Christiane Tietz: Nietzsches Leben und Denken im Bann des Christentums

Friedrich Nietzsche (1944-1900) in Sils Maria in der Schweiz

Das vor Kurzem erschienene Buch „Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums“ der EKHN-Kirchenpräsidentin Christiane Tietz beschäftigt sich mit Nietzsche – oder besser gesagt: Es beschäftigt sich nicht nur mit Nietzsche, sondern will vielmehr auf eine biografische Art und Weise darstellen, wie sich die Philosophie Nietzsches im Bann des Christentums bewegt oder entstanden ist. Man fragt sich als Leser prima facie, was genau bzw. welche konkreten Ziele dieses Buch nun haben soll: Ist es eine Genealogie der Gedanken Nietzsches und der Entstehung seiner Werke? Oder soll hier werkzentriert ausgesagt werden, dass sich dieses Werk nicht unbedingt historisch, sondern vielmehr systematisch in einem christlichen Kontext bewegt? So könnte man schließlich auch den mehrstimmigen Titel deuten.

Was prima facie unklar ist, bleibt leider streckenweise bis zum Ende (Epilog inklusive) unklar. Das heißt aber nicht, dass sich ein Blick in das ominöse Werk von Tietz nicht lohnen würde. Interessant sind die biografischen Notizen, Erklärungen, Tagebucheinträge, Briefe und Rückerinnerungen – teils von Nietzsche, teils von seinen Gefährten –, welche Tietz systematisch miteinander verwebt. Eine klare Differenzierung von Autor, Werk und Tagebucheinträgen oder Briefen macht das Buch von Tietz und die darin vorhandenen, wenn auch nicht ganz scharf gestellten Thesen jedoch problematisch zu überprüfen. Schließlich fragt man sich durch und durch, was möglicherweise „nur“ eine christliche und zur damaligen Zeit übliche Sprachwendung in einem Brief sei – und was durch diese Sprachwendungen an der eigenen Haltung Nietzsches ableitbar ist.

Im Dialog mit Gott

Dabei wäre eine ausgearbeitete Arbeitsthese hier durchaus denkbar, wie z. B. im Sinne einer stetigen Relation Nietzsches zu Gott oder dem Christlichen. Das würde heißen, dass das Christliche als ständiger, wenn vielleicht auch fiktiver Gesprächspartner Nietzsche gegenübertritt – oder mit anderen Worten: dass Nietzsche um christliche Ideen und Gott herumkreist. Auch eine Zweifelbestimmung im Sinne der Auslegung des Anfechtungsbegriffs von Paul Tillich wäre hier denkbar (man muss fairerweise sagen, dass der letzte Abschnitt im Epilog so etwas zumindest andeutet: „Dennoch bleibt der Glaube ein Ringen um Gott und ein Suchen nach ihm. Immer wieder gibt es dabei Momente des Findens. Und es gibt Momente, in denen ich erlebe, dass Gott schon lange mich gefunden hat. Dies sind die Momente, in denen ich schlicht nicht anders kann als glauben.“ (S. 185) – oder zumindest Ideen der Orthodoxie, wie z. B. die Theosis, wären zumindest in Ansätzen denkbar zu untersuchen. All diese Punkte werden leider nicht problematisiert bzw. aufgegriffen, was in Anbetracht des Themas durchaus schade ist. (Damit will ich in keiner Weise sagen, dass ich diese Thesen befürworte, aber eine diesbezügliche Untersuchung wäre zumindest im Bereich des Möglichen.)

Nach diesen langen Passagen der eindeutigen christlichen Prägung Nietzsches in seinen Jugendjahren greift das Buch erneut die offen formulierte Ausgangsfrage auf – oder besser im Plural formuliert: die offen formulierten Ausgangsfragen, bei welchen sich das Buch auf keine konkrete Frage einigen kann. Höchstens, dass die Verfasserin Nietzsche zu Wort kommen lassen mag (vgl. S. 181), was wiederum laut Verfasserin heißt: „[…] sich Nietzsche intellektuell und als glaubender Mensch zu stellen.“ (S. 181) Wie und in welchem Kontext dies vonstattengehen soll, bleibt zumindest m. E. offen.

