Christenlehre: Die Engellehre – von Kraftideen und Himmelsgedanken

„Engel“ leitet sich vom griechischen Wort für Bote, angelos, ab. Engel schützen Menschen in Gefahren.

Zum Engelmonat: Gerd-Klaus Kaltenbrunner und das Geisteswehen der Engel

Vor nunmehr fast 30 Jahren erschien in der, durch ihr Bemühen um geistige Um- und Neuorientierung, hervorgetretenen Graue Edition, ein grandioses Werk. Gerd-Klaus Kaltenbrunner legte sein elitäres Opus magnum, das fast 1400 Seiten umfassende Buch: „Dionysius vom Areopag. Das Unergründliche die Engel und das Eine vor. Der geheimnisumwitterte bis heute nicht identifizierte Areopagita, der um 500 lebte und durch die Schule Plotins gegangen ist, gilt als Ästhetiker unter den Vätern der Kirche. Er kündet den Aufstieg ins Heilige der gestuften Ordnung, der Urwirklichkeit, der himmlischen Hierarchien. Diese Welt ist von engelartigen Geistwesen, einer Art übersinnlicher Instanzen erfüllt.

  • Die erste Hierarchie bilden: Die Seraphim, Cherubim, Throne-thronoi;
  • Die zweite Hierarchie: Herrschaften-kyriótetes, Mächte-dynámeis, Gewalten-exousíai;
  • Die dritte Hierarchie: Fürstentümer-árchai, Erzengel-archángeloi, Engel-ángeloi.

Dionysius nennt die Engel nóes oder auch theioi nóes göttliche Gedanken. Kaltenbrunner verdeutlicht dies wie folgt:

„Menschen haben ihre Gedanken, die Engel aber sind Gedanken, und zwar Gottesgedanken. Als Gedanken Gottes sind sie naturgemäß nicht flüchtige, blasse, unbewusste, kraftlose oder ohnmächtige Gedanken, sondern … Kraftgedanken und Gedankenkräfte schlechthin. Nicht dass sie ‚Boten‘ sind, macht das Wesen der Engel aus, sondern dass sie eksistierende Gedanken, personierende Gedanken aus Gottes Übersein hervorgegangene, herausgetretene, zum Vorschein gekommene ekstatische Kraft-und Lichtgedanken sind.1

Was der Autor bezüglich dieser Myriaden von „Kraftideen“ und „Gottesgedanken“ in farbigen Lyrismen behutsam entfaltet, ist von unvergleichlicher Schönheit. Dabei werden auch Völkerengel, Todesengel, Schwertengel, Racheengel, Würgeengel, pneumatische Kämpfer wie der Archangelus Michael sowie die abgründige Düsternis des Teuflischen beschrieben. Wo aber Dämonen vertrieben wurden, lassen sich die guten Geister, die Schutzengel, nieder. So heißt es in Psalm 90,11: „Seinen Engeln hat er deinetwillen befohlen, dass sie dich beschützen auf allen deinen Wegen“. Ein Mensch, der auf den Schutz seines Engels vertraut, gewinnt die Freiheit dessen, der sich in allen Lebenslagen geborgen weiß. Kaltenbrunner zitiert vielfach Personen, denen Engelerscheinungen zuteil wurden. So auch Mechthild Thaller-von Schönwerth (Ancilla Domini). Sie spricht von einer unendlich großen Anzahl von Schutzengeln und davon, dass jeder derselben seinen Pflegling in die ewige Seligkeit begleiten darf. Nicht nur ihren eigenen Schutzengel schaut sie, sondern Engel verschiedenster Ordnungen. So schreibt sie:

„Der Erzengel der Geduld, hat ein grünes Gewand…seine Schönheit hat etwas Ergreifendes, ich möchte fast sagen etwas Wehmütiges. Wo Gott ihn hinschickt, da kehren Ergebung und Geduld in die Seele ein.“2

Die Vorstellung, dass Engel sich zu den Menschen gesellen ist uralt. Man denke nur an das Buch Tobit und die Rolle des Erzengels Raphael, an Jakobs Kampf mit dem Engel (Gen. 32,24). Es ist Kaltenbrunners besondere Gabe, das metaphysische Gewebe der Welt zu lichten und frühgeschichtliche Themen ohne neuzeitliche Scheuklappen anzusprechen. Wenn er über Gigantomachie (Giganten Kampf) nachsinnt, welcher der Sintflut und der babylonischen Sprachverwirrung vorausgegangen sein soll, so berücksichtigt er auch – sich immer wieder auf Plato berufend – das Problem der angelogynen Verbindungen, der Engelehen. Genesis (6,1-4) berichtet davon, dass die Gottessöhne (Engel der mittleren Ordnung) sahen, wie schön die Töchter der Menschen waren und sie zur Ehe begehrten. Diesen Verbindungen entsprossen die Helden der Urzeit, die von ungewöhnlicher Körpergröße und scharfem Intellekt waren. Die Vermischung zwischen leibfreien Geistern und geistbegabten Leibern hat ein jähes Ende gefunden.

