Wirklichkeitserschließendes Sollen – eine neue Grundlegung der Ethik

Piazza Navona, Rom

Warum das Sollen mehr als eine subjektive Konstruktion ist?

Recktenwalds Buch „Wirklichkeitserschließendes Sollen“ ist eine tiefgehende Reflexion über die Beziehung zwischen Ethik, Erkenntnis und der Struktur der Wirklichkeit. Der Autor entwickelt die These, dass das Sollen nicht bloß eine subjektive Konstruktion oder ein gesellschaftliches Regelwerk darstellt, sondern eine elementare Dimension menschlicher Erkenntnis. Indem er auf klassische Denker wie Kant, Anselm von Canterbury und Robert Spaemann zurückgreift, zeichnet Recktenwald ein Bild des Sollens, das weit über die konventionellen ethischen Diskurse hinausgeht (S. 10–15).

Das Buch gliedert sich in mehrere zentrale Kapitel, die jeweils einen wesentlichen Aspekt dieser These beleuchten:

  • Rehabilitierung moralischer Intuitionen: Im ersten Kapitel setzt sich Recktenwald mit der modernen Skepsis gegenüber moralischer Intuition auseinander. Er argumentiert, dass es grundlegende moralische Einsichten gibt, die nicht erst durch rationale Reflexion konstruiert werden, sondern in unserer Erfahrung unmittelbar evident sind (S. 20–28). Er zieht dabei Parallelen zu Robert Spaemanns Philosophie, die betont, dass die moralische Intuition oft vor der begrifflichen Reflexion liegt.
  • Der Mensch zwischen Naturalismus und Konstruktivismus: Recktenwald analysiert die konkurrierenden philosophischen Strömungen des Naturalismus und des Konstruktivismus. Während der Naturalismus versucht, moralische Begriffe auf biologische oder psychologische Mechanismen zu reduzieren, betrachtet der Konstruktivismus das Sollen als reine gesellschaftliche Vereinbarung (S. 35–47). Beide Ansätze erweisen sich laut Recktenwald als unzureichend, da sie den objektiven Charakter des Sollens verkennen.
  • Das Sollen als Zugang zur Wirklichkeit: In diesem zentralen Kapitel entwickelt der Autor seine eigene Position: Das Sollen ist nicht bloß eine ethische Norm, sondern eine Erkenntnisweise. Es erschließt uns eine Realität, die über das bloße Faktische hinausgeht (S. 60–75). Hier greift er auf Kant zurück, dessen „Sittengesetz“ als ein Wegweiser zur intelligiblen Welt fungiert, aber über Kant hinausgehend argumentiert er, dass das Sollen nicht nur ein regulativer, sondern ein wirklichkeitserschließender Grundsatz ist.

Alternative Begründungsversuche von Moral

Das Dilemma der nachmetaphysischen Vernunft: Recktenwald nimmt eine kritische Analyse der „nachmetaphysischen Vernunft“ vor, wie sie von Jürgen Habermas entwickelt wurde. Er zeigt, dass Habermas‘ Versuche, Moral und Rationalität ohne Bezug auf eine objektive Wirklichkeit zu begründen, in sich widersprüchlich bleiben (S. 90–105). Ohne eine überindividuelle, objektive Basis bleibt jede Moral letztlich nur eine soziale Konvention.

Joseph Ratzingers Gottesbeweis und die Einheit von Glaube und Vernunft: Dieses Kapitel hebt sich durch seine theologische Dimension hervor. Recktenwald argumentiert, dass Ratzingers Denken eine tiefgehende Alternative zu den postmodernen Dekonstruktionen moralischer Normen bietet. Die Verbindung von Vernunft und Glaube ist für ihn entscheidend, um das Sollen nicht im Relativismus aufzulösen (S. 110–120).

Erkennen oder Lieben?

Erkennen oder Lieben? Die Vollendung des Menschen: Hier stellt der Autor die klassische Frage nach der höchsten Bestimmung des Menschen. Ist es das Wissen oder die Liebe? In Anlehnung an Anselm von Canterbury argumentiert Recktenwald, dass die Erkenntnis des Guten notwendigerweise in Liebe mündet – eine These, die sich sowohl gegen kalte Rationalismen als auch gegen bloßen Sentimentalismus wendet (S. 130–140).

So überzeugend Recktenwalds Argumentation in vielen Punkten ist, bleibt eine Frage offen: Ist das Sollen tatsächlich eine eigenständige Erkenntnisweise oder doch eher eine Dimension des moralischen Bewusstseins? Während er überzeugend darlegt, dass moralische Intuitionen real sind und nicht auf bloße gesellschaftliche Konstrukte reduziert werden können, bleibt unklar, wie genau das Sollen uns zur Erkenntnis führt (S. 145–150). Inwiefern ist das Sollen mehr als eine subjektive Erfahrung? Hier wäre eine schärfere Unterscheidung zwischen moralischer Erkenntnis und ontologischer Wahrheit vielleicht nützlich gewesen.

Zudem könnte man fragen, ob seine Kritik am Naturalismus nicht zu pauschal gerät. Zwar zeigt er überzeugend, dass der Reduktionismus des Naturalismus nicht ausreicht, um Moral zu erklären, doch wäre es denkbar, dass biologische Grundlagen zumindest eine Rolle in der Entstehung moralischer Normen spielen (S. 155–160). Recktenwald bleibt in seiner Argumentation stark in der klassischen Philosophie verankert, doch eine Einbeziehung moderner Ethikdebatten hätte dem Buch noch mehr analytische Schärfe verliehen, ohne die klassische Lehre notwendigerweise bloßzustellen.

Trotz dieser Kritikpunkte ist Wirklichkeitserschließendes Sollen ein wegweisendes Buch für die philosophische und gesellschaftliche Debatte der Gegenwart. Es setzt sich nicht nur mit ethischen Theorien auseinander, sondern geht an die Wurzeln des westlichen Denkens zurück, um die Bedeutung des Sollens als fundamentale Erkenntnisdimension zu verteidigen. In einer Zeit, in der ethische Normen zunehmend relativiert und moralische Gewissheiten in Frage gestellt werden, liefert Recktenwald ein starkes Argument für die Objektivität moralischer Einsichten (S. 165–175).

Metaphysiche Begründung von Moral

Gerade in philosophischen Strömungen, die jegliche metaphysische Grundlegung von Moral ablehnen, zeigt sich die Relevanz von Recktenwalds Ansatz. Wenn moralische Normen bloß als Konstrukte betrachtet werden, verlieren sie ihre bindende Kraft. Das Buch fordert dazu auf, diese Reduktion zu hinterfragen und das Sollen als eine echte Dimension der Wirklichkeit anzuerkennen.

Besonders für Leser, die sich mit klassischer Philosophie, Ethik und Metaphysik beschäftigen, bietet Wirklichkeitserschließendes Sollen eine wertvolle Perspektive. Es ist eine Herausforderung für jene, die Moral nur als ein gesellschaftliches Konstrukt betrachten, und ein Aufruf, sich der philosophischen und moralischen Verantwortung nicht durch Relativismus zu entziehen.

Ein Buch, das nicht nur gelesen, sondern ernsthaft bedacht werden sollte – besonders von jenen, die nach einer tiefgehenden Verteidigung der moralischen Wirklichkeit suchen.

Engelbert Recktenwalds: Wirklichkeitserschließendes Sollen, Karl-Alber-Verlag