Itamar K. ist eine bewusste Anspielung auf Kafka – aber keine literarische Spielerei. Das Buch beschreibt einen Menschen, der in ein moralistisch aufgeladenes System gerät, in dem Abweichung nicht mehr diskutiert, sondern pathologisiert wird. Schuld entsteht nicht durch Taten, sondern durch Haltung. Wer nicht konform ist, wird markiert. Nicht durch Gewalt, sondern durch Deutung.
Kafka: Der Prozess
Wie Kafkas Josef K. steht auch im Israel der 90er-Jahre ein Einzelner einem moralisch überlegenen, aber intransparenten System gegenüber. Während Kafka die Ohnmacht des Individuums beschreibt, verweigert Iddo Netanyahu diese Logik. Sein Protagonist zerbricht nicht, er widersetzt sich. Er widersetzt sich der Versuchung, sich zu beugen, um dazuzugehören. Dem System erscheint er dabei nicht als heroisch, sondern als dumm – schlimmer noch: als störrisch.
Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Israelis Itamar K., der nach einem Filmstudium in New York mit einem Drehbuch nach Israel zurückkehrt. Thema des Films ist der verstorbene Konzertsänger Shaul Melamed, ein gefeierter Künstler und persönlicher Freund des jungen Schriftstellers. Allerdings zählt er nicht zu den „Richtigen“: kein Linker, kein moralisch brauchbares Symbol. Was zunächst wie ein kulturelles Projekt wirkt, entwickelt sich rasch zu einer ideologischen Prüfung. Je mehr Itamar versucht, sein Drehbuch und das Bild seines Freundes zu bewahren, desto deutlicher wird: Nicht Qualität oder Wahrheit entscheiden, sondern Gesinnung. Itamar selbst ist unpolitisch, beinahe naiv. Doch genau dieses Zögern bringt ihn in Konflikt mit der selbstreferenziellen Kulturszene, die sich als kritisch versteht, faktisch aber nur Abweichung sanktioniert.
Die Satire lebt davon, wie schnell pseudomoralische Überlegenheit in soziale Erpressung umschlägt. Itamar K. ist komisch, präzise und zunehmend unangenehm. Es ist eine Abrechnung mit einer Kultur, die Toleranz predigt und Konformität verlangt.
Der Autor
Der Autor Iddo Netanyahu (geb. 1952 in Jerusalem) ist Arzt, ehemaliges Mitglied der Eliteeinheit Sayeret Matkal und Bruder des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu. Er wuchs in Israel und den USA auf und arbeitete zunächst in der Medizin, bevor er sich verstärkt dem Schreiben zuwandte. Neben Kurzgeschichten und historiografischen Arbeiten veröffentlichte er mehrere Theaterstücke, die international aufgeführt wurden. Itamar K. ist sein erster auf Deutsch erschienener Roman.
Die geplante Buchpräsentation in Wien musste zweimal verlegt werden – aus angeblichen Sicherheitsbedenken und aus der offensichtlichen Angst der Veranstalter, sich in einer aufgeheizten politischen Atmosphäre zu positionieren. Das ist bezeichnend. Literatur ist immer politisch, doch hier geht es nicht um den Nahostkonflikt, sondern um den Zustand des Kulturbetriebs selbst.
Anpassung ist kein moralischer Fortschritt
So wie von Itamar im Roman Haltung eingefordert wird, gilt das auch für seine Rezeption. Die Frage ist nicht, ob man „neutral bleiben“ kann, sondern ob man den Mut hat, sich nicht wegzuducken. Die Antwort des Buches ist eindeutig: Anpassung ist kein moralischer Fortschritt. Wer sich selbst verleugnet, wird nicht integriert, sondern entkernt. Itamar K. ist ein Plädoyer für intellektuelle Selbstachtung und gegen die Erwartung, sich zur Erlangung von Zugehörigkeit selbst zu entschärfen.
Im Gespräch zwischen Stefan Lakonig und dem Autor geht es folglich nicht nur um Literatur, sondern um Machtverhältnisse im Kulturbetrieb, um das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden jenseits ritualisierter Schuldkommunikation – und um die Frage, ob man sich anpassen muss, um akzeptiert zu werden.
Stefan Lakonig (Kärnten/Wien)
Buchbesprechung des Autors mit Dr. Stefan Lakonig:
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