Prof. David Engels: Die Bedeutung Platons – die Priorität der Transzendenz

Philosopher addressing citizens in an ancient Greek city surrounded by temples
„The safest general characterization of the European philosophical tradition is that it consists of a series of footnotes to Plato.“ (Alfred North Whitehead)

Prof. David Engels widmet sich dem Verhältnis von Platon und dem Abendland und knüpft an das bekannte Diktum von Alfred North Whitehead an, wonach die europäische Philosophiegeschichte eine „Reihe von Fußnoten zu Platon“ sei. Er betont, dass Platons Denken das Abendland vor allem in enger Symbiose mit dem Christentum geprägt hat und dass ein echtes Verständnis Platons die Abkehr von einem modernen Werterelativismus zugunsten der Idee einer Philosophia perennis (ewigen Philosophie) erfordert. Die Christianisierung des Abendlandes sei auch eine „Platonisierung des Abendlandes“ gewesen.

Hauptthesen:

1. Kritik an zeitgeistigen Verkürzungen Platons
  • Der Vortrag wendet sich gegen moderne Dekonstruktionen und ideologische Vereinnahmungen Platons (z. B. Reduktion auf einen vermeintlichen Vorläufer von Totalitarismus, postkoloniale Umdeutungen oder vereinzelte zeitgeistige Lesarten).
  • Platon müsse als Gesamtheit und in seiner metaphysischen Tiefe begriffen werden, nicht als beliebiger „Supermarkt von Ideen“.
2. Geschichtsphilosophische Einordnung

Ausgehend von Oswald Spenglers Kulturmorphologie differenziert der Referent zwischen drei Rezeptionsstufen bzw. „drei Platons“:

  1. Der historische Platon: Verankert in der spätklassischen griechischen Polis-Welt.
  2. Der spätantik-monotheistische Platon: Rezeption durch Neuplatoniker, Kirchenväter und arabische Gelehrte, die sich vor allem auf Kosmologie und Theologie konzentrierten (bei Desinteresse am konkreten politischen Polis-Kontext).
  3. Der abendländische Platon: Prägung der christlichen Mystik des Mittelalters (von Augustinus über Eriugena und die Schule von Chartres bis Nikolaus von Kues) sowie des Renaissance-Humanismus.
3. Metaphysik, Esoterik und Annäherung an die Wahrheit
  • Gegen den epistemischen Relativismus („Relativismusfalle“) verteidigt der Vortrag die Existenz einer absoluten, transzendenten und einen Wahrheit, in der Einheit, Sein, Schönheit und das Gute zusammenfallen (zugänglich über Vernunft und negative Theologie).
  • Entwicklung im Werk Platons: Während die frühen Dialoge noch stark von rationalistischer Begriffsbestimmung geprägt sind, weichen sie im Spätwerk zunehmend der Weisheit des Mythos und Gleichnisses (vergleichbar den Gleichnissen Jesu).
  • Die ungeschriebene Lehre (Prinzipienlehre): Unter Verweis auf die Tübinger Platonschule (u. a. Konrad Gaiser) betont der Vortrag, dass die höchste Erkenntnisstufe nur mündlich an Eingeweihte weitergegeben wurde und enge Berührungspunkte zu orientalisch-pythagoreischen Weisheitslehren und der christlichen Offenbarung aufweist. Die Christianisierung Europas sei daher wesentlich auch eine „Platonisierung des Abendlandes“ gewesen.
4. Die politische Philosophie und die Gegenwartsdiagnose
  • Radikalität der Staatslehre (Politeia): Platons Philosophie der Polis ergibt sich folgerichtig aus seiner Erkenntnislehre: Wahrheit und die rechte Ordnung der Seele lassen sich nicht durch Mehrheitsentscheidungen bestimmen. Zweck des Staates ist nicht primär Wohlstand oder Macht, sondern die Erziehung des Menschen zur Erkenntnis der göttlich-metaphysischen Weltordnung.
  • Historische Parallele zur Spätantike: Platons Erkenntnis über den Niedergang von Verfassungen und das Scheitern des Philosophenkönigs fand Jahrhunderte später bei Cicero in der Idee des Rector Rei Publicae (des ordnenden Staatsmanns in der Krise) eine Fortsetzung – der ideologischen Vorstufe zum augusteischen Prinzipat.
  • Ausblick auf das moderne Abendland: Der Referent schlägt die Brücke zu seiner These vom Niedergang der modernen westlichen Zivilisation (Kulturpessimismus): Ähnlich wie der Übergang von der krisenhaften Römischen Republik zum Prinzipat unter Augustus könnte auch dem heutigen, alternden Abendland eine Phase autoritär-monarchischer Restauration zur Sicherung von Ordnung, Frieden und Überleben bevorstehen.

Sehen Sie hier den vollständigen Vortrag: