Eine Lageanalyse und Hommage an Christa Meves:
Hinter uns liegt ein Jahrhundert, das geprägt war von zwei Weltkriegen und von einer bis vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbaren technologischen Revolution, verbunden mit einem allgemeinen Paradigmenwechsel in nahezu allen westlichen Gesellschaften: in den Kultur- und Moralvorstellungen ebenso wie in der Wirtschaft und den sozialen Bezügen. Die ganze Welt ist gleichsam als „global village“ zusammengeschmolzen. Auch in Wissenschaft und Medizin hat die technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu Weiterentwicklungen ungeahnten Ausmaßes geführt. Der Mensch dringt in alle Bereiche vor und erschließt dabei neue faszinierende Welten. Es gibt neue medizinische Möglichkeiten, die vor zehn Jahren noch in den Bereich der Utopie verwiesen worden wären! Es wurden auch Dinge zur Erleichterung des Alltags geschaffen, die Generationen vor uns nicht einmal zu träumen wagten.
Dennoch, so müssen wir feststellen, ist der Mensch nicht zufriedener oder dankbarer geworden. Das meiste davon ist dem Menschen des 21. Jahrhunderts inzwischen selbstverständlich, sodaß er sich mit der dadurch gewonnenen Zeit oftmals in den so genannten „Freizeitstress“ oder in andere ziellose Aktivitäten flüchtet. Etwas zeichnet sich deutlich ab: der Mensch hat seine Mitte verloren und damit sein zuträgliches Maß! Zu schnell ist ihm viel zugefallen, was er tun kann und dabei ist ihm nicht genug Zeit geblieben, um rechtzeitig zu überlegen, ob er das alles tun darf oder es auch nur tun soll. Derartige Omnipotenzvorstellungen gab es zu allen Zeiten, aber es gab noch nie ein Jahrhundert, in dem so verbissen an der Umsetzung all dieser Möglichkeiten gearbeitet wurde.
Das Kindeswohl aus den Augen verloren
In den 70er Jahren galt das Schlagwort „Innovation ist alles“, Tradiertes erschien grundsätzlich als überholt und nicht mehr der Beachtung wert. Inzwischen ist die Euphorie weitgehend verflogen und viele junge Leute fragen sich zurecht mit Erstaunen und Entsetzen, wie der jetzige desolate Zustand überhaupt hat möglich werden können! Die meisten politischen Entwicklungen unserer Zeit haben ihre Wurzeln in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Der erste Aufbruch der Frauen erfolgte bereits in der Zeit der Jahrhundertwende. Berufstätigkeit der Frauen wurde in weiten Bevölkerungsschichten immer selbstverständlicher, und man wusste noch nicht so viel über die Bedürfnisse der Kleinstkinder und deren Entwicklung. Bald ergab sich dann natürlich ein neues Familienmodell, das den Männern einen kräftigen Teil der Familienarbeit übernehmen läßt! Das ist sicher auch eine berechtigte Forderung, wenn die Frau ebenfalls berufstätig ist und von einem langen Arbeitsalltag nach Hause kommt. Allerdings ergeben sich dadurch auch viele neue Spannungen in der Familie und oft sind dann beide überfordert. Jedes Jahr werden in Deutschland und Österreich tausende unmündige Kinder zu Scheidungswaisen. Da stimmt etwas von Grund auf nicht!
Schon lange werden Kindertagesstätten und Kinderkrippen propagiert, um die berufstätigen Eltern zu entlasten. Das klingt natürlich „zu schön, um wahr zu sein“, und viele Politiker vertreten dieses Modell in guter Absicht. Leider geht diese Rechnung nicht auf. Frau Meves hat in ihren jahrzehntelangen Studien herausgefunden, warum zu früh kollektivierte Kinder Riesenansprüche entwickeln: es handelt sich um das Problem des emotionalen Defizits. Es ist heute erwiesen und durch seriöse Hirnforschung belegt, daß Säuglinge und Kleinkinder am besten bei ihren Müttern, aufgehoben sind, womöglich bis zum siebenten Lebensjahr. Frau Meves ist Psychagogin und hat beim therapeutischen Spielen viel Einblick in die „gestörte Kinderseele“ erhalten. Ihr unermüdliches fragendes Nachforschen bei den Familien der Kinder und die Beschäftigung mit deren Vorgeschichten hat sie dann zum wissenschaftlichen Studium gebracht. Ich möchte hier nur die Antriebslehre der Neoanalytiker erwähnen, die sie bei ihren Erkenntnissen als richtige Grundlage erfaßt hat. Ihr Augenmerk richtete sich durch diese Forschungstätigkeit und die praktische Arbeit mit „schwierigen“ Kindern immer mehr auf die Bedeutung dieses Ansatzes: in den ersten Kinderjahren liegt oft die Quelle von Neurosen im Erwachsenenalter.
Für eine Erziehung zur Gesundheit
Ihr großes Verdienst besteht darin, die kommenden Entwicklungen bereits in den 60er Jahren vorausgesehen zu haben, da sie umfassende Forschungsarbeit geleistet hat. Ihre detaillierten Fallbeschreibungen und ihre praktischen, lebbaren Erziehungsempfehlungen kann man in ihren zahlreichen Werken nachlesen! Sie hat diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine leicht verständliche Sprache für Nicht-Fachleute gesetzt, und ihre Bücher wurden auch in andere Sprachen übersetzt. Tatsache ist auch, daß sie bereits mehreren Generationen verunsicherten jungen Frauen und Müttern geholfen hat, ihre Kinder zu gesunden lebensbejahenden Menschen zu erziehen! Sie sagt einfach, was ist, unkompliziert und verständlich, untermauert vom enormen Wissen und der gesunden Intuition, vom Hausverstand und der Liebe zum Menschen unserer Tage.
Freilich wurde sie vor allem in Deutschland politisch bekämpft, vor allem ihr berechtigter Einsatz für ein Müttergehalt, um die Existenz der Frauen mit Kindern abzusichern. Es ist sehr traurig, daß bis heute darum gekämpft werden muß! Es gibt unzählige erschreckende Beispiele von nicht geglückter Erziehung, beziehungsweise schwer gestörten jungen Menschen. Erst zu Beginn des letzten Sommers erschütterte ein jugendlicher Schulamoklauf in Graz ganz Europa. Es seien Gewalt-Computerspiele, Frühsexualisierung und der falsche Umgang mit Smartphones genannt, um nur einige neue Gefahrenquellen für Kinder zu nennen.
Uta Cotroneo (Wien)
Die Homepage von Christa Meves finden sie hier: „Die Familie ist das Herz der Gesellschaft.“
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