Der Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila (1913–1994) war ein Denker besonderer Art, der sich als Kommentator – und Kritiker – der modernen Welt vor dem Hintergrund der abendländischen Überlieferungen verstanden hat. Er hat selbst fast nur Randglossen zu einem Text geschrieben, welcher diesen Glossen auf merkwürdige Weise schon innewohnt. Diese Randglossen aber enthalten solche scharfen Spitzen gegen die im akademischen Milieu praktizierten Üblichkeiten, daß es sich lohnt, die antiszientistische Grundhaltung des Philosophierens von Gómez Dávila ein wenig näher zu betrachten. Diese Grundhaltung ist das Resultat einer Fundamentalreflexion auf das Wesen der Welt und des Menschen in ihr und führt Gómez Dávila zu einer beachtenswerten Wertschätzung der Literatur. Darunter muß hier vor allem die schöne Literatur verstanden werden, ergänzt jedoch durch die großen Werke der Geschichtsschreibung und anderer literarisch bedeutsamer Genres – wozu selbstredend auch die Philosophie im weiteren Sinne gehört. Gómez Dávila verlebte die meiste Zeit seines Lebens in Kolumbien, ohne sich doch dort wirklich heimisch zu fühlen. Don Nicolás arbeitete in seiner Bibliothek mit mehr als 30.000 Bänden an einem Werk, das seinesgleichen sucht – ein Hagel an scharfen Gedanken, die zu Tausenden auf den Leser seiner Werke einprasseln, ein literarisches Stahlgewitter, aus dem niemand ungeschoren davonkommt, der sich ernsthaft darauf einläßt, mit Gómez Dávila zu denken. Außer einigen wenigen Essays schrieb er Tausende von Aphorismen, die er „Glossen zu einem impliziten Text“ nannte.
Verwurzelung in abendländischer Tradition
Das Werk Gómez Dávilas kann als komplexer Verweisungszusammenhang auf die gesamte Überlieferung des abendländischen Denkens und Schreibens verstanden werden; es bietet damit das, was ich eine „implizite Bibliothek“ genannt habe. Diese ergibt sich, wenn man die Texte Gómez Dávilas als Lektüreanweisungen für uns versteht. Denn Gómez Dávila gewinnt für uns heute dadurch an Bedeutung, daß er als „Lehrer des Lesens“ im Sinne Nietzsches wirkt, als Lehrer, der uns dazu bringt, andere, in unserer Zeit oft der Vergessenheit anheimgefallene Aspekte des menschlichen Daseins zu bedenken.1
Im spanischen Original tragen seine Bücher die denkbar sprödesten Titel, die kein Geheimnis preisgeben, zumal es an direkten Leseanweisungen in Form von Vorworten oder Nachworten mangelt: Notas (Aufzeichnungen; 1954), Textos (1959; dt. Texte und andere Aufsätze, 2003); und schließlich die insgesamt fünf Bände der Escolios a un texto implícito (zwei Bände 1977; zwei Folgebände Nuevos escolios 1986 sowie ein abschließender Band Sucesivos escolios 1992). Die Eigenart des aphoristischen Sprechens, die weitgehende Verweigerung gegenüber der systematischen Darstellung eines Denkens, mahnt zu besonderer Vorsicht. Gómez Dávila schuf eine Art System in Aphorismen, einen verborgenen Zusammenhang, der sich erst dem denkenden Leser als Zusammenhang erschließt.
An den Rändern der Welt zu Hause versuchte Gómez Dávila, sich einen Reim auf die moderne Welt zu machen. Diese moderne Welt war ihm Anathema, ein ethisches und ästhetisches Greuel, das er mit allen verfügbaren geistigen Waffen attackierte, wohl wissend um die Vergeblichkeit seines Tuns. Hochgeachtet in der Gesellschaft von Bogotá, lehnte er doch hohe politische Ämter, die man ihm mehrfach antrug, immer ab. Gegen alle vermeintliche Klugheit nannte der Kolumbianer sich selbst einen „Reaktionär“ und machte damit eine Vokabel der politischen Denunziation zu einem Ehrentitel, der höchste Wertschätzung zum Ausdruck bringen sollte.
Ein Reaktionär gegen Fortschritt und Dummheit
Gómez Dávila trifft mit seinen Aphorismen Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, aber auch der menschlichen Natur überhaupt. Die Bibel und die antiken Autoren, so Gómez Dávila, reichten völlig hin, um zu wissen, was man vom Menschen wissen kann Die griechische Tragödie und das christliche Dogma sind in Gómez Dávilas Sicht reife Meditationen über das menschliche Schicksal im Vergleich zum jugendlichen Sentimentalismus der modernen Philosophie. Der Reaktionär stellt sich so in eine Tradition realistischer Politikanalyse, die weiß, was vom politisch handelnden Menschen erwartet werden kann und deshalb mit dem Schlimmsten rechnet. Der Reaktionär kann deshalb auch sagen:
„Der Fortschrittler triumphiert immer und der Reaktionär hat immer recht. Recht haben heißt in der Politik nicht, die Szene zu beherrschen, sondern vom ersten Akt an die Leichen des fünften vorherzusagen.“2
Aufklärung ist für Gómez Dávila Aufklärung über den Menschen selbst, weshalb er sich in die Tradition derjenigen einreiht, die das Treiben der Menschen mit eiskaltem Blick analysierten, ein Blick, der von empfindsamen Geistern leicht als zynisch verstanden werden kann:
„Von Thukydides bis zu seinen heutigen Nachfolgern veranschaulicht ein majestätisches Geschlecht souveräner Geister, kalter und unerschütterlicher Geschichtsbetrachter allein durch seine Anwesenheit die unheilbare Beschränktheit unserer elenden Rasse.“3
Es kann daher nicht verwundern, daß Gómez Dávila in der Lektüre des Thukydides viel Weisheit gefunden hat, weshalb ihm dessen Geschichte des Peloponnesischen Krieges als größtes aller Bücher erschien.4 Thukydides zu lesen ist daher in probates Mittel gegen politische Dummheit. Diese Dummheit ist indes immer auch die eigene:
„Das Leben ist ein täglicher Kampf gegen die eigene Dummheit.“5
Gefährlich wie das Vorurteil der Vorurteilslosigkeit, das Gómez Dávila so scharfsinnig wie kaum jemand erfaßte. Nichts war seiner Meinung nach gefährlicher, als die Vorurteile desjenigen zu verletzen, der behauptet, er habe keine. Diese Einsicht kehrt bei Gómez Dávila in vielen verschiedenen Varianten seiner Dummheitsanalyse wieder. So auch wenn es einmal heißt:
„Der gebildete Dummkopf hat ein noch weiteres Feld, um seine Dummheit auszuleben.“6
Was ist der Mensch?
Der Mensch ist für Gómez Dávila, wie am deutlichsten seinen frühen Texten zu entnehmen ist, das Wesen, das nicht leicht auf den Begriff zu bringen ist. Bestimmt man den Menschen als animal rationale, wie es die Tradition tut, so ist damit zwar das Auszeichnende des Menschen im Sinne einer Wesensdefinition gegeben, nicht aber die paradoxe und oft befremdliche Komplexität des je konkreten Menschen erfasst. Gómez Dávila bemüht sich daher um eine Annäherung an das, was der Mensch in diesem komplexen Sinne ist:
„Wir bilden uns ein, die Geschichte zu erklären und scheitern am Geheimnis dessen, den wir am besten kennen.“7
Am ehesten noch liege das Wesen des Menschen darin, dass er unausweichlich scheitern müsse, weil er seiner Natur nach das begehrende Wesen ist. Der Mensch ist das Tier, das nicht zur Ruhe kommt, das sich nicht einfach in Selbstvergessenheit dem Fluss der Zeit hingeben kann. Der Mensch werde jeden Augenblick der radikalen Zusammenhanglosigkeit der Welt unterworfen, weil jede Lage, in der er sich befindet, sein unruhiges Herz verwundet. Alles im Menschen sei Begierde, Streben, Ungestüm, Gier. Das Verlangen des Menschen nach heiterer Erfüllung ist unsterblich, doch nicht einmal im kurzen Moment der Lust ist es ihm möglich, das ihn stets begleitende Unbehagen hinter sich zulassen, weil er das Fliehen der Momente des Glückes befürchtet und es lediglich für kurze Zeit vermag, die Angst vor der drohenden Einsamkeit zu betäuben. So sehr nun Gómez Dávila in diesen Bestimmungen Grundstrukturen der (unerlösten, d. h. nicht von Gott erhellten) menschlichen Existenz wahrnimmt, so gibt er sich doch mit dieser Bestimmung nicht zufrieden, sondern versucht, die unvollkommene Menschennatur in immer weiteren Erörterungen einzukreisen, wobei er auch auf die Rolle des Bewusstseins zu sprechen kommt, das nicht zuletzt Bewusstsein vom Tode ist und vom Nichts, das den Menschen umgibt.
Scharf beäugt der Reaktionär auch die moderne Technik der Massenmedien, habe doch die ungehinderte Verbreitung der Nachrichten dazu geführt, dass die traditionelle Funktion des Geheimnisses, der Arcana des Staates, durch die öffentliche Lüge ersetzt worden sei. Wollte man die Konsequenzen zu Ende denken, die sich aus den Prinzipien der modernen Gesellschaft ergeben, müsste man sich eingestehen, dass diese nur theoretisch, nicht aber praktisch universalisierbar sind. Das Problem des heutigen Menschen bestehe vielleicht in der ironischen Tatsache, so Gómez Dávila, dass dieser tatsächlich über die Macht verfügt, seine Wünsche zu erfüllen, so dass den pleonektischen Begierden, dem „Immer-mehr-haben-wollen“ der Massen wie der (Pseudo-)Eliten keine Grenzen mehr gesetzt scheinen.
Guerilla-Kampf um die Seele und die Schönheit
Der Reaktionär ist, weil er das Destruktive an der modernen kapitalistischen ebenso wie der sozialistischen Industriegesellschaft empfindet, zugleich der konsequentere Ökologe und der einzig wahre Ästhet. Denn nur jene konspirieren erfolgreich gegen die moderne Welt, so Don Nicolás, die im Geheimen die Bewunderung der Schönheit propagieren.8 Diese Überwindung der Moderne im Geiste soll es dem Einzelnen ermöglichen, angesichts der faktischen Unhintergehbarkeit der Moderne doch ein Leben zu führen, das der Seele einen angemessenen Raum gibt, sich um sich selbst zu kümmern und zwar nicht im trivialen psychologischen Sinne von „Selbsterfahrung“, sondern als zugleich ernsthafte wie ironische Arbeit an der Schönheit der Seele durch die Errichtung einer Rangordnung der Werte in sich selbst. Gómez Dávila präsentiert mit seinen Glossen eine veritable „Ästhetik des Widerstands“ gegen die moderne Welt der Massengesellschaft mit ihrer Hässlichkeit und der Versuchung zur Denkfaulheit.9 Weil im geistigen Guerillakrieg auch kleine Erfolge zählen, ist jeder taktische Gewinn schon von Wert – die Guerilla hat bekanntlich, wie Henry Kissinger gesagt haben soll, schon gewonnen, wenn sie nicht verloren hat. Und vielleicht ist das reaktionäre Denken dann so gar ohnmächtig nicht, denn:
„Fortschrittlich heißt Trägheiten verlängern – Reaktion heißt Automatismen demontieren.“10
Gómez Dávila zufolge ist der Reaktionär ein Anwalt des Anspruchs der Seele auf Schönheit und Intelligenz, wo diese nicht gebührend geschätzt werden. Der Widerstand des reaktionären Denkens gegen eine Welt ohne Schönheit und Würde ist ein mühevoller und gleichwohl erhebender Untergrundkampf, dessen bloße Existenz einen Widerschein jener inzwischen verblassten Schönheit in Erinnerung ruft. Die Reaktion im Sinne Gómez Dávilas ist als Affirmation der konkreten Schönheit eine Notwendigkeit geistiger Selbstachtung im Zeitalter des Nihilismus:
„Der reaktionäre Schriftsteller muß sich bescheiden mit begrenzter Anerkennung, da er nun einmal nicht die Gunst der Dummen erlangen kann.“11
Gómez Dávila bemühte sich selbst nie um eine wachsende Leserschaft, sondern schrieb recht eigentlich nur für den kleinen Kreis der Freunde. Gómez Dávila war im wohlverstandenen Sinne elitär, weil er erkannt hatte, daß die geistigen Hochleistungen der Kultur notwendigerweise keinen Massenanhang finden werden: „Was allen erreichbar ist, lohnt nicht die Mühe, es allen erreichbar zu machen.“12
Gegen die Massengesellschaft mit ihren ästhetisch und ethisch nivellierenden Tendenzen erinnert Gómez Dávila an die Kraft des Individuums, dem Übel mit Würde und Stil zu widerstehen. Das ist auch der für einen Satz wie diesen:
„Vor allem über den Geschmack sollten wir uns streiten. Die übrigen Irrtümer sind nebensächlich.“13
Das Pathos der Distanz zur Vulgarität des modernen Alltagslebens, das seinen Ausdruck in der ätzenden Schärfe seiner Zeitkritik findet, paart sich bei Gómez Dávila mit der stilvollen Gelassenheit des Herren, die wohl nur aus dem tief verwurzelten Glauben an Gott ganz erklärbar ist. Das reaktionäre Denken als Denken des Konkreten sperrt sich gegen jede Reduktion auf ein Schema, auf einen „reaktionären Katechismus“. Gómez Dávila führte seinen einsamen Kampf gegen das Narrenhaus der „modernen Ideen“ und harrte stolz auf, wie es jedenfalls scheint, verlorenem Posten zwischen den Ruinen der modernen Welt aus. Die Wahrheit aber, die er an die Zukunft zu übermitteln suchte, lebt im geistigen Untergrund der auch heute noch vielleicht mehr denn je von intellektuellem Konformismus und Dürftigkeit erstickten Welt, wo man dem Gegen-Glück des Geistes Raum zu geben sucht:
„Bewahren wir in jeder Institution die Mängel, die die moderne Mentalität anprangert. – Es sind die letzten Luftlöcher.“14
Der Kolumbianer Gómez Dávila schreibt gewissermaßen als Freischärler einer philosophia perennis, sofern diese verstanden wird als ein Denken, das auf das blickt, was immer gilt. Und als solcher bleibt er aktuell, wenn Aktualität bedeutet, das Wahre, Gute und Schöne im Blick zu behalten, so unzeitgemäß diese im Morast des Alltäglichen auch erscheinen mögen.
Till Kinzel (Berlin)
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1 Siehe vom Verfasser „Randbemerkungen zu Nicolás Gómez Dávila als Lehrer des Lesens“ [eigentlicher, aber nicht gedruckter Titel: „Die Geburt einer impliziten Bibliothek aus dem Geist des Aphorismus“], in: Einfache Formen und kleine Literatur(en). Für Hinrich Hudde zum 65. Geburtstag, hg. von Michaela Weiß und Frauke Bayer, Heidelberg: Winter, 2010, S. 77-88.
2 Nicolás Gómez Dávila, Einsamkeiten. Glossen und Text in einem, Wien: Karolinger, 1987, S. 25.
3 Nicolás Gómez Dávila, Notas. Unzeitgemäße Gedanken, Berlin: Matthes & Seitz, 2005, S. 318.
4 Nicolás Gómez Dávila, Notas. Unzeitgemäße Gedanken, Berlin: Matthes & Seitz, 2005, S. 320.
5 Siehe Nicolás Gómez Dávila, Aufzeichnungen des Besiegten. Fortgesetzte Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien; Karolinger, 1994, S. 28 (leicht geänderte Übersetzung).
6 Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien: Karolinger, 2006, S. 61.
7 Nicolás Gómez Dávila, Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift . . . Aphorismen, Stuttgart: Reclam, 2007, S. 79. Jetzt neu erschienen im Buchhaus Loschwitz unter dem Titel: Der Skeptizismus ist die ästhetische Nachtwache vor dem Kreuzzug. Dresden 2025.
8 Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien: Karolinger, 2006, S. 542.
9 Zur wichtigen Literaturästhetik siehe vom Verfasser den Beitrag „Ein kolumbianischer Guerillero der Literatur: Nicolás Gómez Dávilas Ästhetik des Widerstands“, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift 1/2004, S. 87-107.
10 Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien: Karolinger, 2006, S. 560.
11 Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien: Karolinger, 2006, S. 584.
12 Nicolás Gómez Dávila, Aufzeichnungen des Besiegten. Fortgesetzte Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien: Karolinger, 1994, S. 47.
13 Nicolás Gómez Dávila, Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten. Ausgewählte Sprengsätze, hg. von Martin Mosebach, Frankfurt/M.: Eichborn, 2006, S. 263.
14 Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien: Karolinger, 2006, S. 511.