Auflösungserscheinungen und Herausforderungen der Universität

Die Karlsuniversität in Prag - die erste deutschsprachige Universität, gegründet 1348

Zum Studienjahrbeginn: Die systematische Zerstörung kulturtragender Institutionen durch neomarxistische, neoliberale und postmoderne Ideologien, aber auch durch vielfältigen (unter anderem mörderischen) politischen Aktivismus erfasst zunehmend die Universitäten. Insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften hat das Maß der Zerstörung geistiger Substanz dabei mittlerweile ein kritisches Ausmaß erreicht und führt dazu, dass Universitäten vielfach ihre Funktion, Orte der Pflege und Weitergabe des kulturellen Erbes sowie der Prägung künftiger Eliten im Geist dieses Erbes zu sein, nicht mehr erfüllen.

Der Politikwissenschaftler Allan Bloom, ein Schüler des Naturrechtlers Leo Strauss, hatte bereits 1987 kulturelle Auflösungserscheinungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften beschrieben. Die abendländische universitäre Tradition mit ihren Wurzeln im Denken der griechischen Antike und mit ihrem Ziel des Strebens nach Erkenntnis von Wahrheit sei im Zuge der Durchsetzung zunächst neomarxistischer und dann postmoderner Ideologie seit den späten 1960er Jahren zunehmend durch utopische Ideologien, die Ablehnung der Vorstellung der Existenz objektiver Wahrheit und die Betonung von Gefühlen verdrängt worden. Die Pflege und Weitergabe des abendländischen kulturellen Erbes fände an Universitäten in immer geringerem Maße statt. Ein Erbe, das man nicht kenne, könne man jedoch auch nicht bewahren oder verteidigen.

Neoliberale Ideologie als Herausforderung für Universitäten

Neoliberale Ideologie lehnt den klassischen Bildungsbegriff ab und geht stattdessen von einem Verständnis von Bildung aus, das diese ganz auf berufliche Qualifikation reduziert. Die auf dieser Ideologie beruhende Bologna-Prozess hat den Geistes- und Sozialwissenschaften schweren Schaden zugefügt, weil sie nicht länger einen Raum darstellen, in dem junge Menschen, die über die nötigen geistigen Anlagen und Voraussetzungen verfügen, sich in eigener Verantwortung unter der Führung von Mentoren mit den besten Gedanken der abendländischen Tradition auseinandersetzen, um daran zu wachsen und zu Trägern dieser Tradition und ihres Erbes zu werden. Die neoliberale Universität ähnelt im Gegensatz dazu einer Massenschule, an der als unfrei verstandene Menschen durch enge inhaltliche Vorhaben und ständige Prüfungen auf die reibungslose Integration in wirtschaftliche Prozesse vorbereitet werden sollen.

Der Historiker Andreas Rödder sprach in diesem Zusammenhang von einer „Konformisierung der Universitäten durch die Reformen im frühen 21. Jahrhundert“. Dass Universitäten staatlicherseits zunehmend nach dem Vorbild von Unternehmen umgestaltet würden, sei damit verbunden, dass die Leistung von Wissenschaftlern auch an den von ihnen eingeworbenen Forschungsgeldern bemessen werde. In den Geistes- und Sozialwissenschaften handele es sich dabei aber vor allem um staatliche Mittel. Dies erzeuge hohen politischen Konformitätsdruck. Eine „eigenständig-kritische, kantige Persönlichkeit entwickelt sich unter diesen Bedingungen jedenfalls nicht so leicht“.1

Verschulungstendenzen und Infantilisierung

Studenten werden an Universitäten zunehmend nicht mehr wie Erwachsene, sondern wie Jugendliche behandelt, was sich u.a. in zunehmenden Verschulungstendenzen äußert. Vor allem geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer, für die ein hohes Maß an Eigenmotivation und Freiheit in der Gestaltung erforderlich sind, leiden darunter. Hier wird nicht mehr vom klassischen Bildungsideal und vom mündigen Menschen ausgegangen, der die Zeit des Studiums dazu nutzt um in eigener Verantwortung seine geistigen Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln.

In den USA begann eine Bewegung studentischer Aktivisten, die vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften fordern, dass das Personal mutmaßlich für Studenten emotional zu belastenden Studienhalten sog. „Trigger Warning“ voranstellt. An der Universität Cambridge in Großbritannien werden Studenten vor der Teilnahme an einer Vorlesung über Texte Shakespeares darauf hingewiesen, dass einige dieser Texte Beschreibungen sexueller Gewalt enthielten.2

Die Ablehnung wissenschaftlichen Denkens durch postmoderne Ideologien

Ebenfalls großen Schaden zugefügt haben den Geistes- und Sozialwissenschaften postmoderne Ideologien. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht analysierte am Beispiel der sogenannten „Postcolonial Studies“ die fortschreitende Zerstörung der Geistes- und Sozialwissenschaften durch diese Ideologien bzw. durch den Poststrukturalismus, der die Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit grundsätzlich ablehnt:

„Dies beflügelte zweitens die Auffassung von Wirklichkeitsbildern als ’sozialen Konstruktionen‘ auf der Grundlage solcher Absichten, was drittens zu dem Habitus führte, ‚Fakten‘ als Produkte eines naiven Glauben an Konstruktionen von Wirklichkeit zu entlarven. Als der philosophischen Wahrheit vermeintlich letzter Schluss gab viertens die rationalitätskritische Attitude der Dekonstruktion diesem Entsubstantialisierungsschub ihren Segen. An die Stelle von Faktengenauigkeit konnte so fünftens eine Empathie mit den Opfern der Geschichte als Imperativ der Wissenschaft treten. Und unter der seit dem achtzehnten Jahrhundert gepflegten und in ihrem Einfluss gewachsenen Prämisse, dass moralisches Recht immer auf der Seite der Schwächeren liege, wurde schließlich aus Empathie ethische Selbstgewissheit.“

Dieser Zerstörungsprozess sei nicht mehr auf aktivistische Fächer wie die „Postcolonial Studies“ beschränkt, weshalb sich die Frage stelle, „ob denn nicht alle Geisteswissenschaften von solcher Dekadenz bedroht sind“3.

Die Sozialwissenschaftler Helen Pluckrose, James A. Lindsay und Peter Boghossian legten 2018 die Absurdität postmoderner akademischer Ideologien offen, indem sie mehrere inhaltlich absichtlich sinnlose, aber in neomarxistischem und postmodernem Jargon verfasste Artikel bei einigen Periodika u. a. aus dem Bereich „Gender Studies“ zur Publikation vorlegten. Viele dieser Artikel wurden veröffentlicht und die Sinnlosigkeit des Inhalts wurde in vielen Fällen im Rahmen des Prüfungsprozesses nicht erkannt. Ein besonders absurder Artikel, der sich mit einer angeblichen Vergewaltigungskultur unter Hunden auseinandersetzt, wurde von der in den „Gender Studies“ zu den führenden Periodika zählenden Zeitschrift „Gender, Place & Culture“ als inhaltlich besonders gelungen hervorgehoben.

Die Autoren erklärten später, sie hätten auf „politische Korrumpierung“ der Geistes- und Sozialwissenschaften aufmerksam machen wollen. Insbesondere den von der Kritischen Theorie der neomarxistischen Frankfurter Schule geprägten Fächern, die sie als „Grievance Studies“ bezeichneten, warfen sie vor, aktivistische Anliegen an die Stelle der wissenschaftlichen Suche nach Wahrheit gestellt zu haben. Boghossian erklärte außerdem, dass die eingereichten Texte „absichtlich schlecht geschrieben“ gewesen seien und „nicht einmal irre, sondern einfach nur inkohärent“ und „wahnsinnig“ gewesen seien und „schlichtweg Blödsinn“ enthalten hätten. Von 20 der verfassten Artikel wurden sieben veröffentlicht oder für die Publikation akzeptiert, sieben weitere waren unter Begutachtung. Diejenigen, die die Publikationen veröffentlicht hatten, hätten sich anschließend geweigert, sich Diskussionen zu stellen. Stattdessen hätten sie mit Angriffen auf die Reputation der Kritiker geantwortet.4

