Zum Schulbeginn: Persönlichkeits- und Charakterbildung erfahren aktuell international eine bemerkenswerte Renaissance und werden maßgeblich von führenden Universitäten in England wissenschaftlich vorangetrieben. Eine Pioniereinrichtung ist das Jubilee Centre für Charakter- und Tugendbildung in Birmingham. Auf dessen Initiative wurde die European Character and Virtue Association gegründet, die sich als europäische Plattform für Forschung, Ausbildung und Vernetzung im Bereich der Persönlichkeitsbildung versteht. Es vereint Universitäten, Netzwerke und Einzelpersonen mit dem Ziel der Förderung von Persönlichkeitsbildung im Bildungswesen in Europa.
Psychische Gesundheit und Charakterstärke – Forschungsergebnisse
Um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen steht es derzeit äußerst schlecht. Der Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie hat eine Pressekonferenz zur alarmierenden Datenlage organisiert. Dabei wurden insbesondere Charakterstärken wie Dankbarkeit sowie Persönlichkeitsbildung als wirksame präventive Zugänge hervorgehoben – sie wirken, lassen sich niederschwellig in den Schulalltag integrieren und verursachen kaum zusätzliche Kosten. Lehrkräfte aus Österreich haben ein klares Votum für Persönlichkeitsbildung abgeben (vgl. Studie von Evelyn Kropfreiter). Eine Befragung bestätigt diesen Befund von Elternseite: Auch Eltern wünschen sich eine stärkere Verankerung von Persönlichkeitsbildung im schulischen Alltag.
Das internationale Forschungsprojekt „Teachers’ and Parents’ Perspectives on Character Education in Europe“ mit über 40 beteiligten Wissenschaftlern aus zahlreichen europäischen Ländern hat erste Ergebnisse präsentiert. Im Rahmen der Bildungsinitiative werden in Zukunft Fortbildungen, Vorträge und Summerschools für schulische Führungskräfte organisiert. Sie zeigt, dass Persönlichkeitsbildung europaweit als zentrale Aufgabe von Schulen wahrgenommen werden will, aber oft noch unzureichend strukturiert ist. Besonders im Hinblick auf globale Herausforderungen kann eine gezielte Förderung von Charakterstärken helfen, junge Menschen auf die Zukunft vorzubereiten und damit individuelles und gesellschaftliches „Gedeihen” (flourishing) begünstigen.
Was ist die Tugend? Zur Wiedererinnerung:
Vielleicht muss generell attestieren werden: Wer heute von der Tugend spricht und somit für die Rehabilitierung derselben und deren Notwendigkeit eintritt, muss genau wissen, dass er unzeitgemäß ist und auf Unverständnis und auch Widerwillen bei seinen Zeitgenossen stoßen könnte, wie Friedrich Nietzsche feststellte: „Tugend ist ein Wort bei dem Lehrer und Schüler sich nichts mehr denken können. Ein altmodisches Wort, über das man lächelt und schlimm, wenn man nicht lächelt, denn dann würde man heucheln.“ Doch gerade damit wäre die Tugend das, was sie immer war, nämlich Ausdruck des Widerstandes gegen alle Macht der lebensweltlichen Wirklichkeiten, wie erstaunlicherweise Nietzsche auch erkannte und sprachlich wunderbar ausdrückte:
