Leo Strauss – ein Denker des Naturrechts gegen die Zeit

Wer war der 1899 geborene deutsch-amerikanische politische Philosoph Leo Strauss? Ein neokonservativer Ideologe, amerikanischer Politikwissenschaftler, jüdischer Denker oder eben in der Selbstwahrnehmung ein politischer Philosoph? Er war ein schulenbildender Gelehrter, der posthum Einfluss auf die amerikanische Politik nahm, jedoch mit zweifelhafter Begründung auf die „Neocons“. Als politischer Philosoph ging es ihn um Grundsätzliches und er fragte dementsprechend nach den Grundlagen des Zusammenlebens, genauer hin nach der Gerechtigkeit und der Legitimität politischer Ordnung. Die Antwort auf diese Fragen, so Strauss, kann nicht von der Politik selbst gefunden werden, sondern nur außerhalb von ihr beantwortet werden.

Die Antworten der bis heute dominierenden und herrschenden modernen Ideologien auf die Fragen nach der politischen Ordnung sind für Strauss nicht ausreichend; sie sind Ursache einer tiefen Krise der Zivilisation. Dieser Mangel führt zu einem Relativismus, der die Standards und Maßstäbe der Politik negiert oder zumindest niedrig setzt. Den Liberalismus macht Strauss überhaupt für den Niedergang der Philosophie verantwortlich. Es gilt die Maßstäbe des richtigen Denkens, die Strauss im sogenannten Naturrechtsdenken meint zu orten, wiederzufinden, d.h. sie sind bei Denkern der Vergangenheit, insbesondere bei Sokrates und Platon und jener Denker, die in dessen Tradition stehen, zu finden. Strauss steht daher für die Rehabilitierung des Wissens der Tradition.

Den vormodernen Horizont wieder erschließen

Es gilt in den Worten Strauss` den „vormodernen Horizont“ wieder zu erschließen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass das antike und auch christliche Denken mehr Verwandtschaft mit den „alten” Denkern anderer Kulturkreise wie jener Indiens oder Chinas aufweist als dem modernen. Doch ist diese Denktradition von diversen modernen Denkströmungen, so Strauss, etwa jener einflussreichen Denker wie Niccolò Machiavelli, Jean-Jacques Rousseau, John Lockes oder Friedrich Nietzsches zu unterscheiden, denen es insbesondere an einem grundlegenden Denken fehlt, das zielorientierte, existentiellen Lebenszwecke des Menschen wie dem guten, sinnvollen Leben und somit auch die Verwirklichung von Tugenden und einer Sittlichkeit umfasst.

Die modernen Denkkategorien beanspruchen das Reale zu sehen und verkennen das Ideale (bzw. einen „Ideenrealismus“) – sie wollten die Rehabilitierung des Natürlichen, doch auf Kosten des Übernatürlichen und somit einer Metaphysik. Doch ist der Kern der klassischen Metaphysik nicht sehr viel mehr als zunächst die essentielle Frage zu stellen: Was ist das gute Leben? Dieser Denkfehler, insbesondere auch bedingt durch den Positivismus, Historismus sowie Nihilismus, macht es schwer, von der Realität der Gesellschaft (mit ihren Idealen) in Distanz zu treten und nicht einem Konventionalismus zu verfallen. Strauss:

„Die Geschichte der Moderne ist die Geschichte des Verschwindens der politischen Philosophie.“

Es bedarf für Leo Strauss eben einer Rehabilitierung der klassischen Metaphysik und somit der politischen Philosophie, um die Gefahr des durch moderne Denkkategorien bedingten Totalitarismus zu bannen.

Die zweite Höhle und der Ausbruch aus ihr

Strauss entwarf eine Leitmetapher: Die moderne Aufklärung, die er von der antiken unterschied, hat nicht „mehr Licht“ gebracht, sondern das Denken in eine „zweite Höhle“, einen Keller unterhalb der platonischen Höhle geführt, aus dem es sich erst wieder in die „erste Höhle“ hinaufarbeiten müsse. In der ersten Höhle befindet sich der Mensch im Zustand einer „natürlichen Ignoranz“, aus der er durch eine richtige Fragestellung befreit werden kann. Diese Fragestellung sieht Strauss überhaupt als die entscheidende in der religiösen Situation der Zeit. Das Bedürfnis, diese Frage nach einem guten, richtigen Leben zu stellen, definiert uns als Menschen. Die Unfähigkeit sie zu stellen, stellt nichts anderes als eine Gefahr für die Menschheit dar. Sie ist immanent eine Frage nach dem Guten im Unterschied zum Bösen. Und es sind nie nur die Macht und Machthaber, die uns die Fragen nach dem Rechten geben.

