Prof. David Engels: Freiheit und Ideal & Widerstand und Ehre

Schlacht von Salamis, Stiftung Maximilianeum, München

Prof. David Engels präsentiert in zwei Bänden zahlreiche Lebensbilder um die Themen Freiheit und Widerstand. Sie mögen uns in einer Welt moderner Schattenbilder Vorbild und Inspiration sein. Sie mögen uns zu einer Freiheit ermutigen, die nie ohne Ideale auskommt und die unser Opfer wert ist; damit ist sie nicht eine Freiheit „von“, sondern immer eine „zu“. Diese Ideale sind heute Ausdruck des Widerstands, der jedoch keine Rebellion ist, sondern aus dem tiefen Bewusstsein für eine Ordnung entspringt, die größer ist als der einzelne Mensch oder die jeweilige Epoche. Sie standen für eine Wahrheit ein, die sie als unerschütterlich empfanden und verteidigten.

Portraits aus Freiheit und Ideal: Die Sieben Weisen im Bambushain, Tomislav Kolakovic, Cato der Jüngere, Jeanne d’Arc, Quintus Aurelius Symmachus, Yukio Mishima, Fracois René de Chateaubriand, Sokrates, Qu Yuan, Václav Havel, Johann F.A. von der Marwitz, J.R.R. Tolkien

Portraits aus Widerstand und Ehre: Solschenzyn, Xuyun, Frithjof Schuon, Thomas Morus, Galileio Galilei, Meister Eckhart, Die Gracchen, Witold Pilecki, Der Aufstand der Vendée, Justo Takayama, E.G. Wodehouse

Ein Auszug:

Sokrates

Wie so viele Widerständler ist auch Sokrates eine zweischneidige Gestalt. Denn sich der äußeren Ordnung im Namen der inneren widersetzen, das hat immer ein wenig den Geschmack der Selbstermächtigung, des Zersetzens an sich. Freilich: Auf dem Papier nimmt sich das heldenhafte Eintreten gegen ein Unrechtsregime im Namen von Menschenrecht oder innerem Gottesgesetz als eine binäre Entscheidung aus, bei der eigentlich nur erstaunt, wie viele letztlich die „falsche“ Wahl treffen. In Wirklichkeit aber liegen die Dinge selten so einfach.

Denn selbst der schlimmste Unrechtsstaat hat meistens nicht nur den Buchstaben des Gesetzes und die Legitimität der Bürokratie auf seiner Seite, sondern kann auch im Rückblick auf jene historischen Traditionen verweisen, die sein Entstehen jeweils ermöglicht haben, um sich selbst teleologisch zu rechtfertigen, und vermag zudem, das Fehlen einer offenen Revolution als Zeichen der impliziten Zustimmung der Bevölkerung zu interpretieren.

Auch gilt, daß die meisten Bürger selbst beim (leider nur selten vorauszusetzenden) besten Willen immer nur über eine begrenzte Einsicht in das ganze Ausmaß des jeweiligen Unrechts verfügen und sich selbst zudem allzu gerne der Illusion hingeben, die entsprechenden Verbrechen seien entweder bedauernswerte Einzelfälle oder vorübergehende Ausschreitungen, die man am besten ignoriert, um die fest erwartete baldige „Normalisierung“ der Situation nicht zu behindern.

Schließlich und endlich dürften wie uns nicht der leicht misanthropischen Einsicht verschließen, daß nur die wenigsten Bürger zum Märtyrer geschaffen sind, die meisten aber aus Instinkt den „Quertreiber“ als fragwürdigen, ja bedrohlichen Charakter empfinden, der höchstens in größter Not oder im Nachhinein Wertschätzung erfährt, ansonsten aber als jemand, der „aus der Reihe tanzt“, eher verachtet oder gefürchtet wird.