„Denn rede man von welcher Tugend man wolle, von der Gerechtigkeit, Großmut, Tapferkeit, von der Weisheit und dem Mitleid des Menschen. Überall ist er, der Mensch, dadurch tugendhaft, dass er sich gegen jene blinde Macht der Facta, gegen die Tyrannei des Wirklichen empört und sich Gesetzen unterwirft, die nicht Gesetze jener Geschichtsfluktuationen sind. Er schwimmt immer gegen die geschichtlichen Wellen, sei es, dass er seine Leidenschaften als die nächste dumme Tatsächlichkeit seiner Existenz bekämpft oder dass er sich zur Ehrlichkeit verpflichtet, während die Lüge rings um ihn herum ihre glitzernden Netze spinnt. Glücklicherweise bewahrt die Geschichte aber auch das Gedächtnis an die großen Kämpfer gegen die Geschichte, d.h. gegen die blinde Macht der Wirklichkeiten und stellt sich dadurch selbst an den Pranger, dass sie jene gerade als die eigentlichen historischen Naturen heraushebt, die sich um das ‚So ist es’ wenig kümmern, um vielmehr mit heiterem Stolze ein ‚So soll es sein’ zu folgen.“ (Unzeitgemäße Betrachtungen)
Kämpfer gegen die Geschichte waren insbesondere ein Sokrates oder Christus Jesus und viele ihrer Nachfolger. Sie legten mit ihrem Leben Zeugnis für die Tugend ab. Sie waren standhafte Kämpfer gegen die blinde Macht des Faktischen. Ihr tugendhaftes Handeln war ein großes Trotzdem gegen die falschen Gewohnheiten der Gesellschaft, gegen den Konventionalismus. Diese Menschen konnten tugendhaft leben, weil ihre menschlichen Naturen zur Reife entfaltet waren. In unserer heutigen Sprache: Sie waren Persönlichkeiten. Über die Persönlichkeit sprach Goethe: „Höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit.“ Die Tugend, so können wir sagen, ist eine gute Charaktereigenschaft, eine positive Haltung und Gewohnheit.
Geschichtlicher Entfaltungsprozess
Die alten Griechen verstanden die Tugend zunächst und generell als Tüchtigkeit. Dies ist auch die ursprüngliche Bedeutung des deutschen Wortes Tugend, nämlich: Tauglichkeit. Die areté war ein Ausgezeichnetsein, eine „Bestheit“, eben Tüchtigkeit und Vortrefflichkeit, sie ist eine Tauglichkeit im weitesten Sinne des Wortes. So würde man etwa von der Tauglichkeit in Bezug auf ein gutes Messer oder einen guten Schüler sprechen. Homer sprach von der areté, etwa in Bezugnahme auf einen schnellen Läufer. Die areté ist als ein Gutsein zu übersetzen – ein Gutsein im Tun. Erstmalig findet die Tugend bei Xenophanes von Kolophon, dem Begründer der Schule von Elea, Erwähnung: „Von den Männern ist der zu loben, der nach dem Trunke, Gedächtnis und Stimme für Tugend ihm blühen.“ Bei den Sophisten ist die Tugend als Technik der bestmöglichen Behauptung in einer feindlichen Umwelt bestimmt. Bei Sokrates beginnt ein Prozess der Vergeistigung: Tugend wird im Zusammenhang des sozialen und sittlichen Handelns definiert, als Gesinnung des inneren Menschen, die auf Verwirklichung moralischer Werte ausgerichtet ist.