Eine ideologische Dimension der beschriebenen Problematik ist jene des Liberalismus, der Strauss in Anlehnung an Carl Schmitt zufolge ein „Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen“ darstellt und der Politik ihres Ernstes beraubte. Dies bedeutet nicht, dass es heute weniger Politik gäbe oder dass weniger gestritten würde. Nur worüber gestritten wird und mit welchen Mitteln dies geschieht, ist eben ein grundlegend Anderes als in der Tradition. Man sucht den Boden zu gewinnen, der letztendlich den Frieden „um jeden Preis“ ermöglichen soll. Die Frage ist nur, was verloren geht, wenn die legitime und notwendige Bemühung „um jeden Preis“ erfolgt. Die Moderne versteht den Frieden so, dass um seinetwillen die Zivilisation, die Unterwerfung der Natur, insbesondere der menschlichen Natur, zugunsten der Erleichterung der Lage des Menschen notwendig wird. Dies führt zu einseitigen Einschränkungen des Menschen auf äußerliche Interessen wie Sicherheit und Wohlstand, womit die Menschlichkeit in ihrem Kern bedroht ist, denn dies bedeutet letztendlich die Neutralisierung des moralischen Problems. Im Gefolge dessen ergibt sich die ethische Haltung der Moderne, die schon bei Epikur zu finden ist: der Hedonismus, die Identifizierung des Guten mit dem Angenehmen.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, wie Strauss zur Demokratie stand, nicht zuletzt da er sich selbst als einen „Freund der liberalen Demokratie” bezeichnete. Bei einer genaueren Lektüre des Werkes von Strauss wird klar, dass ein „Freund der liberalen Demokratie” nicht dasselbe ist wie ein „liberaler Demokrat”. Eine liberale Demokratie ist für Strauss eine idealtypische Regierungsform, in der jeder Staatsbürger als Aristokrat oder Edelmann zu erachten sei. In ihr sollte jeder Bürger als citoyen selbstbestimmt über sich selbst und der Staatsmann über das ihm anvertraute Gemeinwesen herrschen. Allerdings erkannte Strauss einen eklatanten Unterschied zwischen der idealtypischen Vorstellung der liberalen Demokratie und der „real existierenden“ modernen Demokratie mit ihrem Egalitarismus. In Anlehnung an Platons Demokratiekritik stellt sich laut Strauss die moderne Demokratie als eine Form der Herrschaft der Massen dar, allerdings nicht in direkter Form, sondern durch die Beherrschung der Menschen durch eine Massenkultur. Eine solche Kultur ist einer ständigen Beeinflussung ausgeliefert und wird durch Marketingtechniken und andere Formen der Werbung und Propaganda manipuliert.

Heilmittel: Paideia

Das „Gegengift“ zur Massenkultur ist eine klassisch-humanistische Bildung im Sinne von Paideia (Englisch: „liberal education”). Hierbei hatte Strauss klare Vorstellungen über die Aufgabe, Rolle und Verantwortung der Philosophie, die zu wahrem Wissen erziehen soll. Der Philosoph soll im platonischen Sinne als Teil der Elite Erzieher für das Volk sein. Diese Philosophen-Elite soll den Herrschern auch beratend zur Seite stehen und in der Öffentlichkeit ethische Prinzipien einfordern und somit zur Erneuerung der Demokratie, der gesellschaftlichen Ordnung sowie der Zivilisation selbst beitragen. Der Philosoph soll, wie Platon ihn in der Politeia beschreibt, die Aufgabe eines Wächters übernehmen.

Für Strauss gibt es Ewigkeitswerte. Die Verneinung ihrer Existenz steht für die zweite Höhle. Dabei ist es neben dem Historismus, der sagt, dass jede Erkenntnis zeitlich bedingt ist und uns die „Alten“ der Vergangenheit nichts zu sagen hätten, auch die Technologie, die einen Schein kreiert. Dies schuf für Strauss eine künstliche Welt und den Irrglauben, wir seien fortschrittlich und wüssten mehr als unsere Vorfahren – ein Hochmut, der noch immer sehr präsent ist. Wenn es nicht gelingt, aus der Höhle auszubrechen, dann „beschreiben wir nicht mehr als die Wände der Höhle“ und würden begangene Fehler wiederholen, anstatt uns Weisheit anzueignen. Strauss’ Plädoyer lautet daher:

„Wir haben die Möglichkeit, die Ursprünge der Tradition frei zu verstehen: wenn wir uns die größte Mühe geben; das heißt: das frei zu verstehen, was immer als mehr oder minder selbstverständlich überliefert worden ist.“