All dies erklärt zur Genüge, wieso Sokrates bis heute eine keineswegs uneingeschränkte Wertschätzung erfährt, sondern vielen immer noch als problematische Gestalt erscheint. Der mit dem „Fall Sokrates“ unvertraute Leser mag hier stutzen: Wie, ist nicht gerade das Urbild des geradlinigen, jedes Vorurteil vehement in frage stellenden rationalen Denkens, der für seine Ideale bereit war, in den Tod zu gehen, und selbst noch im Gefängnis lieber den Schierlingsbecher trank, um das von seiner Polis gefällte Urteil selbst zu vollziehen, anstatt die Möglichkeit zur Flucht in Anspruch zu nehmen? Die Antwort darauf fällt nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Das unbeliebte Hinterfragen und die Mäeutik

Schuld ist dabei nicht nur, daß Sokrates selbst nichts Schriftliches hinterlassen hat und unsere Quellen, allen voran Platon, stark von ihre eigenen philosophischen Schwerpunkten geprägt sind, also ein ganz Reihe von Positionen in Sokrates‘ Denken hineinlesen, die dort nur rudimentär vorhanden gewesen sein mögen, wenn überhaupt. Schuld daran ist auch, daß Sokrates schon die Zeitgenossen polarisierte und verwirrte.

Den einen, wie Platon, erscheint der als unbestechlicher und vorurteilsfreier Denker, der jede große Frage gewissermaßen von Anfang an untersuchte, einzig dem logischen Denken verpflichtet war und dabei viele liebgewonnene Traditionen und Selbsttäuschungen als hohle Fassaden enttarnte, dabei aber oft genug in der Aporie landete, also einer ausweglosen dialogischen Situation, wo die verschiedenen Antwortelemente einander logisch zu widersprechen scheinen, obwohl sie jeweils scheinbar sauber hergeleitet sind – eine Aporie, die Platon selbst dann durch den Sprung in den Mythos und die Transzendenz der esoterischen Lehre vom Einen zu lösen suchte: Kurzum, Sokrates als Katalysator der griechischen Philosophie, ohne den sie sich niemals von der naiven Kosmologie der Poeten, dem Materialismus der Vorsokratiker und dem Relativismus der Sophisten hätte lösen können.

Den anderen allerdings, wie Aristophanes, erschien er als ebenso überheblicher wie opportunistischer Zeitgenosse, der durch seinen scheinbaren Nihilismus das jahrhundertealte gesellschaftliche wie religiöse Wertegerüst Athens demolierte, die Jugend nicht zur konstruktiven Wertschätzung der Vergangenheit, sondern vielmehr zu Skeptizismus und Arroganz erzog, und dessen philosophische Folgerung und gesellschaftliche Forderungen allesamt ebenso weltfremd wie praktisch unsinnig schienen – wenn nicht geradezu als gefährlich: Sokrates als Totengräber des „alten“ Athens und Repräsentanten eben jener Hybris, die in die Katastrophe eines nahezu 30jährigen mittelmeerweilen Krieges führte.

Auch die Persönlichkeiten seiner Schüler spiegelte diesen Zwiespalt: Auf der einen Seite Platon mit seinem Streben nach einer absoluten Letztbegründung idealistischer Positionen; auf der anderen Seite der schillernde Populist und Demagoge Alkibiades, der das sokratische Räsonieren nach Art der Sophisten ausschließlich zur Erfüllung des eigenen Ehrgeizes einsetzte – und irgendwo dazwischen Kritias, der nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges mit spartanischer Hilfe eine ultrakonservative Oligarchie zu errichten trachtete…

Der echte Sokrates?

Wo ist da der echte Sokrates? Gegen und vor allem für was zog er in den Tod dem Leben vor? Genau werden wir es nie wissen, auch die Parallele zur „tragischen“ Situation, also jener den Griechen so teuren Aporie zwischen zwei widerstreitenden, genauso wichtigen Prinzipien, wie wir sie etwas in Sophokles „Antigone“ mit dem Gegensatz zwischen dem wandelbaren Menschen- und dem wenigen Gottesgesetz finden, trifft auf Sokrates und sein Wahl zwischen den Gesetzen der Demokratie und den Vorgaben seines Gewissens, des „Daimonions“, nur teilweise zu.

Wenn Sokrates sagt: „Ich schätze Euch, Männer Athens, und liebe Euch, gehorchen aber werde ich mehr dem Gotte als Euch“, so stecken dahinter Abgründe vielfältiger Bedeutung, die wir auszuloten haben, bevor wir über unsere Zustimmung oder Ablehnung des Satzes reflektieren.

