Neuveröffentlichung: Der große Reset – Eine verschwörungstheoretische Chiffre?

Seit dem Ende der Anti-Corona-Maßnahmen hört man den Ausdruck „Great Reset“ seltener. Das ist verständlich, kann man doch die Phase der Freiheitseinschränkungen als Verdichtung von Tendenzen sehen, die sich schon seit Jahren abzeichnen: die zunehmende digitale Kontrolle, Vermögensumschichtungen von der Mittelschicht zum Großkapital, die steigende Bedeutung transhumanistischer Ideen und Praxis, die wachsende Entmündigung der Bürger im Rahmen des sogenannten Klimaschutzes und der damit einhergehenden Energiewende. Mit Recht hat man die Konsequenzen dieser globalen Entwicklungen für die Bürger mit den Worten „Verlust der Freiheit“ (Raymond Unger) charakterisiert. Die genannten Tendenzen gehen auch nach 2022 weiter, vielleicht weniger auffällig. Ereignisse wie der Ukraine-Krieg und die Lage in Israel seit Herbst 2023 lenken die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit in eine andere Richtung – zumindest vorerst.

Der vorliegende Sammelband versucht, einige Facetten der Neuen Weltordnung zu beleuchten. Deren zunehmende Wirkmacht reicht weit über institutionelle Antriebskräfte (wie das Weltwirtschaftsforum) hinaus. Herausgeber des Bandes ist der Obmann von Europa Aeterna, Prof. Felix Dirsch. Beiträge enthält er von Mitarbeitern und Freunden von Europa Aeterna wie Prof. Heinz Theisen, sowie Caroline Sommerfeld oder auch Prof. Harald Seubert:

Geleitwort
von Harald Seubert

Der Great Reset, der große Neustart bringt zugleich das Ende einer alten und den Start einer neuen Weltordnung mit sich. Dies verbindet sich mit einem hoch amibitonierten Social Engineering, zugleich einem Human Engineering, einer Neutarierung der Weltordnung. Verbunden werden mit diesem Wort Namen und Institutionen wie das Davoser Weltwirtschaftsforum und dessen wortmächtiger und finanzkräftiger Mentor Klaus Schwab (*1938). Wenn es Beweise bräuchte, warum der Great Reset keineswegs eine trübe Fiktion aus den Hirnen von Verschwörungstheoretikern ist, so liefert sie dieser von dem Politikwissenschaftler und Theologen Felix Dirsch herausgegebene Band in profunder mit multiperspektivischer Darlegungsweise. Eindrucksvoll legen die verschiedenen Autoren aus ihren jeweiligen Fachkompetenzen dar, welche Faktoren sich mit dem Great Reset verbinden.

Der Band beansprucht gerade nicht, eine systematische Darlegung der neuen Ordnung zu liefern. Vielmehr werden Auffächerungen des Topos des Great Reset gegeben wie in einem dunklen Kristall, durch den hindurch dieses Codewort in seinen Facetten zum Leuchten kommt. Dirsch zeigt in seiner souveränen Einleitung, dass die Corona- und Postcorona-Jahre ab 2020 eine tiefreichende Zäsur darstellen. Keineswegs wird bestritten, dass es auch verschwörungsmythologischen Gebrauch bzw. Missbrauch des Schlüsselwortes vom Great Reset gib. Wie meist, ist die Wahrheit von den ideologischen Missbrauchsphänomenen zu unterscheiden. In seinem bemerkenswerten Schlüsselaufsatz zeigt Dirsch, dass die „Datifizierung“ Steuerbarkeit und Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens massiv erhöht
hat. Die Welt ist definitiv aus dem liberalen Gleichgewichtsmodus zu einer ideologisierten One World transformiert worden. Keineswegs ist es ein Zufall, dass die Corona-Pandemie und der Ukrainekrieg in Atem beraubender Geschwindigkeit aufeinander folgen. Sie lassen die „offenen Gesellschaften“ buchstäblich nicht mehr zur Besinnung kommen. Bemerkenswert ist die politische Steuerung. Das menschliche Verhalten soll im Sinn des Behaviorismus gelenkt werden. Berechenbarkeit ist entscheidend. Der „historische Analphabetismus“ (Alfred Heuss) ist eine Voraussetzung dieser großen Transformation. Der homo humanus zumal die Fundierung auf dem christlichen Menschenbild, und der Topos der Ökologie des Menschen, wie ihn Papst Benedikt XVI. in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag im September 2011 entfaltete, können ein Gegengewicht liefern.