Aber zurück zum Text: Im Zentrum steht die Sprache Zarathustras, also das Hauptwerk Nietzsches. Die Sprache des besagten Werkes soll biblisch geprägt sein und biblische Sprachwendungen nutzen (S. 110 ff.). Und ja, dies stimmt auf jeden Fall. Der Schluss – und eine mögliche Antwort auf jene schwammig formulierte Ausgangsfrage –, nämlich dass dadurch ein christlicher Kontext entstehen würde, kann jedoch m. E. gerade nicht daraus abgeleitet werden. Denn Nietzsche schreibt bewusst sprachlich biblisch. Der Grund dafür kann zweierlei sein:

  • a) Entweder Nietzsche versucht bewusst, die Sprache der Bibel zu ironisieren, indem er diese sprachlich-mimetisch wiederholt, um die antichristlichen Inhalte, aus denen das Werk fast ausschließlich besteht, in einen ironischen sprachlichen Mantel zu verpacken;

oder

  • b) – und dies spielt gewiss auch eine Rolle – die Sichtweise z. B. auf den Zoroastrismus wird durch eine alttestamentliche oder christliche Prophetie beschrieben, weil sehr viele Zugänge zu anderen Religionen in der damaligen Zeit durch eine christliche Brille vonstattengingen und die eigentliche Religion sowie ihre Praktiken und Ästhetiken dadurch entkernten. Schopenhauers Werk ist voll von diesen „christozentrischen“ Zugängen zu anderen Religionen.

Beide dargestellten Gründe könnten bei Nietzsche eine hervorzuhebende Rolle gespielt haben. Beide möglichen Interpretationen der Gründe werden von der Verfasserin – ob bewusst oder unbewusst – übersehen. Es scheint so, als wolle man hier, zumindest in dieser Passage, eine sehr christentumsfreundliche Leseart Nietzsches darstellen oder zumindest eine für Christen diskutierbare Interpretation dem Leser an die Hand geben und das Werk somit zumindest auf diese Fragen als „untersuchbar“ gestalten.

Für ein lebensbejahendes Christentum?

Dennoch ist das Vorhaben generell richtig, d. h.: auch konservative Christen sollten sich stark mit Nietzsche auseinandersetzen und die brachialen Schwachstellen Nietzsches gerade jungen Menschen an die Hand geben, die bevorzugt Nietzsche lesen. Denn der philosophische Zugang ist ein viel einfacherer, da sich das Beschäftigen mit Nietzsche meistenteils vor allem in der Rezitation seiner sprachakrobatischen und aphoristischen Sätze beschränkt – und nicht, wie bei der Beschäftigung mit den großen Systemphilosophen, eine tatsächliche Kenntnis der Materie und auch der Vorgeschichte vorhanden sein muss, zumindest in dieser oberflächlichen Beschäftigung.

Trotz dieser benannten aphoristischen Behandlung Nietzsches durch junge Menschen sind diese nicht gegen die antichristlichen Grund- und Hauptmotive innerhalb des Werkes Nietzsches gefeit. Eine indirekte Übertragung solcher Denkwege ist zumindest nicht auszuschließen – und bildet m. E. eine der Hauptaufgaben der heutigen Apologie. Gerade deswegen ist das Aufgreifen der Thematik durch Tietz doch gerade so richtig und wichtig zugleich – m. E. auch aus konservativ-christlicher Sicht.

Sebastian Szimonisz (Berlin)

Christiane Tietz: Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums

Lesen Sie hier eine Übersicht über Nietzsches Leben und Werk.

„Es ist falsch bis zum Unsinn, wenn man in einem ‚Glauben‘, etwa im Glauben an die Erlösung durch Christus das Abzeichen des Christen sieht: Bloß die christliche Praktik, ein Leben so wie der, der am Kreuze starb, es lebte, ist christlich… Heute noch ist ein solches Leben möglich, für gewisse Menschen sogar notwendig: Das echte, das ursprüngliche Christentum wird zu allen Zeiten möglich sein… Nicht ein Glauben, sondern ein Tun, ein Vieles-nicht-tun vor allem, ein anderes Sein… “ (Friedrich Nietzsche)