Dann hinter den „Männern Athens“ steht nicht nur der Aspekt chronisch wankelmütiger demokratischer Mehrheitsentscheidungen, sondern gerade im Fall des Sokratesprozesses auch ein über Jahrhunderte gewachsenes Gespür für die Grenzen gesellschaftlichen und religiösen Anstandes, welcher hinter Sokrates‘ Denken nicht zu Unrecht ein gefährlich zersetzendes Streben wahrnahm: Das Athen der Zeit des Sokratesprozesses war kein Unrechtsstaat, sondern befand sich nach den beiden Extremen der Radikaldemokratie sowie der oligarchischen Tyrannis der Dreißig in einer schweren Identitätskrise, wo gerade die vermeintliche „Rationalität“ der verschiedene utopischen Verfassungsentwürfe der letzten Jahrzehnte als das eigentliche Grundübel verstanden wurde, mit dem das bisherige gesellschaftliche und kulturelle Gleichgewicht empfindlich gestört worden war und letztlich in die Katastrophe des Peloponnesischen Krieges geführt hatte: Sokrates und sein großer Einfluß auf die desorientierte „jeuness dorée“ Athens schienen trotz des verbal immer wieder beteuerten Patriotismus als destruktive Bedrohung einer im Mark erschütterten Tradition.

Und auch hinter dem sokratischen „Gott“ oder „Daimonion“ steckt alles andere als ein festes, unverwandelbares und allen zugängliches Prinzip, sondern vielmehr die Überzeugung, daß der nagenden Zweifel an allem Bestehenden mitsamt dem Drang, alles Gewachsene unter der Luge logischer Beweisführung zu dekonstruieren, der höchste Wertemaßstab des Einzelnen sein sollte – eine Überzeugung, die in den Jugendtagen frühen philosophischen Denkens wie im Griechenland des 5. Jh. v. Chr. oder im Abendland des 16. Jh. frisch und idealistisch erscheinen mochte, im Rückblick aber als ebenso naiv wie hochproblematisch gelten muß.

Denn eines versteht jede alternde Zivilisation: Daß es vorurteilsfreies Denken ebenso wenig gibt, wie sich Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen vermag. Jedes konstruktive Denken muß, bewußt oder unbewußt, auf apriorischen Grundlagen beruhen, wenn es nicht in der Sterilität bloßer Dekonstruktion versinken und letztlich, wenn auch aus ehrlichen Bemühung, Relativismus und Nihilismus das Tor öffnen will.

Wiederbesinnung auf die Begriffe und ihre wahre Bedeutung

Keine Zeit versteht dies wohl so gut wie die unsere, in der so viele einst bewundernswürdige und scheinbar in Opposition zur früheren, traditionalistischen Phasen der abendländischen Geschichte geschaffen Begriffe wie Demokratie, Gleichheit, Toleranz, Diversität, Individualismus, Emanzipation, Freiheit oder Laizismus sich auf fast schon unheimlich organische Weise allmählich in ihr völliges Gegenteil verkehrt haben ohne daß wir doch genau den Punkt bestimmten könnten, wo dieser Prozeß einsetzte.

Selbst noch die absurdesten Entscheidungen werden auf scheinbar überaus rationeller Grundlage getroffen, doch so richtig und nachvollziehbar ein jeder Schritt sein mag, so absurd, ja selbstzerstörerisch ist doch meistens das Endergebnis, wie es und jeden Tag aus den Nachrichten entgegentritt: „Though this be madness, yet here is method in’t.“

Wenn Sokrates als „für“ die Wahrheit und „gegen“ die Tradition in den Tod zu gehen glaubte, so ist hiermit letztlich nur jener Momente in der Geschichte der antiken Zivilisation umrissen, wo wie im alten China des 7. Jh.s vor Chr. oder im Europa des frühen 16. Jh.s der geistige Absolutheitsanspruch des Individuums Oberhand über die kollektive Praxis der Vorväter gewinnt.

Die dahinter stehende humanistische Würde und philosophische Überzeugung sind fraglos an sich bewundernswert und läuten in jeder Zivilisation das großartige Zeitalter der Klassik ein, die überall darauf beruht, daß nunmehr nur noch „der Mensch Maß aller Dinge ist“. Doch die Wurzeln dieser Größe sind gleichzeitig auch die Wurzeln ihres letztendlichen Zerfalls in jenen Relativismus und Nihilismus, in denen sich der Verstandesglaube der Philosophie selbst ad asburdum führt – bis es schließlich zur Erkenntnis kommt, daß nur die Anerkennung der Transzendenz und eine konstruktive anstatt destruktive philosophische Durchdringung der Tradition noch eine gewissen, wenn auch kurze Synthese herbeiführen kann. 

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