Die Verdrängung von Wissenschaft durch utopische Ideologien

Der Historiker Niall Ferguson kritisierte die zunehmende Ideologisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften im westlichen Kulturraum sowie deren zunehmende Kontrolle durch eine „politisch korrekte Orthodoxie“ aus Anhänger postmoderner und neomarxistischer Ideologien. An diese Stelle von Wissenschaft seien identitätspolitische „Jammer- oder Beschwerdestudien“ getreten, deren einziges Ziel es sei, „den Kanon der toten weissen Männer zu dekonstruieren.“ Im akademischen Leben gehe es zunehmend „nicht um die besten Ideen […], sondern um die besten Tricks“, mit denen der eigene Machtanspruch und eigene Ideologie auch gegen fundiertere Gedanken sowie gegen Kritik durchgesetzt werde. Dabei herrsche eine „Logik der Verleumdung“ vor, mit der versucht werde, die Reputation konservativer Stimmen zu zerstören. Man berufe sich dabei auf „Vielfalt“, wobei jedoch „in der Praxis alle Andersdenkenden konsequent exkludiert“ würden. Eine „echte Vielfalt der Gebiete und Themenzugänge“ und echte Debatten seien seit den 1980er Jahren beispielsweise aus der Geschichtswissenschaft weitgehend verschwunden. Bei der Besetzung von Stellen zählten nicht Fähigkeiten oder Ideen, sondern „die richtigen ethnischen und sexuellen Merkmale“:

„In den 1980er Jahren hiess das: Vielfalt an Ideen, Positionen, Zugängen. Heute heisst es: Diversität von Hautfarben, Geschlecht, sexuellen Präferenzen. Die neue Diversität ist das Gegenteil von echter Vielfalt. In ihrem Namen werden all jene diskriminiert, die nicht der gewünschten Weltanschauung entsprechen.“

Diese Entwicklung zerstöre die intellektuelle Integrität des Wissenschaftsbetriebs:

„Der Rahmen des Sagbaren im akademischen und öffentlichen Raum hat sich in den letzten Jahren drastisch verengt. Evidenzbasierte Argumente spielen keine Rolle mehr. Es gewinnt, wer die lautesten Unterstützer hat, und es verliert, wer um seine Reputation fürchten muss. Kritiker dieser Entwicklung würden von den Vorkämpfern der sozialen Gerechtigkeit als Rassist hingestellt und vom Mob in den sozialen Netzwerken niedergeschrieben oder […] entlassen.“

Die Migrationsforscherin Sandra Kostner beobachtete, dass immer mehr Studenten die Prinzipien wissenschaftlichen Denkens nicht mehr verstünden oder akzeptierten und eine Einschränkung der Erkenntnis- und Meinungsvielfalt an Universitäten aus politischen Gründen befürworteten, „wenn dies dem Schutz von spezifischen Gruppen oder einer angeblich guten Sache, insbesondere dem berühmt-berüchtigten ‚Kampf gegen rechts‘, dient.“ Ihre Studenten hätten zum Teil „mit Fassungslosigkeit“ reagiert, als sie aufgefordert wurden, sich auch mit „rechten“ Positionen wissenschaftlich auseinanderzusetzen.

Diese Verengung des Geistes sei auch Folge der Tatsache, dass das an Universitäten praktizierte Diskursklima seit langem eine „freiheitsskeptische und vielfaltsfeindliche Haltung“ einfordere. Dieses Klima sei wiederum das Produkt der „in den 1960er/70er Jahren von politisch links stehenden Wissenschaftern“ angestoßenen „Etablierung einer zugleich politisierten und moralisierten Wissenschaftsform, für die sich die Bezeichnung Agendawissenschaft aufdrängt“.

Ideologisches Ziel dieser Aktivisten sei ursprünglich das „Empowerment der angeblich vom Kapital unterdrückten sozialen Klassen“ gewesen. An dessen Stelle sei zuletzt das „Empowerment von Gruppen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer aussereuropäischen Herkunft, ihres nichtchristlichen Glaubens oder ihrer sexuellen Orientierung pauschal zu Opfern der von weiss-christlich-heterosexuellen Männern geschaffenen Machtverhältnisse erklärt wurden.“ Sie sähen sich „als Werkzeug, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich diese Identitätsgruppen ermächtigt fühlen, in der sie keine realen oder subjektiv empfundenen Nachteile erleben und in der ihre Gefühle vor jeglicher Verletzung geschützt sind“.