Für Platon wie für Aristoteles bilden Glück und Tugend eine Einheit. Die Tugend ist das Glück selbst. Es war für Sokrates Gewissheit, dass den tugendhaften Menschen kein Unglück treffen könne. Die glücklich machende Kraft der Tugend könne durch kein Ungemach zerstört werden, so Sokrates: Der tugendhafte Mensch könne alles Leid erfahren, er könne eingekerkert, gefoltert, hingerichtet werden, alles dies vermag ihn nicht zu scheiden vom Glück, das der Tugend entspringt. Denn die Realisierung dieser Tugenden macht die Seele des Menschen gut bzw. harmonisch: „Tugend ist also eine Art Gesundheit, Schönheit, Wohlbehagen der Seele“, so Platon. Der tugendhafte Mensch verdient Achtung und Anerkennung seiner Mitmenschen. Ein solcher Mensch ist der Ehre würdig, worauf auch Aristoteles hinweist: „Denn die Ehre ist der Preis der Tugend und wird nur den Guten zuerkannt.“
Tugend als seelisch-moralische Qualität des Menschen
Mit Thomas von Aquin können wir die Tugend in Anlehnung an Aristoteles folgendermaßen bestimmen: „Tugend ist das, was den Menschen gut macht.“ Lateinisch und knapper: „… quae bonum facit habentem.“ Laut Aristoteles ist die Tugend eine Gewohnheit, in die der Mensch sich einüben soll, sowie auch die Mitte zwischen den beiden falschen Extremen, die durch Unzulänglichkeit und Übermaß charakterisiert sind. Nehmen wir beispielsweise die Tapferkeit. Zu viel Tapferkeit ist Übermut und Leichtsinn, zu wenig Mut ist Feigheit. Nur wenn man das rechte Maß findet, ist Tapferkeit eine Tugend. Genauso ist es bei der Liebe. Liebt man z.B. ein Kind überschwänglich und zeigen wir ihm keine klaren Grenzen, verwöhnen wir es. Geben wir zu wenig Liebe, indem wir zu streng sind, verunsichern wir das Kind und es wird nicht selbstbewusst werden.
In der Heiligen Schrift finden sich mehrere Tugendkataloge ebenso wie mehrere Lasterkataloge. So steht geschrieben: „Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert, darauf seid bedacht.“ (Phil 4,8) Für Augustinus ist die Tugend nichts anderes als die höchste Liebe zu Gott. In den Worten von Joseph Pieper, der meisterhaft die Tugendlehre etwa in seinem Werk Das Viergespann im Sinne des Heiligen Thomas von Aquin ausgelegt hat:
„Tugend ist nicht die gezähmte Ordentlichkeit und Bravheit des Spießbürgers, sondern: Erhöhung der menschlichen Person. Tugend ist die ‚ultimative Verwirklichung‘ des Menschen, das Äußerste dessen, was der Mensch sein kann, sie ist die Erfüllung menschlichen Seinkönnens. Tugend ist die Vollendung des Menschen zu einem Tun, durch das er seine Glückseligkeit verwirklicht. Tugend bedeutet die Unbeirrbarkeit der Richtung des Menschen auf die wahrhafte Verwirklichung seines Wesens das ist: auf das Gute.“ (Das Viergespann)
Als im Dialog Symposion Sokrates’ Freund Agathon aufgefordert wurde, eine Rede zum Preise des Eros zu halten, gliederte er die Tugenden ohne weitere Begründung in vier Haupttugenden, die später als die vier Kardinaltugenden bekannt werden sollten: Klugheit (prudentia), Gerechtigkeit (iustitia), Tapferkeit (fortitudo), Mäßigung (temperantia). Das Christentum, insbesondere im Mittelalter, ergänzte dieses überlieferte Tugendlehre mit Tugenden wie Demut, Nächstenliebe, Hingabe, Wahrhaftigkeit und Treue; letztere steht in innerer Verbindung zum Glauben. Die drei göttlichen, von Gott durch die Gnade ausgegossenen Tugenden sind bekanntermaßen Glaube, Hoffnung und Liebe. Für jedes Seligprechungsverfahren stellt die Kirche den heroischen Tugendgrad des Seligen fest.
Bildungsauftrag zur Tugenderziehung
Für die staatlichen Schule gibt es einen oft vergessenen und verdrängten Bildungsauftrag, der einen impliziten Auftrag zur Tugendbildung enthält. Dieser lautet in Bayern und in Österreich wie folgt:
„Die Schulen (…) sollen Wissen und Können vermitteln sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden. Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt.“
„Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken. (…)“
Dr. Christian Machek (Wien/Flandern)
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Das Mission-Statement von ECVA lautet wie folgt:
„ECVA’s mission is multifaceted, focusing on promoting character virtues education, facilitating engagement among members, and influencing policy decisions. We strive to enhance the visibility of European universities globally in the field of character education and virtues.“
Das Programm der letzten Konferenz finden Sie hier.