Alle Beiträge dieses Bandes sind von einer erfreulichen Nüchternheit und zugleich Wachsamkeit. Sie verlieren sich nicht in apokalyptische Gehetzheit, Besonnenheit und die Suche nach Mitte und Maß ist allenthalben erkennbar. Digitalkonzerne, Big Data ergeben Kumulationen, die ein Weltalter zum Abschluss bringen, das mit Auguste Comte begonnen hat. Klimakrise und Pandemie lassen in einer formierten öffentlichen Debatte offensichtlich keine Widerrede mehr zu. Woher soll sie auch ihre Ressourcen schöpfen? Das globale Projekt neuer Eliten wird von Weltbankiers und deren Macht gelenkt, ein technokratischer Furor verändert die Weltagenda. Heideggers Epochensignum des „Gestell“ kann ebenso wie Carl Schmitts Diagnose des Weltstaats als begriffliche Formulierung dieses neuen Zustands verstanden werden, ohne damit die politische Agenda jener Denker kritiklos zu affirmieren. Eine letzte Generation, die sich selbst so benennt signalisiert einen Zustand, der postrepublikanisch und postdemokratisch ist. Parteien, die einst mit pazifistischem Erkennungszeichen angetreten sind, wie die GRÜNEN oder auch die LIBERALEN der FDP, können offenkundig gar nicht genug Waffenlieferungen fordern. Die Parteien unterscheiden sich nur noch in Details. Eigentlich gruselig wird es, wenn überhaupt kein Widerspruch geduldet wird. Sichtbar wird, dass das „postnationale Paradigma“ längst in eine postdemokratische Sphäre führt.

In einem weiteren Beitrag, der von hoher politisch-analytisch-diagnostischer Kraft zeugt, spricht Dirsch von der Corona-Pandemie, dem Klimaparadigma und dem Transhumanismus, die nicht um ihrer selbst willen, sondern als Mittel zu der Strategie eines undurchlässigen Machtinstrumentariums gebraucht werden. Funktionalismus und keineswegs ein Zweck an sich selbst bestimmen die politische Tagesordnung. Postnationalismus und Posttraditionalismus sind Signaturen dieser neuen Welt. Die „Ruhelose Welt“ wird zu einer sedierten Welt. Die Weltgesellschaft ist eine Gesellschaft jenseits des Politischen. Sucht man die Anthropologie dieser Gesellschaft, so wird keine Perspektive sie treffender bezeichnen als die von Nietzsches „blinzelndem letzten Menschen“. Wolfram Schrems zeigt in pointierter Weise, dass der neue Weltstaat bejahend auch in Dokumente jüngerer päpstlicher Pontifikate Eingang fand. Schrems zieht die Linien scharf.

Utopie und Eschatologie standen seit je in einem Ausschließungsverhältnis. Bis in Pontifikate seit dem Zweiten Vatikanum hinein werden die Linien durchmischt. Schrems Beitrag ist durchaus strittig und über ihn sollte gestritten werden. Dennoch markiert er das Widerlager zum christlichen Selbstverständnis, das Antichristliche, das bis weit in das Zentrum der Weltkirche hineinreicht. Sedisvakantismus wäre eine Konsequenz, die daraus gezogen werden könnte. Ist selbst die Kirche gehetzt, getrieben vom Ende der Zeiten, so bewährt sich die großartige und zugleich schauerliche Vision der Rede des Großinquisitors gegen Christus bei Dostojewski.

Glanzvoll, auch stilistisch ist der Essay der Rechtsintellektuellen Philosophin und Ehefrau von Helmut Lethen, Caroline Sommerfeld. Sie formuliert ihre Diagnose unter dem Blickpunkt eines Denkversuches über den Riss. Selbsterfüllende du selbst zerstörende Prophezeiungen gehen ineinander über. Prima facie scheint sich hier ein Defaitismus zu zeigen. Doch Sommerfeld fragt völlig zu Recht, ob nicht jene Kategorien ebenso wie ein Praktizismus und Aktionismus selbst eindeutig unter der Komplexität der gegenwärtigen Lage liegt. Heidegger sprach von der „Not der Notlosigkeit“, die Nietzsches letztem Menschen kongenial sei. Sommerfeld würde allerdings nicht, wie Heidegger in seinem SPIEGEL-Gespräch (1966, veröffentlicht 1976) sagen: „Nur noch ein Gott kann uns retten“. Es ist der offenbarte und bezeugte Gott. Sommerfeld, die Kant-Kennerin, vertraut dem einen wahren Gott, der den Christen von allen Mächten dieser Welt unabhängig macht und ihm die wahrhafte Freimut, Parrhesia verleiht: Eine starke gegenläufige Stimme zu den Weltutopien und Komplizenschaften mit Gewalt.