Es muss zwischen der vorsintflutlichen Zeit etwas geschehen sein, was den … gesegneten angelogynen Verbindungen den Garaus gemacht hat. Der Grund für dieses Verhängnis ist höchstwahrscheinlich in einer Verschlechterung der menschlichen Substanz zu suchen, in einer fortschreitenden Engelunempfänglichkeit, einer steigenden Verkümmerung des Sinnes für die Wonnen himmlisch-irdischer Vermischung.“3

Jedenfalls scheint für den Mystiker, Denker, für den Wissenden und letztlich den Seher, eine Verknüpfung der griechischen Metaphysik mit Mysterienweisheit und biblischen Überlieferungen durchaus denkbar zu sein. Wie sonst könnte man das Pauluswort aus dem Korintherbrief (10.11) deuten? „Darum soll die Frau einen Schleier auf dem Haupte haben – wegen der Engel (dai tous angelous)“. Kaltenbrunner interpretiert diese Stelle so, dass unziemliche Koketterie nicht nur die anwesenden Altardiener, sondern selbst die Engel erotisieren könnte. Wobei man – horribile dictu – bei den schamlosen Aufzügen welche heutzutage in Kirchen üblich sind, eher eine Anbiederung an Dämonen zu vermuten gewillt ist. In diesem Zusammenhang schreibt der Polyhistor aus dem Schwarzwald, dass das Dämonische, welches gemeinhin mit dem Teuflischen gleichgesetzt wird, eher als eine Art Einbruchsstelle zu bewerten ist. Der Diabolos wird gewissermaßen vom Dämon entfesselt und bedient sich seiner Kräfte in parasitärer Art. So ist auch das Auftreten abgrundnaher, ja abgrundsüchtiger Menschen zu erklären, die – wenn der Teufel sie reitet – zu Monstern oder Unholden werden.

Zu unterscheiden ist der Dämon vom Daimon

Bereits bei Plato (Symposion) finden wir die Ansicht das Daimonische (die innere wissende Stimme) erfülle eine Art Mittlerfunktion zwischen Menschen und Göttern. Diese Geister, welche christliche Autoren ‚Engel‘ nennen, haben kultische oder prophetische Aufgaben. Engel als geschaffene Wesen wurden bei der Ausgestaltung des Alls ins Dasein gerufen. Der um 232 v. Chr. verstorbene Stoiker Kleanthes bezeichnete die Myriaden himmlischer Geister bereits als Weltseele oder Daimon des Kosmos. Paulus zitiert ihn in seiner Areopagrede. Auch bei Gregor von Nyssa finden wir die Aussage, dass die geistige Welt vor der körperlichen existierte und die Engelmächte Anteil an der, das Weltall lenkenden Macht, haben. Dichter und Denker, sowie Perser, Römer und Chinesen waren zutiefst überzeugt von der Wirklichkeit jener Wesen, Engel oder Daimones, die als Götterboten, Seelengeleiter oder Wächter, zwischen Himmel und Erde vermitteln. Dionysius hält ebenfalls an der antiken Lehre über die Daimones fest.

Der unendlich heilige, verborgene Gott, der Ewige, das namenlos Eine, erscheint dem Menschen in weite Fernen gerückt. Es bedarf vermittelnder übersinnlicher Instanzen und Kräfte, die Himmel und Erde verbinden. In den hierarchisch gegliederten Chören der Engel spiegeln sich ohne die geringste Minderung, die Hyperqualitäten (allherrlich, allmächtig, fürstlich …) der Gottheit wider „Lichter im Lichte des Einen“. Die dionysische Polemik gegen allzu vermenschlichende Gottesbilder teilt Kaltenbrunner:

„Keinem Menschen ist Gott selbst jemals erschienen noch wird er jemals einem Menschen erscheinen. Auch den Heiligen sind allemal nur Engel oder Gottesboten erschienen. Wenn sie aber sagen oder wenn von ihnen gesagt wird, sie hätten Gott geschaut, dann sei von Visionen oder ‚Theophanien‘ die Rede, in denen allemal nur ein winziger Anblick und Abglanz des Ewigen Einen gewährt werde, niemals aber eine unmittelbare Schau dessen, der im unzugänglichen Lichte wohnt.4

Abschließend soll der Engel mit dem flammenzuckenden Schwert, von dem vielfach in der Bibel berichtet wird, und der in der apokalyptischen Zukunftsschau eine nicht geringe Rolle spielt, vor unserem geistigen Auge erscheinen.

Man lese Daniel (10,5-14) die große Vision. Sie handelt von künftigen Weltreichen und der geheimnisvollen Ankunft des „Menschensohnes“. Ein herrlicher Engel, ein Mann in Linnen gekleidet offenbart überzeitliches Kriegsgeschehen. Von weltgeistmächtigen gegeneinander kämpfenden Völkerengeln ist die Rede, von ungeahnten Drangsalen, von Barbarei und Grausamkeit. Seltsamer Weise, beanspruchen sowohl die Juden, als auch die Franken den von Daniel geschauten Erzengel Michael. Nach der Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 wird er zum Schutzpatron Deutschlands erklärt. Dieser Held (Mikal: wer ist wie Gott) spielt nicht nur beim sogenannten Engelsturz die Rolle des unerschrockenen Führers und Kämpfers, sondern wird (Offenbarung 12; 7-9) als apokalyptischer Drachentöter und Sieger über den aufrührerischen Satan (non serviam) welcher die ganze Welt verführt, geschildert. Er ist der Patron der ecclesia militans und erscheint uns so strahlend siegreich und schön, wie ihn Raffaello Santi kurz vor seinem Tod 1518 malte: als Fürst des Lichtes und Vizekönig des Himmels.

Magdalena S. Gmehling (Bayern)

» Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Dionysius vom Areopag: Das Unergründliche die Engel und das Eine

  1. Dionysius vom Areopag: Das Unergründliche die Engel und das Eine, Die Graue Edition, S. 816. ↩︎
  2. zitiert nach Kaltenbrunner a.a.O. S. 642. ↩︎
  3. a.a.O. S. 817. ↩︎
  4. a.a.O.S. 837 f ↩︎