Die Zerstörung der wissenschaftlichen Debattenkultur

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) veröffentlichte 2019 eine Resolution, in der er zunehmend praktizierte „Denk- und Sprechverbote“ an Universitäten kritisiert. Die „freie Debattenkultur“ müsse angesichts zunehmender politischer Korrektheit und sinkender Toleranz gegenüber anderen Standpunkten „verteidigt werden“.5

Einer schon vor Jahren erstellten repräsentativen Umfrage unter Politologie- und Soziologie-Studenten an der Goethe-Universität in Frankfurt zufolge gebe es unter Studenten einen hohen ideologischen und sprachlichen Konformitätsdruck. Rund die Hälfte der Befragten habe sich dagegen ausgesprochen, dass Personen mit als kontrovers bewerteten Standpunkten zu Islam-, Gender- und Migrationsfragen an der Universität sprechen dürften. Rund ein Drittel der Befragten lehnte es ab, dass entsprechende Bücher in der Universtitätsbibliothek verfügbar sein sollten. Ebenfalls rund ein Drittel der Befragten sprach sich für die Entlassung Personen aus, die sich zu diesen Themen kritisch äußerten.6

Auch Hochschullehrer empfinden das geistige Klima an deutschen Universitäten laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen zunehmend als intolerant. Rund ein Drittel gab an, sich durch formelle oder informelle Vorgaben, die bestimmte ideologische Positionen für verbindlich erklären wollen und Konformität mit ihnen einfordern (etwa durch gendergerechte Sprache), eingeschränkt zu fühlen.7

  • Die Politikwissenschaftlerin Hannah Bethke beschrieb den Umgang mit zentralen gesellschaftlichen Fragen an Universitäten in Deutschland so: „Einfluss nimmt, wer am lautesten brüllt“. Debatten würden nicht mehr stattfinden, sondern von Aktivisten bereits im Ansatz unterbunden werden, die zudem Kampagnen gegen Professoren führen, die konservative Positionen vertreten. Seit der Bologna-Reform und dem damit verbundenen „rapiden Wachstum des universitären Prekariats“ habe sich diese Entwicklung deutlich beschleunigt.8
  • Der Philosoph Dieter Schönecker wies darauf hin, dass die Anhänger aktivistischer Strömungen an philosophischen Fakultäten auf Kritik mit Versuchen reagieren würden, ihre Kritiker „mit den perfidesten Mitteln“ zu diskreditieren.9
  • Der Historiker Andreas Rödder kritisierte, dass sich an Universitäten eine „Kultur des Regenbogens“ durchgesetzt habe, die „alles Unliebsame aus dem Kreis des Zulässigen exkludieren“ will, und von der eine „Meinungsdiktatur“ ausgehe. An den Universitäten werde „Dissens zunehmend unterdrückt“: „Konformisiert gegenüber dem herrschenden Zeitgeist, entwickeln sie sich, jedenfalls in Teilen, zur Bühne, wenn nicht gar zum Gehilfen einer zunehmend repressiven Einengung des öffentlich Sagbaren.“ Dies stehe im Widerspruch zu den Prinzipien der Wissenschaft.10

Laut der bereits oben zitierten Sandra Kostner werde die „kritische Überprüfung von Forschungsergebnissen“ von akademischen Aktivisten „nicht als notwendiger Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens gesehen, sondern als Störfaktor auf dem Weg zu einer idealen Gesellschaft.“ Im akademischen Leben würden wissensbasierte Machtasymmetrien in diesem Zusammenhang durch moralbasierte ersetzt. Dies ermögliche es geistig weniger fähigen Akteuren, ihnen überlegene Stimmen aus Diskursen auszugrenzen, was die entsprechenden Ideologien vor allem für jene attraktiv mache, die dem wissenschaftlichen Streit ansonsten nicht gewachsen wären:

„Moralbasierte Machtasymmetrien bilden die ideale Voraussetzung für Studenten, die das agendawissenschaftliche Programm radikalisieren oder einfach nur Macht über andere ausüben möchten. So haben es sich manche zur Aufgabe gemacht, Disziplinarmassnahmen für Dozenten einzufordern, deren Lehrinhalte oder deren Sprachgebrauch von der ‚richtigen‘ Gesinnung abweichen. Die Anklage lautet stets: rassistisch, sexistisch, anschlussfähig an rechte Diskurse, femo-/homonationalistisch oder islamophob.“

