Daniel Zöllner: Einigkeit statt Einheit der Kulturen

In Zeiten der Kulturkämpfe bietet der Ansatz des Philosophen Heinrich Rombach eine heilsame Alternative zum verfahrenen Streit zwischen Universalisten und Partikularisten:

Streit um die Globalisierung

Gibt es einen Winkel der Erde, der von den Errungenschaften der europäisch-amerikanischen Kultur – von Atomphysik bis Zahnbehandlung – völlig unbeeinflusst geblieben ist? Im Zuge der Globalisierung verlieren die Unterschiede zwischen den Menschheitskulturen zunehmend an Bedeutung. Möglicherweise sind wir auf dem Weg zu einer Weltzivilisation, in der alle traditionellen Kulturen ihre Eigenständigkeit verlieren und ins Museum wandern. Sollte man diesen Vorgang bejahen oder ablehnen?

Auf diese Frage werden sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Den einen erscheint die weltweite Vernetzung als Weg zu Fortschritt und Frieden, während die anderen darin eine Vernichtung der kulturellen Vielfalt erblicken. Viele sehen in der Globalisierung den Weg zur Menschheitsverbrüderung, für andere aber führt die Globalisierung in eine alptraumhafte Welt, in der alle nur noch Coca-Cola trinken, bei McDonald’s Burger mit Pommes essen und amerikanische Popmusik hören.

In diesen gegensätzlichen Bewertungen wird der Streit zwischen Universalisten und Partikularisten ausgetragen: Die Universalisten erstreben das Ziel einer Weltzivilisation, oft auch eines Weltstaates. Demgegenüber sind die Partikularisten vielmehr an der Vielfalt der Nationen und nationalen Kulturen interessiert und betrachten das Utopia der Universalisten als Schreckensbild. Dies sind zwar vereinfachte Positionen, die in zahlreichen Abstufungen und Mischungen auftreten können. Dem grundlegenden Gegensatz und dem damit verbundenen Konflikt nimmt das aber nichts von seiner Schärfe.

Philosophische Klärungen?

Kann die Philosophie in diesen verfahrenen Streit vielleicht ein klärendes Wort hineinsprechen? Es mag überraschend klingen, doch im Streit zwischen Universalisten und Partikularisten wird ein Konflikt ausgetragen, den die Philosophie aus ihrer eigenen Geschichte bereits bestens kennt: Wie ist das Verhältnis zwischen dem Einen und dem Vielen, zwischen dem Ganzen und seinen Teilen, zwischen der einen Welt und den subjektiv oder kulturell relativen „Welten“ zu denken?

Der Würzburger Philosoph Heinrich Rombach (1923–2004) hat eine originelle Antwort auf diese Fragen gegeben, die über die Alternative von Universalismus und Partikularismus hinausführt. Rombach greift auf einen Gedanken zurück, der bereits in der Frühen Neuzeit von Nicolaus Cusanus (1401–1464) formuliert wurde: „Jegliches in jeglichem“. Zur Veranschaulichung griff Cusanus auf das Modell des menschlichen Organismus zurück: Jedes Organ ist in jedem anderen Organ; in jedem einzelnen Organ sind alle anderen Organe; das Ganze, der Mensch, ist in jedem Organ.

Dies ist natürlich, wie auch Rombach betont, nur ein unvollkommenes Modell, um eine völlig neue Antwort auf die Frage zu geben, wie das Ganze und seine Momente sich zueinander verhalten. Das Ganze ist diesem Modell zufolge nicht über den Momenten und jenseits der Momente. Vielmehr ist jedes Moment das Ganze in einer jeweiligen Konkretion. Das Moment ist nicht Teil, sondern in einem gewissen Sinn selbst das Ganze, eben in einer bestimmten perspektivischen Jeweiligkeit – so wie im Auge alle anderen Organe sind und wie darin der ganze Mensch präsent ist. Ein Ganzes, das sich auf diese Weise in seinen Momenten ausprägt, nennt Rombach „Struktur“.

Einigkeit statt Einheit

Was trägt die skizzierte „Strukturontologie“ Rombachs nun für den Konflikt zwischen Universalisten und Partikularisten aus? Universalismus und Partikularismus werden erkennbar als zwei Seiten derselben Münze. Beide Positionen eint der Gedanke, dass das Ganze jenseits der Teile liegt. Unter dieser Voraussetzung gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man räumt dem Ganzen das Vorrecht über die Teile ein (Universalismus) oder man misst umgekehrt den Teilen ein größeres Gewicht als dem Ganzen bei (Partikularismus). Entweder eine alles beherrschende Einheitskultur weist den traditionellen Kulturen eine untergeordnete, nebensächliche Rolle zu – oder die traditionellen Kulturen bleiben in ihrer Differenziertheit – und eben auch in ihren explosiven Antagonismen – erhalten. Sieht man hingegen jede einzelne Kultur als Moment einer Struktur, so ergibt sich ein ganz anderes Bild: Es gibt nicht das „große Ganze“, dem sich die einzelne Kultur einzuordnen und unterzuordnen oder dem sie sich in ihrer Partikularität zu widersetzen hätte. Vielmehr ist jede Kultur selbst das Ganze, oder vielmehr eine bestimmte perspektivische Konkretion des Ganzen, der Welt oder des Absoluten. „Jede Lebenswelt des Menschen“, also jede Kultur, kann nach Rombach als „eine Offenbarung des Absoluten, des Gottes, des Allebens“ aufgefasst werden. Jede Kultur ist also im Recht, wenn sie in ihrer eigenen Gestalt eine gültige Ausgestaltung des Humanen sieht – so sehr diese Ausgestaltung im Einzelnen fragwürdig und korrekturbedürftig sein mag, weil sie hinter ihrer wahren Höhe zurückbleibt oder diese bereits verraten hat. Sobald eine Kultur aber ihre Gestalt als die einzige und endgültige Gestaltung des Menschen ansieht und diese auch anderen Kulturen aufzwingen will, ist sie im Unrecht.

Daraus ergibt sich für jede Kultur die Aufgabe, die Fremdheit fremder Kulturen anzuerkennen. Die Fremdheit geht – strukturontologisch gesehen – so weit, dass Kulturen nicht einmal vergleichend nebeneinandergestellt werden können, da ein gemeinsamer Vergleichshorizont fehlt: Jede Kultur ist das Ganze und somit eine eigene Konzeption von Welt, Mensch, Eigenheit, Andersheit – gewissermaßen eine eigene Ontologie, also eine eigene Auslegung oder Sichtweise des Ganzen. Ein Dialog zwischen Kulturen kann sich nur als „Gespräch der Welten“ vollziehen, wie Rombach formuliert. Und nur auf dem Weg eines solchen Gesprächs ist Einigkeit zu erzielen, eine Balance zwischen dem Beharren auf dem Eigenen und der Anerkennung des Fremden. Einigkeit ist aber nicht gleichzusetzen mit Einheit, mit der Nivellierung der unterschiedlichen Kulturen in einer Welteinheitskultur.

Daniel Zöllner (Baden-Würtemberg)

Für eine genaue Darstellung der globalisierungskritischen Motive bei Heinrich Rombach, aber auch bei Edmund Husserl und Martin Heidegger, siehe die neu erschienene Dissertation von Daniel Zöllner:

» Globalisierung und Phänomenologie der Welt. Husserl – Heidegger – Rombachhier bestellen