peter Seewald: Papst Benedikt XVI. Ein Leben ↩︎