Josef Pieper und Hans Urs von Balthasar im Dialog der Zeiten

Josef Pieper (1904-1997) und Hans Urs von Balthasar (1905-1988)

Unter den großen Repräsentanten der abendländischen Tradition waren der Münsteraner Philosoph Josef Pieper und der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar. Beide pflegten einen sehr verschiedenen Denk- und Lebensstil, waren aber, wie der jetzt von Berthold Wald herausgegebene Briefwechsel zeigt, über die Jahrzehnte in mehr oder weniger engem Austausch, der sich vor allem in den kritischen Zeiten Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre intensivierte.

Berthold Wald, der bis zu seiner Pensionierung an der Theologischen Fakultät Paderborn lehrte, hatte dort eine Josef-Pieper-Arbeitsstelle eingerichtet, die – neuerdings auch frei im Internet verfügbare – Werkausgabe Piepers herausgegeben und zudem mit Thomas Möllenbeck zusammen zahlreiche Tagungen zu Josef Pieper und C. S. Lewis organisiert. Auf deren Grundlage erschienen wichtige Sammelbände, die auch andere Autoren wie z. B. Balthasar oder T. S. Eliot einbezogen und die so ein Panorama christlichen Denkens vor dem Hintergrund der abendländischen Tradition bieten.

Die Erkenntnis der Seinsstufen nach Thomas von Aquin

Pieper und Balthasar lernten sich früh persönlich kennen, nämlich schon Ende der 1920er Jahre, aber erst in den 1930er Jahren setzte dann eine Korrespondenz ein, die mit teils längeren Unterbrechungen bis zu Balthasars Tod im Jahre 1988 reichte. Ursprünglich war bei beiden Autoren, die sich jenseits einer rein universitären Betrachtungsweise verorteten, das Interesse an einem Buchprojekt zur Stufenordnung des Seins vorhanden, das sie mit Bezug auf Thomas von Aquin behandeln wollten. Aber der Jesuitenorden, dem Balthasar damals noch angehörte, unterband dies, weil er sich auf sein Theologiestudium konzentrieren sollte. Aber das gemeinsame Interesse an Thomas sollte sich über die Jahrzehnte halten.

Entscheidend für die Auseinandersetzung beider Denker mit Thomas, aber auch mit Augustinus, war ein auf die Sache selbst gerichtetes Interesse. Denn es ging ihnen nicht um eine historische Rekonstruktion, sondern um lebendige Reflexion, die sich auf die Gegenwart beziehen muß. So waren denn auch beide an einer Rechristianisierung interessiert, die besonders dringlich schien und einer Wiedervergewisserung der Traditionsbestände nötig machte – ohne indes in einen unguten Dogmatismus abzugleiten.

Beide, der Philosoph und der Theologe, schickten sich jeweils ihre Publikationen zu und nahmen dazu Stellung. Während Pieper sich selbst für unfähig hielt, dicke Bücher zu schreiben und entsprechend eine große Zahl inzwischen klassisch gewordener Opuscula publizierte – am bekanntesten dürften seine Bücher über die Tugenden sowie Muße und Kult sein –, schrieb Balthasar, angefangen mit seiner germanistischen Dissertation und dem großen frühen Buch über die Apokalypse der deutschen Seele nicht nur eine Reihe umfangreicher Standardwerke der Theologie (z. B. Herrlichkeit). Er war auch intensiv als Verleger und Übersetzer tätig, der wichtige Werke der christlichen Weltliteratur von Augustinus bis zu Paul Claudel übersetzte und herausbrachte – und Pieper erweist sich als stets neugieriger Leser. Balthasar versucht auch Pieper für seinen Verlag zu gewinnen, aber der sah sich vertraglich an den Kösel Verlag gebunden, so daß daraus fürs erste nichts wurde. Aber Pieper macht auch seinerseits allerlei gute Vorschläge für Publikationen des Johannes-Verlags, wenn das auch nicht in jedem Fall in den Herausgeberfußnoten verzeichnet wird. So legte Pieper 1969 dar, es sei sehr wünschenswert, die große Einleitung von Erich Przywara zu seiner Augustinus-Auswahl Die Gestalt als Gefüge wieder zum Druck zu bringen – und in der Tat erschien das Buch dann unter dem Titel Augustinisch. Ur-Haltung des Geistes bereits 1970 und ist bis heute lieferbar, ein Buch übrigens, das von den Geschwistern Scholl intensiv studiert worden war!