Man sollte nicht verkennen, dass auch der fast 95-jährige Jürgen Habermas gemäß der Darlegung seines Biographen Philipp Felsch die lebenslange programmatische Erwartung an eine „kommunikative republikanische Vernunft“ preisgegeben hat. Daniel Zöllner spricht von der moder-postmodernen, meta modernen „Sucht nach Einheit“ im Weltalter des Great Reset. Zu Recht bringt er dabei das Hauptwerk Henrich Rombachs Substanz, System, Struktur (1966) zur Geltung. Die umfassende Durchleuchtung der Gegenwart zeigt eine Blindheit und Ausblendung von Differenzen. Heinrich Rombach setzte an die Stelle der Gadamerschen Hermeneutik des „Vorgriffs auf Vollkommenheit“ die Hermetik, die Tiefenwelten und stimmen. Es spricht sehr für diesen Band, dass nicht nur Kritik und Polemik auf die gegenwärtige Weltlage angewendet werden, sondern philosophische Tiefenanalyse. Kunst der Unterscheidung rettet die menschliche Vernunft.

Der Wirtschaftspublizist Ulrich Horstmann entwirft wortmächtig das dystopische Szenarium des Jahres 2084. Ein Arzt in Unfreiheit und ein Jurist in Freiheit sind die Phänotypen, die einander hier gegenübergestellt werden. Das Profil einer Diktatur 2.0 erscheint in sehr realen Projektionen. Handelsfreiheit hängt eng mit politischer Freiheit zusammen. Es kommt buchstäblich zu einem Endkampf zwischen Freiheit und Unfreiheit; Tertium non datur ein drittes gibt es nicht. Horstmann wagt mit kraftvollem Strich einen makroökonomischen Durchblick, wie man ihn seit Max Weber und Ferdinand Tönnies verlernt hat. Man mag manches anders extrapolieren; doch ein solches Wagnis ist mehr als sinnvoll, wenn die Analyse nicht die Weltlage eo ipso verfehlen soll.

Der Politologe Volker Kempf analysiert im Einzelnen Klaus Schwabs Positionen. Schwab muss ernst genommen werden, er sei „mehr als ein politischer Publizist“. Was er plant (die ökonomische Großmacht, die hinter der Agenda steht), ist eine dominierende Potenz, der sich nichts entgegenzustellen wagt und wohl auch keine Chance hätte. Wenn Politiker das kollektiv entpolitisierte Geschehen bestimmen, in deren Diktabuchstäblich, nach einem Zitat des jungen Manfred Riedel über die Ulbricht-Ära „die Phrase in die Phrase verliebt“ ist, wenn Unfähigkeiten dominieren, die vermutlich nicht nur kontingent sind, so spricht manches dafür, dass dies Teil eines großen Plans ist, der die staatlichen und internationalen Agenden verändert.

In einer Zeit, in der politische Parteien immer stärker verwechselbar und immer unartikulierter werden, bedarf es erneut Hölderlins Einsicht, dass „Unterschiedens gut“ sei. Das Niveau der Beiträge ist von durchgehend hohem intellektuellem und auch ethischem Niveau. Es zeigen sich Lücken in der Schweigespirale und Durchlässigkeiten im mainstreamhaft allzu oft Verschwiegenen. Ich habe die Beiträge des Bandes durchaus mit dem bösen Blick des „Advocatus diaboli“ gelesen, wollte Rechtsideologisches finden – und sehe mich vielfach widerlegt und bereichert. Allen Beiträgern, mag ich ihnen mehr oder weniger zustimmen, ist dafür zu danken, dass sie die offene Gesellschaft, die res publica humana verteidigten, wo das Verschweigen wieder einmal einfacher ist. 2008 stellte ich die Festschrift zum achtzigsten Geburtstag von Günter Rohrmoser unter das Luther-Votum: „Tamen. Gegen den Strom“: es könnte auch ein Votum für diesen bemerkenswerten Band sein.

Nürnberg, Basel, Neuchatel April 2024