Um auch andere von „einer kritischen Überprüfung abzuhalten, wird Macht eingesetzt – entweder indirekt in Form von moralischer Herabsetzung oder, wo institutionell möglich, direkt durch Disziplinierungsmassnahmen (Ressourcenzuteilung, Publikationsmöglichkeiten, Notengebung).“ Das „von Hochschulmitgliedern ohne Sorge vor Konsequenzen für ihre Karriere- oder Studienverläufe verfolgbare Erkenntnis- und Diskursspektrum“ werde dadurch immer stärker eingeschränkt. Das „zur Ziehung roter Diskurslinien herangezogene Vokabular“ werde dabei „bewusst so konstruiert, dass es Anklänge an strafrechtsrelevantes Handeln hat.“ Die „roten Linien“ seien in einigen Bereichen „so eng gezogen, dass es kaum mehr minenfreien Diskursspielraum gibt.“11

Die Zukunft der Geistes- und Sozialwissenschaften

Da aktivistische akademische Strömungen sich im gesamten westlichen Kulturraum nicht nur als äußerst durchsetzungsfähig in den politischen Machtkämpfen erwiesen haben, auf die sie das geistige Leben allgemein reduzieren, sondern auch über den Rückhalt von immer stärker werdenden sozialen Bewegungen sowie über wachsenden staatlichen Rückhalt verfügen, ist kurz- bis mittelfristig mit einer weiteren Verschlechterung der Bedingungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu rechnen. Hinzu kommt, dass nach klassischer Bildung in einer globalisierten Wirtschaft nur in engen Nischen Nachfrage besteht und auch als symbolisches Kapital bzw. als Voraussetzung für eine Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Eliten nicht mehr erforderlich ist. Auch in höheren Ämtern und Funktionen des öffentlichen Dienstes westlicher Gesellschaften, dessen Führung zunehmend ideologischen Konformismus einfordert, stellt klassische Bildung oft eher ein Hindernis für beruflichen Erfolg dar.

Der englische Philosoph Roger Scruton hatte vor diesem Hintergrund erklärt, dass die Träger des abendländischen Erbes und der dadurch inspirierten Geistes- und Sozialwissenschaften dazu bereit sein müssten, künftig als Dissidenten außerhalb der Sphäre des gesellschaftlich Akzeptierten zu wirken.  Wenn die beschriebene Entwicklung nicht aufgehalten und umgekehrt werde, dann werde sich dieses Erbe möglicherweise auf Strukturen ähnlich jener geheimen Universitäten stützen müssen, die es während der Zeit der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa aufrechterhalten hatten. Scruton hatte sich unter erheblichen persönlichen Risiken am Aufbau solcher Universitäten in der Tschechoslowakei und Ungarn beteiligt.

von Thomas Schneider (NRW)

Man siehe und vergleiche eine alternative Gründung im Geiste Roger Scuton in Budapest: das Roger Scruton Hub.

  1. „Es gilt, die Meinung des anderen zu ertragen, auch wenn sie mir nicht passt“, Neue Zürcher Zeitung, 04.11.2019. ↩︎
  2. Cambridge University issues trigger warnings for Shakespeare lecture, theguardian.com, 19.10.2017. ↩︎
  3. Hans Ulrich Gumbrecht: Das Ende der Postkolonialisten, welt.de, 29.05.2020 ↩︎
  4. Helen Pluckrose/James A. Lindsay/Peter Boghossian: Academic Grievance Studies and the Corruption of Scholarship, areomagazine.com, 02.10.2018. ↩︎
  5. Kempen: Freie Debattenkultur muß verteidigt werden, 10.04.2019. ↩︎
  6. Heike Schmoll: Wie an Universitäten Meinungen unterdrückt werden. ↩︎
  7. Hochschullehrer sehen Meinungsfreiheit an Universitäten in Gefahr, welt.de, 11.02.2020. ↩︎
  8. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2019. ↩︎
  9. Cicero, Nr. 6/2019. ↩︎
  10. Rödder, 2019. ↩︎
  11. Kostner, 2020. ↩︎