Inhaltlich aber gab es zwischen den beiden Denkern manche Verbindung, wenn auch die von ihnen bevorzugten Autoren sich durchaus unterschieden. So hatte Josef Pieper ein Faible für den teils sehr hermetischen Dichter Konrad Weiß und versuchte, wohl nicht mit allzu großem Erfolg, auch Balthasar dessen Lyrik schmackhaft zu machen. Obwohl sich beide Autoren intensiv mit Thomas von Aquin befassten, winkt Balthasar ab, als Pieper ein nicht-gelehrtes Buch über die bleibenden Errungenschaften oder „das Paradigmatische“ des Thomas vorschlägt. Er sieht zwar die Notwendigkeit, Thomas mit dem damals letzten Schrei der philosophischen Mode zu konfrontieren, also z. B. dem Strukturalismus, aber er könne dazu nichts bieten. Und nicht nur an dieser Stelle erscheint Balthasars Sicht auf die Zukunft recht verdüstert, fragt er doch im Frühjahr 1970 (!), was es in vier Jahren noch an Lesern und Verlagen gebe? Zum Glück hat sich diese düstere Sicht nicht bestätigt…

Die Suche nach neuer Klarheit nach dem II. Vaticanum

Bei den vielen Projekten, die Balthasar und Pieper jeweils umtrieben, abgesehen von Lehrverpflichtungen oder der Durchführung von Exerzitien für Priester, Mönche, Nonnen und andere, findet man im Briefwechsel nicht überall tiefere inhaltliche Diskussionen. Das ist verständlich, denn manches wird vor allem im persönlichen Gespräch erörtert worden sein. Aber es ist auffällig, wie sehr beide Denker von manchen Entwicklungen der katholischen Kirche nach dem Zweiten Vaticanum beunruhigt waren und auf der Suche nach Verbündeten waren, um bestimmte Klarstellungen zu erreichen. Zum Bekanntenkreis der beiden gehörte damals auch Josef Ratzinger, aber auch mit Karl Rahner ergaben sich manche Gesprächsmöglichkeiten. Aus den geplanten Klarstellungen wurde letztlich nichts, da die Beteiligten sich nicht wirklich einigen konnten, aber Pieper formulierte für sich dann Texte, die grundlegende Dinge betrafen. So schrieb er über das, was den Priester ausmacht, weil er nicht damit zufrieden war, wenn dem Priester kirchlicherseits zu sehr die Rolle der Verkündigung und des Vorsitzes zugesprochen wurde, aber das Kultisch-Sakramentale vernachlässigt wurde.

Es prägt den Briefwechsel, daß auch persönliche Dinge immer wieder zur Sprache kommen, so der Tod von Piepers Sohn Thomas mit 28 Jahren oder die Operationen seiner Frau Hildegard, mit der zusammen Pieper bekanntlich das Buch von C. S. Lewis Über den Schmerz übersetzt hatte. Auf Balthasars Seite ist der Tod Adrienne von Speyrs zu nennen. Nebenbei kommt in der Korrespondenz auch zur Sprache, daß selbst der Weg ins Kloster in Widerstreit mit dem Ziel der Kontemplation geraten könne – denn auch im Kloster gebe es nun Fernsehen und Radio… Man könnte noch Weiteres anführen, aber man lese selbst.

Fazit: Der Briefwechsel bietet nicht nur spannende Einblicke in die Reaktionen zweier renommierter Denker auf die von ihnen mit- und durcherlebte Krise der katholischen Kirche. Er zeigt auch die intensive geistige Nähe der beiden Korrespondenten. So ist es stimmig, wenn der lesenswerte Band zum Abschluß auch gegenseitige Würdigungen Balthasars (und Ratzingers) durch Pieper sowie Piepers durch Balthasar enthält. Letzterer hatte ein Vorwort zu einem Pieper-Lesebuch geschrieben, das den Philosophen Pieper als einen Unzeitgemäßen charakterisiert, weil er die Philosophie als etwas betrachtete, das immer schon mit Theologie zu tun hatte. Denn Philosophie hieß seit den Griechen das suchende Wissen nach dem Urgrund der Welt in einem Absoluten. So steht Pieper für eine Philosophie, die noch nicht zur Spezialwissenschaft herabgesunken ist – womit er zu jenen gehöre, die wie Gabriel Marcel, T. S. Eliot, C. S. Lewis oder Gustav Siewerth im 20. Jahrhundert als echte christliche Denker gelten können. Und selbstverständlich gehört auch Hans Urs von Balthasar in diese illustre Gesellschaft. Es wäre nicht das Schlechteste, würde die gelungene Edition des Briefwechsels dazu animieren, sich auch den Schriften von Pieper und Balthasar wieder (einmal) zuzuwenden.

Till Kinzel (Berlin)

» Josef Pieper – Hans Urs von Balthasar: Briefwechsel 1934 – 1988, herausgegeben und eingeleitet von Berthold Wald – hier bestellen